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eingetragen von Sigmar Salzburg am 28.09.2018 um 09.27

Die Zerstörung der alten deutschen Städte durch die alliierten Bomberflotten war ein militärisch sinnloses Kriegs- und Kulturverbrechen. Das „Moral Bombing“ zur Demoralisierung der Bevölkerung bewirkte eher das Gegenteil.

Die linken Modernisten im Gefolge des Architektur-Revoluzzers Le Corbusier (übrigens ein Faschistenfreund), die ähnliches schon gefordert hatten, fanden nun endlich die ersehnten Freiflächen, um ihre Wohnmaschinen und autogerechten Straßen zu verwirklichen.

Ungläubig hörten wir daher in den Sechzigern an der Architekturabteilung Hannover, daß die Polen in der usurpierten Stadt Danzig die Altstadt fassadengetreu wiederaufgebaut hätten.

In Deutschland erfolgten noch weitere Abrisse, im Osten aus Ideologie, im Westen außerdem aus Raffgier. Als in Frankfurt der Frankfurter Römer nachgebaut wurde, empörte sich der Architekturkritiker (und Musikwissenschaftler) Manfred Sack, daß sich Architekten „für derlei hergeben“. (Beim Nachspielen der Musik Mozarts und Bachs hatte er diese Bedenken wohl nicht).

1981 sah ich noch Bäume aus den Fenstern der Ruine der Alten Frankfurter Oper sprießen, die der Dynamit-Rudi, SPD-OB Arndt, hatte wegsprengen wollen. Zwei Jahr später konnte ich an der ersten Musikaufführung dort teilnehmen.

Nun ist seit heute die Neue Altstadt Frankfurt eröffnet, die das frühere Aussehen der Häuser hinter dem Römer annähernd wiedergibt. Den mühsamen Kampf dahin beschreibt der einstige FFB-Vorsitzende Wolfgang Hübner, während die „Junge Freiheit“ einen aufschlußreichen Video-Bericht dazu liefert.


https://youtu.be/lIlLF3yX5ak

Die „Junge Freiheit“ zeigt in der orthographischen Gestalt ihrer Druckausgabe zugleich, wie viel einfacher es wäre, auch in der Rechtsschreibung das Altbewährte wiederherzustellen, das von den Ideologen und Fortschrittsfanatikern zerstört wurde.

Dazu bei Tichy von Thorsten Meyer:
Warum hassen Linke die neue Altstadt?
tichyseinblick.de 27.9.2018

... und vom unserem wackeren Dankwart Guratzsch:
Ist Fachwerk faschistisch?
welt.de 23.4.2018



eingetragen von Sigmar Salzburg am 19.09.2018 um 18.01

An den Lesestunden des Antikenexperten Peter Petersen, ehemals Lehrer für Griechisch und Latein an der Kieler Gelehrtenschule, nehmen meine Frau und ich möglichst regelmäßig teil. Am letzten Montag erlebten wir wieder eine kenntnisreiche, gut bebilderte und vergnügliche Interpretation von Senecas Epistula moralis 51: Reise nach BAIAE.

Darüberhinaus versorgt Herr Petersen seine Fangemeinde noch per E-Mail mit Literaturtips, wie diesem:

Polly Lohmann, Graffiti als Interaktionsform. Geritzte Inschriften in den Wohnhäusern Pompejis (Materiale Textkulturen Bd. 16, Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 933), De Gruyter Berlin/Boston 2018 (Diss. München 2016), 486 Seiten, 119,95 €, ISBN 978-3-11-057036-6

Open access: Autorin und Verlag haben den grandiosen Titel gratis zum Download online gestellt:
https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/488442
Ich habe das Buch schon durchgesehen. Es ist (natürlich) in „Reformschreibung“ gehalten, wobei besonders am Anfang die Häufung hypertropher Großschreibung auffällt, z.B. hier als optischer Kategorienfehler, indem das unbestimmte Zählwort „andere“ wie die vorhergenannten Berufe großgeschrieben wird:
Auch einige der pompejanischen Graffiti nennen explizit servi und vernae als ihre Autoren, wie in Kapitel 8.2 zu sehen sein wird, ebenso wie verschiedene Berufsgruppen in den Texten auftauchen, die Lese- und Schreibkenntnisse zumindest in einzelnen Fällen für Weber, Walker, Parfümmacher, Gemmenschneider, Friseure, Ziseleure und Andere belegen.

Von 13 Graffiti im Peristyl der Casa degli Amorini dorati befinden sich elf an den Säulen und nur eine Inschrift an der Westwand. Diese ist, ebenfalls als Einzige [Bezug auf Inschrift!], in griechischen Buchstaben verfasst ...

Würde man den Graffiti als einer Art Wegweisern durch das Haus folgen, passierte man in den Fauces zwei Paar Stiefel, die als antike Graffitizeichnungen einzigartig sind; zwar gibt es, z. B. in Ephesos, vereinzelt Fußabdrücke im Boden, nicht jedoch an der Wand, so dass diese Stiefel eher als Ware in Verbindung mit der nebenstehenden Preisangabe von dreieinhalb Assen stehen.
Hier wurde es spannend: Würde die junge Doktorin für die Einzahl der römischen Münze die reformierte Assschreibung verwenden? Aber es kann Entwarnung gegeben werden:
Dafür machte eine Hedone im Atrium der Casa dell’Orso (VII 2,44–45) klar: „Hedone sagt: Für 1 As trinkt man hier. Wenn du einen Doppelten gibst, wirst du Besseres trinken; und vier, wenn du die gibst, so wirst du Falerner trinken“
Geschenkt, daß viele Wandkritzeleien als „aufwändig“ „platziert“ beschrieben werden. Unterhaltsam deftig sind dagegen die Inschriften der Lupanarien:
Ohne Namen lassen sich Frauen grammatikalisch kaum im Material fassen, außer z. B. in dem prominenten Fall aus dem bereits mehrfach angeführten Bordell VII 12,18–20:„Hic ego fututa sum.
Das erinnert daran, daß Teil ihres Arbeitsgebietes „Gender Studies“ sein sollen, ohne die heute wohl keine Karriere zu machen ist.– Im Laufe der Jahrhunderte der Freilegung dieser antiken Stätten sind, wie Polly Lohmann nachweist, Unmengen alter Graffiti verwittert und verschwunden. Bei meinem letzten Besuch in Pompeji war auch ich entsetzt, wie wenig geschützt diese Zeichen antiken Lebens waren.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 10.09.2018 um 02.51

faz.net 6.9.2018 Im September 2008 kam Hans Puttnies nach Palmyra... Er filmte, was er sah und was damals noch jeder sehen konnte ...

Würde Puttnies heute wieder nach Palmyra fahren, fände er fast nichts mehr von dem wieder, was er vor zehn Jahren aufgenommen hat. Das Museum ist verwüstet, die Löwenstatue zerschlagen. Den Baalschamintempel und die Grabtürme haben Handlanger des „Islamischen Staats“ im August 2015 gesprengt, der Hadriansbogen folgte im Oktober.

Vom großen Baaltempel stehen nur noch die Außenmauern und der Torzugang der Cella. Der Tetrapylon an der Kreuzung der Kolonnaden mit der antiken Ost-West-Achse, der dem ersten Vernichtungsfuror entgangen war, wurde bei der zeitweiligen Rückeroberung Palmyras durch den IS im Frühjahr 2017 gesprengt. Die Ruinenstätte, seit 1980 Weltkulturerbe, ist praktisch planiert, der Anblick, den sie einmal bot, eine ferne Erinnerung.
................................................
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/film-ueber-vom-is-zerstoerte-ruinenstadt-palmyra-15771317.html

[Nicht erwähnt:] Die Dschihadisten des IS haben in Palmyra den syrischen Archäologen Khaled Asaad ermordet. Der 82-Jährige hatte ein halbes Jahrhundert lang die Ruinenstadt erforscht... Seine Leiche soll seither an einer der römischen Säulen hängen, die er selbst restauriert hat. [Schuld:] Pflege der „Götzen“ von Palmyra. faz.net 19.8.2015


eingetragen von Sigmar Salzburg am 27.07.2018 um 05.54

»Ich wollt', ich wär' ein Huhn, ich hätt' nicht viel zu tun,
ich legte täglich nur ein Ei und sonntags auch mal zwei.«

Dieses Liedchen des „Meistersextetts, früher Comedian Harmonists“ von 1935 läßt einen neiderfüllt auch an Peter Bartels' Textproduktion denken. Der ehemalige BILD-Chef kann einfach nicht anders, und wo er seinen trivial geschulten Blick hinwendet, kommt ein satirisch-sarkastischer Text heraus, der sogar bei BILD verboten gewesen wäre. Diesmal über das Kulturereignis Bayreuth:

„EINSAM IN TRÜBEN TAGEN …“

Lohengrin grinst: Grüne Wachtel auf dem Grünen Hügel


26. Juli 2018

Thema "Lohengrin" und Merkel, passt wie Faust aufs Auge.

Von PETER BARTELS | Es ist mal wieder soweit – der Grüne Hügel in Bayreuth bebt. Alles, was sich für was hält, ächzt viereinhalb Stunden auf Wagners harten Stühlen. ‚Bitte vorher Pippi machen‘, fleht Horst Cronauer in BILD. Und: Handy aus, wer nicht sterben will …

Der inzwischen silberne Horst aus der Frankfurter Redaktion warnt jedes Jahr. Er kennt sich aus mit Richard: Bei Wagner darf man nur NACH den Akten klatschen. Nicht, wie bei Verdi die Itaker, mittendrin, weil grad einer so schön geträllert oder geknödelt hat. Klaro, Croni!!

Unter den Nickeseln ist alles, was sich noch Schminken läßt – sogar die ewige Désirée Nick (61) wirkt wie Tau … Gesundheitsminister/In Jens Spahn (38) mit schlaffer Damen-, Ehemann Daniel Funke (36) mit strammer Herren-Fliege, wie es sich halt auch bei spießigen Schwulen gehört … FDP-Chef Christian Lindner (39) extra mit neuer RTL-Franca (28); bei ihm reicht „die Nackenhaare schön“, bei ihr noch Kernseife … Und unser aller Peronje aus Schlesien, der Thomas Gottschalk (68) und seine allzeit tapfere Thea (72); ER die Haare Dreiwettertaft, SIE sogar mit – ungewollt (?) – AfD-blauer Strähne. Guckst Du, Bystron … sag’s dem Gauland, der Weidel!!

Und dann, natürlich, SIE!! Walküre. Klein aber Klotz. Grün? Mighty-Mint! Bis zum Täschchen, zu den Schühchen. Hach, wenn das Antonia¹ keine so fettigen, langen Zotteln hätte … dream couple!! Aber wer weiß?? So jedenfalls mußte Angela (64), die mächtigste Watschel-Wachtel der Welt, mal wieder mit ihrem Prinzgemahl, dem ewig säuerlichen Springer-Prof. Sauer (69), Vorlieb nehmen (Aufsichtsrats-Gehalt: 10.000 Euro! Jahr oder Monat? Eigentlich egal …). [...]

pi-news.net 26.7.2018

Orthogaphieanalyse – 778 Wörter: 2 dass; passt; traditionell: mußte, paßt, läßt; soweit; [Wagner-Zitat: daß, muß]
Der sächsische Komponist und Dichter wollte einst dem ewigen „heiligen Deutschland“ ein Denkmal setzen, wurde zeitweilig als „Führervorbild“ verfemt und hätte sich sicher nicht träumen lassen, daß nun die ewige Kanzlerin der „mehr oder weniger länger hier Lebenden“ routinemäßig zu seinen Weihespielen wallfahrtet.

¹) Anton Hofreiter?


eingetragen von Sigmar Salzburg am 08.05.2018 um 10.05

... von Kadmos will ich singen
Veranstaltung

Wann: 13 Januar 1991
Wo: Abguss-Sammlung Antiker Plastik Berlin - Berlin, Deutschland

Konzert im Rahmen des "Schauplatz Museum ´91". Alte Texte - Neue Musik.

Da auch die Musik des alten Griechenland bis auf wenige Fragmente verschollen ist, gab es in späteren Zeiten immer wieder Versuche von Komponisten, mit neuen musikalischen Mitteln den Geist der antiken Dichtung wiederherzustellen. Zur Aufführung kommen Werke von Eisler, Fortner, Hindemith, Kodaly, Ravel und Schoeck.
Gottfried Curio (Klavier)

Johanna Daneck (Sopran): geboren 1963, Mitwirkung bei zahlreichen Kirchenkonzerten.
Wilhelm Füchsel (Tenor): geboren 1937, seit 1969 im RIAS - Kirchenchor.

Näheres zu Gottfried Curio hier.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 13.01.2018 um 10.49

Dem Komponisten und Musikologen Moritz Eggert ist möglicherweise eine bedeutsame musikwissenschaftliche Entdeckung gelungen. Das erste Wort in Mozarts Ulk-Kanon „Difficile lectu mihi Mars“ sollte in heutiger philologischer, vermeintlich klassischer k-Lautung des lateinischen „c“ ausgesprochen werden. Dann ergäbe sich eine weitere Frivolität – auf bairisch:

„di fick i, le-leck du mi im oarsch (und) aiern, di fick i ...“
(frei nach nmz.de 8.9.15).
Ob Mozart das schon bekannt war, ist nicht bekannt. Die deutsche Wikipedia bringt darüber nichts, die englische aber einen ausführlichen Artikel (hier bei uns erwähnt), jedoch noch nicht auf diesem letzten Stand. Aber es werden die Umstände geschildert, denen das kleine Werk geschuldet ist:
A tale concerning how the canon was composed and first sung was offered by Gottfried Weber, a musicologist and editor of the early 19th century. In an 1824 issue of Caecilia, the journal he edited, Weber published a facsimile of the original manuscript of the canon (see figure above). In his commentary, Weber included the following.

"Die Geschichte aber ist folgende. Der sonst treffliche Peierl hatte einige wunderliche Eigenheiten der Wortausprache, über welche Mozart in freundlichem Umgange mit ihm und anderen Freunden, oft scherzte. Am einem Abende solchen fröhlichen Beisammenseins kam Mozarten der Einfall, ein Paar lateinische Wörter "Difficile lectu mihi" u.s.w. bei deren Absingen Peierls Aussprache in komischem Lichte hervortreten musste, zu einem Canon zu verarbeiten; und, in der Erwartung, dass dieser die Absicht nicht merken und in die Falle gehen werde, schrieb er gleich auf der Rückseite desselben Blattes den Spottkanon: O! du eselhafter Peierl! . Der Scherz gelang, und kaum waren jene wunderlichen lateinischen Worte aus Peierls Munde in der erwarteten komischen Weise zu allgemeinen Behagen gehört worden, so drehete Mozart das Blatt um, und liess nun die Gesellschaft, statt Applaus, den kanonischen Triumph- und Spottgesang anstimmen: O! du eselhafter Peierl!
Anm.: Peierl, Johann Nepomuk, bayr. Bariton/Tenor, 1761 – 1800.

Der Kanon selbst: https://youtu.be/sTRlabuB64s


eingetragen von Sigmar Salzburg am 10.01.2018 um 08.42

Kurz vor dem Ablauf des Jubiläumsjahres 2017 erinnerte die Neue Zürcher Zeitung an die Entdeckung des berühmten materialistischen Lehrgedichts des Lukrez (ca. 99-53 v. J.) – pikanterweise am zweiten Feiertag des christlichen Weihnachtsmärchens.

Die Wiedergeburt eines Atheisten
Sonne, Mond, die Erde: Alles ist zufällig entstanden, aus kleinsten Teilchen. Vor 600 Jahren wurde das bahnbrechende Gedicht «De rerum natura» von Lukrez wiederentdeckt – und gehörte schon bald zu den verbotenen Büchern.
Christoph Lüthy 26.12.2017, 14:26 Uhr

Lukrez zeigt auf die Atome, die im Sonnenlicht tanzen. Abbildung aus der Ausgabe von «De rerum natura» von Thomas Creech (Oxford, 1683). (Bild: PD)

Vor 600 Jahren, im Jahr 1417, entdeckte der Humanist und Manuskriptjäger Poggio Bracciolini in einem nicht namentlich bekannten Kloster in der weiteren Umgebung der damaligen Konzilstadt Konstanz ein ganz besonderes Manuskript. Seine Entdeckung war das verloren geglaubte Lehrgedicht «De rerum natura» («Von der Natur der Dinge») des römischen Dichters Titus Lucretius Carus. Bracciolini liess sich eine Abschrift anfertigen, die nach seiner Rückkehr nach Italien wiederum kopiert wurde. So verbreitete sich dieser antike Text zuerst in der Toskana und in Norditalien, bevor er erstmals in Brescia 1473 und danach mit zunehmender Häufigkeit auch anderswo gedruckt wurde.

Die Philologen reagierten auf den neuen Text zunächst mit Bewunderung, die Humanisten mit Neugierde, die Theologen mit Abscheu. Denn als Anhänger der Schule des griechischen Philosophen Epikur war es Lukrez daran gelegen, dem Leser Gemütsruhe zu schenken und die Furcht vor dem Tod zu nehmen. Diesen Gemütszustand versuchte er zu erzeugen, indem er die Existenz einer unsterblichen Seele wie auch einer strafenden Götterwelt bestritt. Diese doppelte Verneinung führte dazu, dass das Werk des Lukrez vor genau 500 Jahren, im Reformationsjahr 1517, durch die Synode von Florenz als Schullektüre verboten wurde. Die noch ungefestigte Schülerseele durfte diesem Text auf keinen Fall ausgesetzt werden...
nzz.ch 26.12.2018
Heute können wir beurteilen, wie weit die Atom-Hypothese des Demokrit (460-371 v. J.), der Lukrez folgte, dem Wissen der Zeit vorauseilte, nämlich 2200 Jahre. Um 1800 fand John Dalton den mathematisch-physikalischen Hinweis auf die tatsächliche atomare Struktur der Materie in der Proportionalität der Gewichte sich verbindender chemischer Elemente. Lukrez aber vermied den Begriff des „atomon“, des Unteilbaren, sondern sprach nur von „Samen“ – in Anbetracht der Entdeckungen seit 1900 eine weise Vorsicht. Insgesamt ist es erstaunlich, welche Phantasie Lukrez aufwendet, um aus geringen Vermutungen und faktischem Nichtwissen ein großes Lehrgedicht entstehen zu lassen. Den Zusammenhalt der Atome erklärt er, wie Demokrit, aus der Form der Teilchen. Man hätte damals schon auf elektrische Kräfte kommen können, die als Anziehung des geriebenen Bernsteins bekannt waren. So dichtet Lukrez (II/469, in Hexametern):
Scilicet esse globosa tamen, cum svalida constent,
provolvi simul ut possint et laeder sensus.
et quo mixta putes, magis aspera levibus esse
principiis, unde est Neptuni corpusacerbum.
est ratio secernendi seorsumque videndi,
umor dulcis ubi per terras crebrius idem
percolatur, ut foveam fluat ac mansuescat;
linquit enim superataetri primordia viri,
aspera quom magis in terris haerescere possint.
In der Übersetzung von Karl Büchner (Reclam 1973) nach der verbesserten Ausgabe Zürich 1956 liest sich das so:
Kugelig sind sie natürlich, obgleich sie struppig beschaffen,
so daß sie zugleich zu rollen imstand und die Sinne zu reizen.
Und damit du glaubst um so mehr, daß rauhe vermischt sind
glatten Atomen, woraus ist der bittere Körper des Meeres,
so gibt es Mittel und Weg es zu trennen und sehen gesondert,
wenn nämlich öfter durch Erde das süße Wasser geseiht wird,
gleiches, damit in die Grube es fließt und dort wird gefügig;
läßt es zurück oben die Körper abscheulicher Lauge,
während die rauhen mehr zu hängen vermögen im Boden.
Wir sehen, Lukrez versucht, seine Beobachtungen aus Schlammfang und Salzgewinnung mit seiner Atomtheorie in Einklang zu bringen. Leider hat der Bodensatz unserer Kultur, die kulturbanausischen Kultusminister, vierzig Jahre später ätzend eingewirkt, um dem „Rauhen“ sprachgeschichtswidrig und völlig nichtsnutzig sein „h“ zu nehmen – und Google unterkringelt „Rauhes“ volkserzieherisch schon dem, der es nicht ohne „h“ sucht.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 04.01.2018 um 05.51

Auf der Suche nach frühdeutscher Wissenschaftsprosa dachte ich sogleich an Dürer, fand aber vorerst nur eine Ansammlung moderner Reformgreuel. Die...

Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden • (2006) Heft 1-2
450 Jahre SLUB [Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden]
... beginnt schon mit dem lächerlichsten und spießigsten Einfall der Reformkommission, der Spaltung des Wörtchens „sogenannt“, die renommierte Zeitungen schon lange nicht mehr verwenden (außer „Spektrum“):
Die Dresdner Dürerhandschrift: ein bedeutendes Dokument der Kunst-, Wissenschafts- und Sammlungsgeschichte

Zu den größten Schätzen der Handschriftensammlung der SLUB gehört seit 1768 ein Band, der Albrecht Dürers Reinschrift zu einer geplanten früheren Ausgabe des ersten Buches seiner „Lehre von menschlicher Proportion“ sowie das so genannte Dresdner Skizzenbuch mit zahlreichen Zeichnungen vor allem zur Proportionslehre enthält. Der Beitrag erläutert die Handschrift als Dokument der Entstehungsgeschichte der Dürer‘schen Proportionslehre anhand ausgewählter Seiten und referiert Hypothesen zu ihrer Überlieferungsgeschichte.
Der Apostroph zeugt vom krampfhaften Bemühen der Reformkommission, „Reformbedarf“ ausfindig zu machen. Der folgende Konsonantenkluster fehlte noch in unserer Sammlung der sss-Greuel und wurde nachgetragen.
Am 31. Oktober 1528, erst knapp sieben Monate nach DÜRERS Tod (6. April 1528), war der Druck des Lehrbuches durch HIERONYMUS FORMSCHNEIDER in Nürnberg „auff verlegung“ von DÜRERS Witwe vollendet, wie der Schlussschrift zu entnehmen ist. Ein faszinierendes Dokument für die Entstehungsgeschichte dieses epochalen Werkes der Kunstliteratur und zugleich ein interessantes Beispiel für die Überlieferung des DÜRER’schen Nachlasses ist die Dresdner Dürerhandschrift (Mscr. Dresd. R 147 f).

Es handelt sich um einen heute 228 Blatt starken, goldverzierten Kalbslederband mit den Maßen 30 cm x 21 cm. Der Buchblock besteht aus zwei Teilen von leicht unterschiedlichen Abmessungen:

1) DÜRERS eigenhändiger Reinschrift zum ersten der „Vier Bücher von menschlicher Proportion“ samt Illustrationen (88 Papierblätter – darunter ein Leerblatt – mit den Maßen 28 cm x 20 cm) [1, Bd. 3, S. 164 – 217] und

2) dem so genannten Dresdner Skizzenbuch (140 – davon 32 leere – Papierblätter mit den durchschnittlichen Maßen 29,4 cm x 20,5 cm) [2 bis 4].
Dagegen wird „um so“ nach unerforschlichem Reformerwillen zusammengezwungen, gefolgt von weiteren sss-Greueln:
Einige Pentimenti [Künstlerkorrekturen] bei den Umrisslinien an Brust, Bauch, Kreuz, Fuß und Hand der Seitenansicht sowie in der Hüftgegend der Vorderansicht lassen DÜRERS sorgfältig konstruierende Hand umso deutlicher spüren. Die Seitenansicht, deren horizontale Linien genau mit denen der nebenstehenden Vorderansicht korrespondieren, wurde im Druck 1528 auf eine eigene Seite gestellt, um mehr Platz für die senkrechten Messstrecken und die Beschriftung zur Verfügung zu haben. Dafür wurde die Rückansicht, die in der Dresdner Handschrift die Rückseite des Blattes (Bl. 86v) einnimmt, neben die Vorderansicht platziert....
Die Hauruck-Eindeutschung des frz. placer/plazieren wirkt hier deplaziert. Unerwartet genierlich für die Zeit sind im Original die dialektalen Verfeinerungen für die Drucklegung:
Manche von DÜRERS Bezeichnungen der für die Messung wesentlichen Punkte des Körpers wurden im Druck hochsprachlich geglättet: die „arspacken“ werden zum „hindern“ und das „schwenzle“ zum „gemecht“. ...
Und wieder macht sich das Ministerium für komische Wortspaltungen bemerkbar:
Das so genannte Dresdner Skizzenbuch enthält etwa 445 größtenteils eigenhändige, mitunter datierte und mit DÜRERS Monogramm bezeichnete, zuweilen von Notizen begleitete Federzeichnungen, von einer späteren Hand zusammengetragen und ansatzweise geordnet, teilweise auch aufgeklebt oder zusammenmontiert.
Gefühlt 85 Prozent der „Reform“ machen aber die neuen ss nach Heyse aus, darunter eben die greulichen Dreifach-s:
Die gegenüberstehende Studie eines Mannes mit ausgestrecktem Arm (Bild 2) [4, Nr. 87] bereitet eine Illustration zum zweiten Buch der Proportionslehre vor, worin DÜRER den menschlichen Körper nach dem von ALBERTI benutzten „Exempeda-Verfahren“ mit einem Messstab von einem Sechstel der Körpergröße misst.

slub.qucosa.de
Bis zu 85 Prozent der Deutschen lehnten einmal diese „Reform“ ab. Heute sieht sieht man, was Politiker und Medienmoguln mit Kindergeiselnahme, Dauerindoktrination und mit in ihren Amtssesseln festsitzenden „Arspacken“ erreichen können.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 18.07.2017 um 11.50

Am vergangenen Samstag konnte ich mit dem Kieler Kulturverein „Historische Landeshalle“ an einer Exkursion zu bedeutenden Kulturbauten auf der schleswig-holsteinischen Halbinsel Wagrien teilnehmen: Gut Hasselburg, Kloster Cismar und die Altenkremper Kirche. Es war zugleich eine Rückkehr zu Stätten meiner Jugend. Im Gebäude des Klosters Cismar bin ich von 1951-1955 zur Schule gegangen, und 1962 habe ich mit einer Kommilitonin im Rahmen des Architekturstudiums eine vollständige Bauaufnahme der Altenkremper Basilika gemacht.

Das Kloster Cismar war um 1200 als Außenstelle des Lübecker Klosters gegründet worden. Anlaß waren angeblich unsittliche Zustände unter den Mönchen und Nonnen in Lübeck. Zugleich sollte die Christianisierung der in Wagrien lebenden Slawen vorangetrieben werden. Der Chronist Helmold von Bosau (ca. 1120-1170) bezeichnete die Gegend als „spelunca latronum“, Räuberhöhle. Die Attraktivität des Klosters wurde gesteigert durch etliche Reliquien, die in einem Schrein aufbewahrt wurden, der heute als ältester Flügelaltar Deutschlands erhalten ist.

Nach der Reformation war Johannes Stricker ab 1561 Pastor in Cismar und übernahm 1575 das Pastorat seines Geburtsortes Grube dazu. Das Pastoratshaus von 1569 habe ich noch an seinem richtigen Standort erlebt (jetzt im Freilichtmuseum bei Kiel). Stricker mußte 1584 nach Lübeck fliehen, weil er den Lebenswandel des Adels angegriffen hatte. Eine Frucht dieser Auseinandersetzung wurde sein mittelniederdeutsches Bühnenstück „De düdesche Schlömer", der das bekannte Jedermann-Thema vorwegnimmt. Heute ist es ein Denkmal der niederdeutschen Sprachgeschichte. Auch der Name des Verlegers, Johann Balhorn, läßt aufhorchen.




Das Kloster Cismar wurde, säkularisiert, zur Hälfte mit eingezogenen Geschossen als Amtsgebäude verwendet, der Altar überlebte die Verwendung des Kirchenraums als Kuhstall. Nach dem Kriege wurden die Räume des zweiten Obergeschosses für den Schulunterricht des Gymnasiums Oldenburg genutzt. In die Mitte des Klosterhofs war als „Friedenseiche“ eine Kastanie gepflanzt worden, die ich noch als dürres Zweiglein in Erinnerung habe und die jetzt ein stattlicher Baum mit einem beträchtlichen Stammumfang ist.


Eigenes Werk von Gurkentee, CC BY-SA 2.0 de, commons.wikimedia
Cismar Kloster im Januar 2006

Etwa 20 km südwestlich von Cismar liegt der kleine Ort Altenkrempe. Er besteht heute nur aus wenigen Häusern und wird von der spätromanischen Kirche in rotem Backstein überragt. Sie ist eine Basilika mit einem massiven Turm, aber ohne Querschiff. Das Gebäude ist wohl kurz vor 1200 mit dem Chor begonnen worden, dessen Fenster mit ihren Spitzbögen schon den Übergang zur Gotik andeuten. Am Anschluß zum Langschiff befinden sich noch alte Fachwerkreste. Die paarigen Fenster lassen darauf schließen, daß von Anfang an eine Überdeckung mit Steingewölben geplant war.

Was mich bei der Bauaufnahme erstaunte war, daß die ursprüngliche Einmessung des Grundrisses eher nach Augenmaß erfolgt sein mußte, wie die Abweichungen der Säulenstellungen vom Schema ergaben. Das Gebäude ist fast noch im Urzustand erhalten. Die innere Ausstattung aus späterer Zeit wurde schon bei der ersten Renovierung um 1900 entfernt.



Holger.Ellgaard - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0
Basilika Altenkrempe


eingetragen von Sigmar Salzburg am 14.05.2017 um 07.48

Claudio Monteverdi

Am 15. Mai 1567 wurde Claudio Monteverdi in Cremona getauft. Er kam bald in die Lehre des dortigen Dommusikers Marc'Antonio Ingenieri und veröffentlichte bereits mit 15 Jahren sein erstes Madrigalbuch. 1590 wechselte er an den Hof der Gonzaga in Mantua. Dort führte er 1607 die erste vollgültige Oper auf, die zugleich den urmusikalischsten Mythos, Orpheus, zum Inhalt hatte. Seine Musik verwendete die neuartige Monodie, nichtregelhafte Dissonanzen, und er schuf den »stilo concitato«, der die Affekte der Texte in Musik umzusetzten suchte.

300 Jahre lang war Monteverdis Musik im Konzertleben nicht präsent und schließlich nur bruchstückhaft in spätromantischer Wiedergabe. Wikipedia unterschlägt, daß Paul Hindemith 1954 einer der ersten war, die eine Wiedergabe im Originalklang anstrebten. Das war mir Vorbild, obwohl ich seitdem noch einiges mehr über die alten Instrumente erkundet habe.

Wenn heute soviel davon die Rede ist, daß Europa ohne die EU in nationalistische Kleinstaaterei zerfallen würde, dann muß daran erinnert werden, daß die Kultur auch vor vierhundert Jahren schon lange gesamteuropäisch war. Michael Praetorius hatte in Wolfenbüttel bis 1619 die damaligen Partituren Monteverdis studiert und schrieb, daß »Sonderlich jetziger zeit / da die Music ſo hoch gestiegen / das faſt nicht zu gleuben / dieſelbe nunmehr höher werde kommen können ... « und daß »ſonderlich in Italia / auß derma­ſſen viel
Musikaliſche Compoſitiones vnnd Geſänge / ſo gar vff ein andere Art / Manier vnd Weiſe / alß vor der zeit / auffgeſetzet / vnd mit jhren applicationibus an Tag kommen vnd zum Truck verfertiget ſein vnd noch werden ...«

Auf einer Italienreise 1981 mit meiner späteren Ehefrau ließ ich im Auto eine Kassette mit einem Sammelsurium alter Musik laufen. Gänzlich vergessen hatte ich, daß ich am Schluß einige Stücke aus dem „Orfeo" aufgenommen hatte, um den Chitarrone-Part für die nächste Aufführung zu üben. Als wir uns den Toren Mantuas näherten, setzte überraschend die Eingangsfanfare der Gonzaga aus dem „Orfeo" ein. Es kam mir vor wie ein Fingerzeig der alten griechischen Götter.




Siehe auch »Zefiro torna


eingetragen von Sigmar Salzburg am 09.04.2017 um 08.08

Vor sechzig Jahren hielt in der Aula unseres Gymnasiums der Lehrer unserer Parallelklasse einen Vortrag anläßlich des vierzigsten Todestages von Max Reger (1873-1916). Damals, erinnerte er sich, habe sein Vater ihn an die Hand genommen und gesagt: „Heute ist der größte Komponist Deutschlands gestorben.“ (Kann man sich vorstellen, daß heute Eltern ihrem Nachwuchs einen größten lebenden deutschen Komponisten nennen könnten?) Die Neue Musik-Zeitung berichtete zum hundertsten Todestag im letzten Jahr:

Auf dem schwierigen Weg, Max Reger zu verstehen – Kurzfestival zum Gedenkjahr in Mainz

... In seinem Einführungsvortrag zeichnete Birger Petersen, Professor für Musiktheorie an der Hochschule für Musik, ein lebendiges Porträt des Komponisten, ließ aber die Frage nach seiner Bedeutung für Musikgeschichte und Konzertleben offen. Deutlich wurde Regers exzessiver Lebensstil: Arbeitswut, Selbstdarstellungsdrang und die starke Bindung vor allem an die Orgel, der je nach Lebensphase unterschiedlich starke Missbrauch von Alkohol, Nikotin und wohl auch Morphium, die extreme Dünnhäutigkeit und die zur Schau getragene Raubeinigkeit, der vorzeitige Tod mit 43 Jahren – eigentlich passt diese Biographie zu einem heutigen Rockstar, nicht zu einem „seriösen“ Klassiker...
Unter den frühen Komponisten herrschte eine gewisse gegenseitige Ideen-Raub-Einigkeit und es war durchaus ehrenvoll, ein Thema eines Kollegen aufzugreifen. So beklaute Telemann ohne Bedenken seinen Freund Händel. Allerdings konnte dieser auch recht rauhbeinig sein. In seiner Hamburger Zeit focht er in einem Streit mit dem Degen gegen Johann Mattheson, und nur ein metallener Rockknopf rettete sein Leben.
Regers schlichter A-capella-Chorsatz op. 138 Nr. 1 „Der Mensch lebt und bestehet nur eine kurze Zeit“ aus den „Acht Geistlichen Gesängen für gemischten Chor“ ging direkt über in das düstere Requiem op. 144 b „Seele, vergiß sie nicht, vergiss nicht die Toten“ für Gesangssolo, Chor und Orchester auf einen Text von Friedrich Hebbel...
Seit 1903 hatte jedoch Richard Strauss für verbesserte Urheberrechte gekämpft und sogleich einen arglos strauss-variierenden Komponisten verklagt. Reger konnte also nur auf ältere Werke zurückgreifen und war daher gezwungen, die berühmten Mozart-Variationen zu komponieren:
Zwischen die beiden Chorwerke op. 144 hatte das Programm achsensymmetrisch die „Mozart“-Variationen op. 132 platziert, deren Anlage (mit einer in den Wiedereinsatz des Themas mündenden Fuge) Benjamin Britten als Modell für seine Purcell-Variationen „The Young Person's Guide to the Orchestra“ gedient haben dürfte.
nmz - neue musikzeitung-25.11.2016
Max Reger. Variationen und Fuge in A-Dur über ein Thema von Mozart Op. 132. (Böhm)
https://youtu.be/-mVQxR9Ll9U
...mit der großen Fuge ab Min. 24.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 09.02.2017 um 13.48

Die Erinnerung an den Dresdener Feuersturm des 13. Februar 1945 ist den Regierenden ein Dorn im Auge, weil viele Bürger das wenige materiell und ideell Gerettete für sich bewahren wollen – obwohl „Dresden keine unschuldige Stadt“ war (OB Hilbert).

Das konnte man nun gut durch die Schnapsidee eines syrisch-deutschen Künstlers karikieren, eine mit aufrechtstehenden schrottreifen Bussen errichtete Barrikade „zum Schutz der Bürger“ aus Aleppo nachzubauen. Da irgendwie „gegen Rechts“ gerichtet, kam der nötige „fünfstellige“ Betrag schnell zusammen.

Es stellte sich heraus, daß die originale Barrikade ein Werk der terroristischen Ahrar-Milizen war, denen der junge Künstler wohl nicht allzu fern steht. Er hatte zunächst in Damaskus studiert und war dann, wie viele, dem syrischen Wehrdienst entflohen und hatte seine Kunstübungen in Dresden fortgesetzt.

Eins seiner Objekte stellt den arabische Schriftzug „al kaed“, „der Führer“ dar, genauer wohl
القائد „al qa’id“, was allerdings nur Europäer an „al Qa’ida“ erinnert:

The Leader ( Al Kaed ) relief in arabic calligraphy.
„During my school days in Syria one of our daily duties was to greet the eternal leader. After that we ware aloud to enter classes.“
In einem anderen „Kunstwerk“, einem fiktiven Kartenwerk „What if“, stellt er sich die Kolonisierung Europas von der osmanischen Welt aus vor:
„Die entstandenen Kampfkarten, Verzeichnen den lauf der Truppen und dessen verschiedenen Verbänden so wie wichtige Militärische Ziele. Die neu Eroberten Städte werden Teils umbenannt oder übersetzt. Lädiglich ein Par Große Städte dürfen ihren Namen behalten.“
Das kann bei den hiesigen Deutschlandabschaffern nur Begeisterung hervorrufen.

Nachtrag: Imad Karim hat dem „Busskünstler“ direkt geschrieben.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 25.12.2016 um 14.26

Heute morgen tönten über den Dächern von Kiel von allen Seiten Kirchenglocken. Das sollte unter Kultur- und Denkmalschutz gestellt werden, auch wenn es fundamentalistischen Atheisten und Islamisten nicht gefällt. Seit dem Mittelalter erhielten die europäischen Kirchen große Glockengeläute. Berühmt war das Geläut zu Speyer, das auch den Komponisten Ludwig Senfl (1490-1543) zu einem tonmalerischen sechsstimmigen Satz anregte.



Der Text dazu lautete in der damaligen (ss-reformfreien) Rechtschreibung:

Das Geläut zu Speyer

[Primus discantus] Nun kumbt hierher all und helft mir einmal, in diesem Saal, wem’s Läuten g’fall’ und siecht an bald, treibt wenig G’schall, Gling, glang... Nit irret mich, sunst hör’ auf ich. Flux fu der dich. Gling, glang... Ich mag nicht läuten lang. Gling, glang... Bitt’ ich mir sag’, was ist für Tag, daß man so läut’. Gling, glang... Solch’s G’läut macht mich betör’n, ich mag mich selbst nit hörn. Schau’ eben auf, zeuch gleich mit auf. Gling, glang... Nun läut’ zam in Gottes Nam. Wer kommen will, darf G’läuts nit viel, mag hertreten ungebeten zue der Metten.

[Secundus discantus] Gling, glang... Laßt mehr angeh’n, da müeßt ihr zue mir herstehn, Gling, glang... Mit unsern Glocken laßt zammenlocken, ziecht unerschrocken. Gling, glang... Wiewohl zwar Andacht bloß Gott’sdienst ist groß geet über ’s G’läut’ am Kirchtag heut’. Gling, glang... Die Schuler kommen schon, Glocken brummen habt viel Singens, gilt Anbringens, so Pfarrer aufsteht, gen Opfer geht.

[Altus] Kumbt her all, kumbt her, und helft mir, Meßner. Ziecht an, ziecht an, wehr mag und kann. Zue dem Fest, tue das Best’. Drumb ich bitt’, spar euch nit. Jedermann soll hergon. Laßt aufgahn, nicht klagt’ an, noch nicht fliecht, ziecht an, ziecht, streckt die Arm’, macht euch warm. Gling, glang... So Hans und Paul, ziecht seid nit faul. Wie schnauft ihr mit dem Maul? Gling, glang... Nit ziecht so schnell, so klingt’s baß hell. So fein greift drein. Gling, glang, mar mir maun, bum... Nun läut’ zammen in Gott’s Namen, Wer will kummen, hat’s vernummen. An dem Fest heut’ hab’ wir lang g’läut. Mur maun.

[Tenor] Mur, maun... Nun kumbt, ihr Knaben all, greift an und läut’ einmal, daß Glockschall’. Mar mir mur maun... Streck’ an, streck’ an, was ein jeder mit der Macht kann. Mar mer mur maun, gling, glang... Seht zue mit und klenkt mit. Mur maun, gling glang... So läut’ guet Ding, daß’s tapfer kling’, Maus, her an Ring, das Opfer bring’, weil man das Amt singt. Mar mer mur maun.

[Tenor secundus] Mir, mur, maun... Ziecht an, lieben gesellen, die mit mir läuten wöllen. Mir, mur, maun, Nu zue diesem Fest tuet allsambt das Best’, nehmt hin Strick’ und Seil, zeicht an resch, mit Eil’. Mur maun... So tuet zammsteh’n, last’s wohl aufgeh’n, daß so viel zwen. Gling glang... Jan’s auch anfang’s. Jetzt klingt’s wohl und geht ganz recht. So, so mein Knecht. Mur maun... Hui, nun läut’ zusamm in Gottes Nam’. Wer kumbt, der kumbt, Hans, tue dich munter umb, daß Glock’ entbrumm und schau’ mit zue, daß’s Seil nit brechen tue. Mur maun...

[Bassus] Mur, maun, mur, maun, mur, maun, bom, mur, maun, bom; mur, maun, bom, mur, maun, bom, mur, maun, bom, mur; maun, bom, mur, maun, bom, mur, maun, bom, mur, maun; bom ...

[Auch witzig, hier ( https://youtu.be/sZshuUWcqfE ) in pantomimischer Darstellung.]

Allen ein besinnliches Weihnachtsfest!


eingetragen von Sigmar Salzburg am 07.09.2016 um 06.03

Im Wahlgetümmel ging ein Beitrag Michael Klonovskys etwas unter. Er untersucht in seinen „Acta diurna“ vom 4. September 2016 noch einmal ausführlich die Stichhaltigkeit der peinlichen Eisenacher Veranstaltung „Luther, Bach – und die Juden“.

Bach wäre bekanntlich lieber Hofkapellmeister geblieben, hat dann aber pflichtgetreu sein Amt als Thomaskantor ausgeübt. Dazu gehörte auch die Vertonung biblischer Texte, die sich weder Bach noch Luther ausgedacht hatten, sondern die um 100 n.Chr. die religiöse Rechthaberei zwischen dem authentischen Judentum und der christlichen Ablegersekte widerspiegeln. Fast zweitausend Jahre später ist die Nach-68er-Generation darauf dressiert, in jedem Kunstwerk ur-nazistische Giftstoffe zu erschnüffeln. Aber nicht alle der angeblich so Begünstigten sind damit glücklich. Klonovsky zitiert einen Ungenannten:

Und Leser ***, Musikwissenschaftler und Jude, nimmt vor allem auf einen Artikel in der Welt Bezug, der unter der Überschrift „Warum Bach ein Antisemit war“ mit Julius-Streicher-Charme loslärmt: „Wenn das Reformationsjubiläum beginnt, sollen die braunen Ecken ausgefegt sein. Bach ist nun auch bearbeitet. Die Eisenacher Ausstellung 'Bach, Luther – und die Juden' überführt ihn als Antijudaisten.“ Worauf *** repliziert: „Irgendwie erinnert mich dieser Säuberungszwang sowie die Erfolgsmeldung des Autors an einen anderen Text: ‚Die Reinigung unseres Kultur- und damit auch unseres Musiklebens von allen jüdischen Elementen ist erfolgt.’ (Theo Stengel und Herbert Gerigk, Lexikon der Juden in der Musik, Berlin 1940, S. 5).“

Der Welt-Text verdient aufgrund seiner Wesensverwandtschaft mit dem, was er zu bekämpfen vorgibt, etwas mehr Raum.

Klonovsky, hier 4.9.2016 + welt.de 25.6.2016
Welch eine Absurdität: 1724 wird Bachs Johannispassion uraufgeführt, 200 Jahre später erwirbt Hitler billigen braunen Uniformstoff für seine SA, 292 Jahre später sehen Forscher und Feuilletonisten „braune Flecken“ auf Bachs Werk – Geisterseherei, wie sie leibt und lebt!


eingetragen von Sigmar Salzburg am 22.08.2016 um 09.32

Islamistische Terroristen hatten Weltkulturerbestätten in Timbuktu zerstört. Der Internationale Strafgerichtshof wirft dem Verantwortlichen deshalb Kriegsverbrechen vor...

Der Islamist Ahmad al-Faqi al-Mahdi soll 2012 die Zerstörung von neun Mausoleen und eines Teils der Sidi-Yahia-Moschee in der Wüstenstadt im Norden Malis angeordnet haben. Die Anklage des Internationalen Strafgerichtshofes wirft ihm Kriegsverbrechen vor.

Laut Staatsanwaltschaft wurde al-Mahdi als Experte für islamisches Recht und damit als Sittenwächter von der islamistischen Rebellengruppe Ansar Dine eingesetzt. Nach deren äußerst strenger Auslegung des Koran ist die Anbetung Heiliger wie an den Mausoleen von Timbuktu verboten.

Zu Beginn des Prozesses hat sich der Angehörige des Tuareg-Volkes schuldig bekannt. Er lege sein Schuldbekenntnis mit "tiefem Bedauern und in großem Schmerz" ab, sagte al-Mahdi in Den Haag.
zeit.de 22.8. 2016

Es ist ein Kulturverbrechen wie die Rechtschreib„reform“. Ein Kriegsverbrechen wird es erst dadurch, daß die Zerstörung mit Waffengewalt unter Ausnutzung der Machtlosigkeit der Bevölkerung geschah (letzteres wie in Schleswig-Holstein 1999). Immerhin hat sich der Urheber schuldig bekannt. Darauf können wir, abgesehen von Zehetmair, bei den gewesenen Kultusministern und Ministerpräsidenten lange warten.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 12.08.2016 um 06.57

Das Opernhaus in Sydney ist mehr als drei Milliarden Euro wert - aber die Akustik war stets zum Weghören. Das soll sich jetzt ändern.

"Das Äußere ist ikonisch, aber was in dem Gebäude passiert, erweckt es zum Leben", sagte die Geschäftsführerin des Opernhauses, Louise Herron. Insbesondere die Konzerthalle mit 2600 Plätzen soll modernisiert werden: "Das ist keine schlechte Halle, aber es gibt viele Eigenschaften, die verbessert werden könnten." Das gilt vor allem für die schlechte Akustik, die immer wieder kritisiert wurde. Auch der Orchestergraben gilt schon seit der Eröffnung des Hauses 1973 als viel zu klein...

Überhaupt weist der Bau des Opernhauses erstaunliche Parallelen zu den Skandalen um die Elbphilharmonie in Hamburg auf. Auch in Sydney stiegen die Baukosten in astronomische Höhen - von sieben Millionen Australischen Dollar auf 121 Millionen. Der dänische Architekt Jørn Utzon verließ nach jahrelangen Kämpfen und Intrigen das Land, ohne dass klar war, wie die gewagte Dachkonstruktion gebaut werden sollte....

Heute zählt das Opernhaus in Sydney zum Weltkulturerbe und wird jedes Jahr von mehr als acht Millionen Menschen besucht.

spiegel.de 11.8.2016

Die Elbphilharmonie brachte allerdings nur eine Verdreifachung der Kosten, wohingegen das Opernhaus das 17fache der Anschlagssumme verschlang. Das wird nur übertroffen von der Rechtschreib„reform“, die ja von einer kostenneutralen Durchsetzung ausging. Dafür wird sie auch nie Weltkulturerbe werden, denn sie hat im Gegensatz zum Operhaus auch ästhetisch nichts zu bieten.

Die bühnentechnischen und akustischen Mängel des Opernhauses hatte uns anhand der Pläne aber schon 1964 der 84jährige Prof. für Bühnentechnik, Friedrich Kranich, in seiner letzten Vorlesung vorausgesagt. Er hatte jahrzehntelang als Nachfolger seines Vaters auch das Festspielhaus in Bayreuth betreut. Nach 52 Jahren hat man nun in Sydney daraus Konsequenzen gezogen.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 10.03.2016 um 21.38

Harnoncourt: Aufregend von Bach bis Strauß ...

Am Wochenende ist der Dirigent Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren gestorben. Wie wohl kein anderer hat er das Stilempfinden und die Hörgewohnheiten der Klassikfreunde entscheidend mitgeprägt, sie mit scharf geschnittenen Klängen jenseits des romantischen Schönheitsideals seit den 60er-Jahren wachgerüttelt.

Ohne Harnoncourt hätten wir einen großen Teil des barocken und vorbarocken Repertoires nicht kennengelernt, oder nicht in jener Qualität lieben und schätzen gelernt. Dass er seine Erkenntnisse in Sachen Originalklang bald auch auf die Wiener Klassik und zuletzt sogar auf die Musik der frühen Moderne anwandte, hat viele irritiert. Harnoncourt hat zudem nie davon abgelassen, auch seine Interpretationen immer wieder zu hinterfragen, neu zu definieren. So klang die Musik unter seiner Leitung jedesmal ein bisschen anders.

diepresse.com 7.3.2016

Allerdings habe ich mich nie mit seinem tänzerischen Tempo für das erste Ritornell im „Orfeo“ anfreunden können. Es sollte einen nachdenklich-feierlichen Charakter haben. Auch die Original-Partitur deutet kein Alla breve an.

NB: Google News registriert noch 37700mal das von den Kulturbanausenministern verbotene „jedesmal“. Heute gibt es dazu eine Anmerkung von Th. Ickler.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 29.02.2016 um 13.30

Die Società Dante Alighieri – Deutsch-Italienische Gesellschaft Kiel
veranstaltete am vergangenen Freitag in der Landesbibliothek einen Vortrag mit dem Titel


„Das Leben der Lady Hamilton im Königreich Neapel zwischen 1786 und 1800“.

Vortragender war der Altsprachler und Kunsthistoriker Peter Petersen. Selten habe ich einen kenntnisreicheren und kurzweiligeren Vortrag gehört als diesen. P. Petersen schrieb dazu:

Der Vortrag wird sich in erster Linie auf ihre Zeit in Neapel als Lebensgefährtin und spätere Ehefrau des englischen Gesandten und Gelehrten Lord Hamilton und als Geliebte von Lord Nelson beschränken. Dabei werden nicht nur das Leben dieser ungewöhnlichen Frau an der Seite von Lord Hamilton oder ihre berühmt gewordenen Begegnungen zum Beispiel mit Mozart, Goethe oder der Herzogin Anna Amalia von Sachsen Weimar-Eisenach in den Blick genommen, sondern es soll auch ihre herausragende gesellschaftliche Rolle in der Oberschicht und im Königshaus von Neapel oder ihr europaweites Wirken als anerkannte Attitüden-Darstellerin und Sängerin illustriert werden...
Aus dem Begleitheft:
Goethe am 14. und 15. März 1787
Besuch im Hause Hamilton in Caserta während einer „Abendgesellschaft“, einer sog. „conversazione“ über „Hamiltons Schöne“:

Der Ritter Hamilton, der noch immer als englischer Gesandter hier lebt, hat nun, nach so langer Kunstliebhaberei, nach so langem Naturstudium, den Gipfel aller Natur- und Kunstfreude in einem schönen Mädchen gefunden... Er hat sie bei sich, eine Engländerin von etwa 20 Jahren. Sie ist sehr schön und wohl gebaut.

Der Maler Tischbein beschreibt sie folgendermaßen:
„… Eine außerordentliche Schönheit, die man selden siehet und die einzige, die ich in meinem Leben gesehen habe.

Der sittenstrenge Herder nannte sie nur kurz in einem Brief an seine immer eifersüchtige Frau:
H[amiltons] Hure
Aus Goethe, Italienische Reise II, 18. März 1787:
»Er hat ihr ein griechisches Gewand machen lassen, das sie trefflich kleidet; dazu löst sie ihre Haare auf, nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen, Gebärden, Mienen usw., daß man zuletzt wirklich meint, man träume. Man schaut, was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig, in Bewegung und überraschender Abwechslung. Stehend, kniend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend, bußfertig, drohend, ängstlich usw. Eins folgt aufs andere und aus dem andren. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers zu wählen, zu wechseln und macht sich hundert Arten von Kopfputz mit denselben Tüchern. Der alte Ritter hält das Licht dazu und hat mit ganzer Seele sich diesem Gegenstand ergeben. Er findet in ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja den belvederischen Apoll selbst ...«
Diese „Attitüden“, die vom Maler Friedrich Rehberg festgehalten und später als „Umrissstichserie“ herausgegeben wurden, fanden in ganz Europa Verbreitung. Auch die neapolitanische Villa Lord Hamiltons wurde kopiert – in Wörlitz durch den Herzog Leopold III. Franz, einschließlich der Nachbildung des Vesuvs in Miniaturausgabe.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 24.08.2015 um 09.28

IS-Terroristen sprengen Baalschamin-Tempel in Palmyra
Die Terrororganisation "Islamischer Staat" hat einen der bedeutendsten antiken Tempel des Nahen Ostens zerstört. Der Baalschamin-Tempel von Palmyra wurde vor 1900 Jahren errichtet, nun haben die Dschihadisten ihn gesprengt.
spiegel.de 24.8.2015

… und unsere kulturbanausischen Kulturpolitiker haben unser seit 600 Jahren bestehendes Schluß-ß-System gesprengt – wie sich doch beschränkte Geister gleichen.

Nachtrag: Nicolaus Fest drängen sich ähnliche Gedanken auf:
Im Grunde erleben wir auch hier seit Jahren täglich die Kultursprengungen von Palmyra. Nur heißen sie hier Rechtschreibreform, Einheitsschule, Bologna oder frühkindliche Sexualerziehung. Und die Täter sitzen in der Schulbürokratie und bei der GEW.
nicolaus-fest.de 25.8.2015



eingetragen von Sigmar Salzburg am 18.06.2015 um 10.34

Am letzten Wochenende hatte ich die Gelegenheit, in der Nähe von Eckernförde Gut Ludwigsburg zu besichtigen.


Quelle: Website Ludwigsburg

Das Gut wurde im 14. Jahrhundert durch die Familie Sehestedt begründet, die dort einen Wirtschaftshof und eine kleine Wasserburg errichten ließ. Der ursprüngliche Name war Kohøved (Kuhhof). Das Anwesen wechselte vielfach den Besitzer, bis es 1729 durch Graf Friedrich Ludwig von Dehn erworben wurde, der 1740 das heutige Herrenhaus errichten ließ. 1762 wurde er vom dänischen König zum Statthalter in Schleswig-Holstein ernannt. Nach seinem Tod 1771 folgten wieder verschiedene adlige Besitzer, bis es 1950 von der Familie Claus gekauft wurde, die es mit viel Liebe und Mühe restaurierte.

Eine besondere Kostbarkeit in diesem Gebäude ist die sogenannte „Bunte Kammer“, ein Raum, der mit 145 Emblem-Bildern vertäfelt ist, die Sinnsprüche, in verschiedenen Sprachen, und Lebensweisheiten darstellen. In dieser Vollständigkeit ist diese Sammlung in Europa einzigartig.


Quelle: Website Ludwigsburg

Embleme waren im Barockzeitalter Kristallisationspunkte, an denen die gebildete Gesprächskultur ihre Themen finden konnte. Sie waren seit etwa 1500 durch Emblem-Bücher, von Italien ausgehend, über ganz Europa verbreitet und wurden vielfach in Bildern und Büchern verwendet.

Auf Gut Ludwigsburg gilt der Leitspruch: „Omnia vincit Amor“, so daß der kleine, nackte Liebesgott die Hauptfigur der meisten Bilder ist. Das Bild zum Spruch stellt den kindlichen Gott, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, auf einem Löwen reitend dar. Es ist die Versinnbildlichung des Verses aus der XI. Ekloge des Ovid: „Omnia vincit Amor et nos cedamus amori“ ... „Die Liebe besieget alles, so wollen auch wir uns der Liebe fügen.“

Etwas deftiger ist die Darstellung eines deutschen Reimsprichworts „Drey gefährliche W“ (Drei W gar bringen uns viel Pein: die Weiber, Würfel und der Wein!): Eine nackte Frau hält in der einen Hand ein Weinglas, zeigt mit der anderen auf die Würfel auf dem Tisch, während im Hintergrund der Alkoven wartet.

Amor führt eine Dame an der Hand: „Nessuna amata e brutta“ ( keine Geliebte ist häßlich); Bedeutung: Liebe macht blind.

Lokaler Bezug wird deutlich, wo über der Darstellung des Schlosses Gottorf drei verschlungene Kränze – Ölzweig, Lorbeer und Eichenlaub – schweben, als Symbole für Kunst, Weisheit und Tapferkeit im Dienst des Vaterlandes. Die Überschrift besagt: „Diese Cronen wil ich haben, oder müß man mich begraben“.

In der Mittagspause wurde uns, von der Goethe-Gesellschaft arrangiert, ein Spargelessen serviert, zu dem die bekannte Autorin Jutta Kürtz einen Vortrag „Goethe und der Spargel“ oder so ähnlich hielt. Nachmittags ging es dann nach St. Marien in Waabs, eine einst zum Gut gehörige, um 1400 erbaute Kirche, die ich aber schon kannte, weil dort Musikerkollegen eine Woche vorher alte Lautenlieder vorgetragen hatten.


http://www.gut-ludwigsburg.de
https://de.wikipedia.org/wiki/Gut_Ludwigsburg


eingetragen von Sigmar Salzburg am 08.06.2015 um 06.00



Die Rekonstruktion historischer Kulturdenkmäler in den deutschen Städten, die im Krieg und in der Nachkriegszeit, sogar noch in der Nachwendezeit zerstört wurden, sind wir unserer Identität schuldig. Die Russen haben ihr Bernsteinzimmer wiederhergestellt, die Polen ihr Warschau und unser Danzig, die Iraker sollten ihre vom IS zerstörten antiken Bauten wiederherstellen, die Afghanen ihre Buddhafiguren und die Deutschen ihre Rechtschreibung. Man lasse sich nicht abschrecken durch die albernen Behauptungen, es würde ein „Disneyland“ aufgebaut. Wenn es danach ginge, dann dürfte man auch keine klassische Musik mehr aufführen, denn auch sie existiert nur in Bauplänen – den oft unvollkommenen alten Partituren.

Der Krieg hat die Wünsche radikaler Revoluzzer wie Le Corbusier erfüllt, der die alten Stadtzentren sprengen lassen wollte, um seine Wohnmaschinen wie gelandete Raumschiffe in die planierten Flächen zu setzen. Der Komponist Pierre Boulez wünschte das gleiche für die Opernhäuser. Zur Rekonstruktion des Frankfurter Römers tönte der Architekturkritiker Manfred Sack, „es gebe immer noch Architekten, die sich für derlei hergeben.“ Inzwischen möchte wohl kein Frankfurter darauf verzichten.

Zum Berliner Stadtschloß hat sich jetzt die wohl „schlimmste Tröte“ (Matthias Matussek) zu Wort gemeldet, der Spiegelschreiber Georg Diez. Seine „angespitzte These“ ist diesmal:


„Das Berliner Stadtschloss wird ästhetisch und ökonomisch eine Katastrophe. Sein Bau ist genauso mut- und planlos wie die Politik der Bundeskanzlerin. Deshalb ist der historistische Klotz das perfekte Symbol der Merkel-Jahre.“

Der Krampf, das Schloß unbedingt mit Frau Merkel in Verbindung zu bringen, ist ähnlich bemüht, wie vor einiger Zeit der Versuch eines anderen Spiegel-Denkers, Frau Käßmann mit einer Porno-Tussie zusammenzubringen. Diez beschwört ein „demokratisches Fiasko“, obwohl es (im Gegensatz zur Rechtschreib„reform“) ordnungsgemäß diskutiert und beschlossen wurde. Sonst besteht sein Pamphlet aus ausgesuchten Wörtern, die wohl seine Fähigkeiten als Sprachkünstler erweisen sollen:

Der graue Grobian, das plumpe, gewalttätige Stadtschloss, ein Anschlag auf die Sinne, ein ästhetisches Verbrechen. ein Akt der Demütigung, der Auslöschung, des Exorzismus, das kalte Herz des Historismus, reaktionären Denken, das traurige Pathos, eine Art Disney-Preußen, Petrifizierung einer einst offenen Stadt, Staub und Lügen, Heimlichtuer-Lobbyismus, dünkelhaftes Hobby, absurdes Theater mitten im Merkel-Land, Merkel macht einfach, was sie macht, es ist eine Politik der Tautologien.

„Tautologien“ mag Diez besonders gerne, er bringt das Wort gleich noch einmal völlig sinnfrei:

Tautologien, wie gesagt, el-Sisi, G7, Grexit: Es sollen im späteren Humboldtforum im Stadtschloss ... die Straßensperren für den ägyptischen Diktator nachgestellt werden ... die Hinrichtung seines Vorgängers Mursi.

Beim Nachlesen der Geschichte stößt man erstaunt auf einen Ausspruch des zweiten Zerstörers des Schlosses, Walter Ulbricht (n. Wikipedia):

Beispielhaft war die Antwort, die Ulbricht einem protestierenden SED-Genossen erteilte. Dessen „Stellungnahme“ sei ihm „bereits aus Westberliner Zeitungen bekannt“, er empfehle ihm, „eine Protestbewegung gegen jene zu organisieren, die das Schloss durch ihren Bombenterror zerstört haben“ und kündigte an, dass „architektonisch wichtige Partien im Innern des Schlosses, soweit sie den amerikanischen Bombenterror überstanden haben“, in ein Museum überführt werden.

Seine ebenso unberufenen NachfolgerInnen krähen heute dagegen „Harris, do it again!“


eingetragen von Sigmar Salzburg am 02.06.2015 um 07.51

Kürzlich schlug mir Helke Salzburg (meine 1. Frau) in einer handschriftlichen Notiz ein Wiedersehen nach langer Zeit vor: „Wenn es Dir paßt, wäre mir ein Treffen am Samstag am liebsten.“ Das hat nun stattgefunden. Dabei stellte sie mir ihr letztes Projekt vor, das ihr am meisten am Herzen liegt, aber das sie nun aus gesundheitlichen Gründen in andere Hände geben muß. Ich zitiere aus dem Faltblatt:


„Kloster-Boppard“ von Robert Holz - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

DenkmalMIT!
ist eine Initiative zur Rettung, Sanierung und Nutzung
der ehemaligen Benediktinerinnen-Abtei Marienberg
in Boppard im Rheintal


Zur aktuellen Situation

Die ehemalige Abtei Marienberg, um 1120 von Bopparder Bürgern gestiftet und nach einer Brandkatastrophe im Barockstil wieder errichtet, befindet sich heute in privatem Besitz. Als größtes Baudenkmal im Rhein-Hunsrück-Kreis krönt sie die Altstadt von Boppard im UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal. Hinter dem Gebäudekomplex zieht sich der Klosterpark, ebenfalls als Welterbe-Garten gelistet und Station einer Kette dieser berühmten alten Parks, zum Hunsrück hinauf.

Man sollte erwarten, dass die Pflicht zur Erhaltung dieser Anlage und eine ihrer Würde entsprechende Nutzung unserem kulturellen Erbe gegenüber außer Zweifel ständen. Das Gegenteil ist der Fall: Nicht nur der fortschreitende und eventuell mit dem Mangel an Geld zu rechtfertigende Verfall der Bausubstanz macht dies deutlich, sondern vor allem der unglaubliche Zustand von Verwüstung und mutwilliger Zerstörung! Mit wenig Aufwand hätte er sich verhindern lassen, wenn man dem auch in diesem Winter wieder zu erwartenden Vandalismus Einhalt gebieten würde.

Aber weder die derzeitigen Eigentümer noch die kommunale Aufsicht kümmern sich um die verheerenden Folgen, und es bleibt einzig dem Engagement der Bürgerschaft überlassen, selbst die Initiative zu ergreifen, wie es z.B. die Parkpflege-Aktion zeigt, oder wegen des Umfangs der zu bewältigenden Aufgabe nach geeigneten Partnern zu suchen, allerdings auch nicht ohne vorher den eigenen Kopf anzustrengen, wie es die hier vorgestellte Initiative „DenkmalMIT!“ versucht...

In der jüngsten Vergangenheit haben zum Schaden der Abtei Marienberg die Eigentümer mehrmals gewechselt, ohne dass diese auch nur das Mindeste für die Erhaltung des Gebäudes getan haben. Dies musste mitsamt den jeweils entstandenen Kosten von der kommunalen Denkmalpflege übernommen werden. Außerdem hatte es zur Folge, dass die Bürgerschaft wegen der immer wieder enttäuschten Hoffnungen auf eine Wiederbelebung das Interesse an dem Objekt weitgehend verloren hat. Leider wurden seitens der Stadt immer wieder Investoren akzeptiert, die eine Wohnanlage, gleich welcher Art, auf dem Marienberg zu bauen versprachen, obwohl seit 20 Jahren bekannt ist, dass eine solche Nutzung weder genügend Kaufinteressenten zu überzeugen, noch die vom Denkmalschutz geforderten Auflagen zu erfüllen vermag. Die Mißerfolge reichen inzwischen von dem vergeblichen Antrag auf Abriss bis zu einem enormen Werteverfall durch eine Versteigerung im Schleuderpreis weit unter dem Verkehrswert, so dass der Gebäudekomplex heute nur noch einen symbolischen Kaufpreis rechtfertigt...

Es mag zunächst befremdlich erscheinen, ohne Auftrag eines Eigentümers ein Nutzungskonzept für ein Gebäude zu erarbeiten. Jedoch zwingt die Situation der Marienberger Abtei – wenn man sich denn überhaupt zu ihrer Erhaltung entschlossen hat – zu diesem Vorgehen. So arbeitet die Initiatorin von DenkmalMIT!, eine im „Un“ruhestand lebende und seit 40 Jahren im Kulturmanagement aktive Architektin, seit fast einem Jahr ausschließlich an ihrem nachhaltigen und sich selbst tragenden Konzept für dieses Projekt...

Kontakt: Initiative DenkmalMIT!
c/o Helke Salzburg, Bergweilerweg 2, 54513 Wittlich


eingetragen von Sigmar Salzburg am 15.05.2015 um 13.45

Kunst des Gedichts

Am 8. und 9. Mai 2015 fanden in Eckernförde die Wilhelm Lehmann Tage statt. Meine Frau hat daran teilgenommen und sogar noch ehemalige Schüler Lehmanns kennengelernt. Da Lehmann heute wenig bekannt ist, zitiere ich aus der Schrift der Wihelm-Lehmann-Gesellschaft, „Merlinszeit“ (Wallstein Verlag 2010):

Uwe Pörksen
Wilhelm Lehmann braucht ein Haus in Eckernförde


Unter den überragenden Dichtern, die Schleswig Holstein im 19. und 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, ist ein Name wenig präsent. Friedrich Hebbel hat sein Haus in Wesselburen, Theodor Storm in Husum – an der Ostseeküste gegenüber ist eine Stelle unbesetzt. Ich meine natürlich Wilhelm Lehmann. Lehmann verdient ein Haus in Eckernförde, zumindest ein paar Räume im schönen Städtischen Museum, er hat alles Recht auf einen sichtbaren Platz im öffentlichen Raum. Dieser Sohn eines Lübeckers und einer Hamburgerin, der am 4. Mai 1882 in Puerto Cabello, Venezuela, geboren wurde und in Hamburg aufgewachsen ist, in Tübingen, Straßburg, Berlin und Kiel studierte, an verschiedenen Landerziehungsheimen unterrichtete, in den ersten Weltkrieg eingezogen wurde und sich ihm durch ›Fahnenflucht‹ entzog, hat dann fünfundvierzig Jahre in Eckernförde gelebt, von 1923 bis zu seinem Tod am 17. November 1968. In dieser Zeit entstand das dauerhafte poetische Werk. Es ist nicht weniger mit Eckernförde und seiner Umgebung verbunden als Storm mit Husum, die Brüder Mann mit Lübeck, Ernst Barlach mit Ratzeburg, Hebbel mit Dithmarschen. Das Gesetz der Literatur, das Werke von Weltgeltung auf lokalem Grund stehen, hat sich auch in seinem Fall bewahrheitet...

Auf die folgende Fülle der Hinweise auf Leben und Werk des Dichters kann hier nicht eingegangen werden. Die Beiträge sind zumeist in der bewährten Rechtschreibung gehalten. Gegen Ende des Büchleins zitiert Klaus Johann aus Wilhelm Lehmanns brieflicher Schilderung einer Ehrung:

… Zum Abschluß möchte ich noch einmal Lehmann zitieren, und zwar seine Schilderung der Feierlichkeiten aus Anlaß seines 75. Geburtstages am 4. und 6. Mai 1957 in Eckernförde bzw. Düsseldorf (bei einer Tagung der Deutschen Akademie für Dichtung und Sprache); darüber schreibt er am 23. Mai 1957 »bei so scheußlichem ›Frühlingswetter‹, daß es einen ganz elend macht« an Schwedhelm:

»Im übrigen verlief es von der kleinen, modellischen (gewissermaßen für Größeres) Feier der Stadt E[ckernförde]. hier bis zur größeren in D[üsseldorf]. höchst schicklich. (Reden des Bürgermeisters,« – das war damals Werner Schmidt – »der ›natürlich‹ mein Schüler gewesen ist, dazu einer, fortunately, mit dem ich durchaus keinen Krach gehabt, er aber mit anderen ›Paukern‹; des noch nicht lang amtierenden Kultusministers« – das war Edo Osterloh – »: Bauernsohn, gegen den Willen des Vaters Theologe, acht Kinder (!), lieh sich vorher vom Oberstudiendirektor« – gemeint ist Heinz Bruns – »einige meiner Schriften und zog sich zur Begründung des Verdienstkreuzumhängens mit einigen Passagen über ›Dienst an der Sprache‹, ›Elite der Hochgebildeten‹ nicht übel aus der Affäre « ...


eingetragen von Sigmar Salzburg am 29.12.2014 um 14.15

»Sei uns willkommen, Herre Christ«
Das älteste deutsche Weihnachtslied


25. Dezember 2014, 04:30 |... von Redaktion (josch) [ traditionelle Rechtschreibung]

... Das Singen von Weihnachtsliedern ist eine Tradition, die sich eng mit dem Weihnachtsfest verbindet. Dabei muß man unter dem, was dazu ertönt, unterscheiden zwischen Adventsliedern, die nur von der nahenden Ankunft des Gottessohnes kündigen, wie »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »Macht hoch die Tür, die Tor macht weit«, den wirklichen Weihnachtsliedern und säkularen Winterliedern wie »Leise rieselt der Schnee«, »O Tannenbaum« oder »Schneeflöckchen, Weißröckchen«.

Immer wieder ist eine Frage, was ist eigentlich das älteste überlieferte deutschsprachige Weihnachtslied? Dabei soll es sich um das heute weniger angestimmte »Sei uns willkommen, Herre Christ« handeln. Ursprünglich war es eine Leise, so bezeichnet man mittelalterliche Kirchenlieder, die auf Kyrieleis, Kyrio-leis, Kirleis, später auch auf Kyrieleison enden.

Die Melodie läßt sich in heutiger Zeit erstmals aus einem Aachener Fragment aus dem 14. Jahrhundert nachweisen. Vermutlich stammt es aus dem 11. Jahrhundert... Es wird zugleich Aachener Schöffenlied bezeichnet, weil es die Schöffen, die ehrbaren, an der allgemeinen Gerichtsbarkeit beteiligten Bürger der Stadt traditionell vom Chorgestühl des Aachener Münsters zur Christmette anstimmten.

Die Bedeutung dieses Liedes hat nachgelassen, auch wenn es als erstes Weihnachtslied bezeichnet wird. Stand es bei den Katholiken noch im Gesangbuch Gotteslob in der Fassung von 1975, ergänzt um eine zweite Strophe aus dem Jahr 1970, verschwand es doch mit der 2013 eingeführten Neufassung völlig ...

Mehr dazu unter youtube.com

Sei uns willkommen, Herre Christ, der du unser alle Herre bist,
Sei willkommen, lieber Herre, hier auf der Erde recht mit Ehren.
Kyrieeleis.


freiewelt.net 25.12.2014

Das Lied „Sei uns willkommen Herre Christ“ (3-stimmig Erfurt 1394) stand schon vor fünfzig Jahren auf dem Programm unserer Weihnachtsmusiken auf alten Instrumenten, daneben auch „Maria zarrt“ aus dem ältesten deutschen Notendruck von 1512, verfaßt vom blinden Organisten und Lautenisten Arnolt Schlick. In der Vahrenwalder Kirche in Hannover flüsterte mir die Organistin zu: „Wir dürfen hier aber eigentlich keine Marienverehrung betreiben!“ – Nun, heute sind selbst Lieder zur Mohammed-Verehrung in Kirchen nicht mehr undenkbar.

Siehe auch Theo Grunden: Teuflisches im Gotteslob


eingetragen von Sigmar Salzburg am 20.11.2014 um 10.13

Kürzlich veranstaltete die Kieler Goethe-Gesellschaft eine Exkursion nach Winsen an der Luhe, dem Geburtsort des letzten Goethe-Begleiters Johann Peter Eckermann. Dabei hatte ich die Gelegenheit, einen Abstecher in den kleinen Ort Bardowick zu unternehmen. Bardowick war im 12. Jahrhundert eine bedeutende Stadt und besitzt daher einen kunsthistorisch bemerkenswerten Dom.





Fotos wikipedia

Das Taufbecken stammt aus dem Jahr 1367, der aus Eiche geschnitzte Flügelaltar ist von 1430. Handgeschnitztes Chorgestühl von 1487 ist noch vorhanden. Das Geläut besteht aus drei Glocken, zwischen 1200 und 1250 hergestellt, und einem Zweiergeläut, um 1325 von einem Meister Ulricus gefertigt.

Für mich ist der Dom von Bardowick auch deswegen von Interesse, weil in meiner Vorfahrenliste ein Anton Heshus aufgeführt ist, der um 1581 dort Kanonikus gewesen sein soll. Natürlich war nicht zu erwarten, daß noch irgendwelche Spuren auf ihn weisen würden. Dennoch fand ich in der Literatur ein Buch aus dem Jahr 1704, das sogar im Internet zugänglich ist:


Chronicon
oder
Beschreibung
der Stadt und des Stiffts
Bardewick/
...
Aus untrüglichen Archiven /alten und neuen
bewehrten Scribenten/ nebst andern glaubwürdi-
gen Uhrkunden / und eigener Erfahrung
zusammen getragen
Von
Christian Schlöpken
der Bardewickischen Stiffts-Schulen
Rectore
-----------------
LUBECK
In Verlegung des Autoris,
Anno 1704


Geneigter Leser!
Wie das hohe Alter unsers Bardewicks/und dessen
ehemahls fürtrefflich blühender Zustand / bey
männiglichen jederzeit in sonderbarem Beruff ge-
wesen; so hat es auch an gelehrten Männern nicht
gefehlet / die es für eine beschreibens-würdige
Materie geschätzet. ... Es ist aber kein Zweiffel/wenn diesen berühmten Män-
nern die bißhero in hiesigen und anderen Archiven und Bibliothe
cken verborgen gelegene Uhrkunden und Documenta zu Händen
gekommen wären/ daß sie/nach ihrer fürtrefflichen Geschickligkeit/
die Beschreibung unsers Bardewicks viel ansehnlicher und grösser
würden gemacht haben/an statt sie bey so gestalten Sachen gnug-
sam in ihren Schrifften zu erkennen geben müssen/daß es ihnen
an genauerer Nachricht gefehlet / insonderheit was die Historie
hiesigen Stiffts betrifft / von dessen Ursprung und Zustand / vor-
und nach der Verstörung / sie nicht mehr als einige wenige Nah-
men einiger Stiffts-Personen in Erfahrung bringen / und folglich
nichts ausführliches davon schreiben können.

(Bemerkenswert das seit 500 Jahren übliche „insonderheit“, das durch unsere 16 Kulturbanausenminister seit 1996 als „falsch" diskriminiert wird.)

Ab Seite 355 wird die Einführung der Reformation in Bardowick beschrieben, die es einem der Canonici erleichterte, mein Vorfahr zu werden. Und auf Seite 429 fand ich ihn dann, allerdings verstarb (obiit) er schon 1577:


III.
Seniores Capituli Bardovicenses, die sich ausdrücklich also/
wie auch zum Theil Vice-Decanos genannt / weil sie in
absentia Decani dessen Stelle vertreten.
...
M. Arnoldus Bulle ob. 1548
Theodericus Düsterhop ob. 1575
Antonius Hesehusen ob. 1577


eingetragen von Sigmar Salzburg am 07.11.2014 um 22.54



Noch zur Hamburger Ausstellung: Der Windgott Zephyros ist auf dem pompejanischen Wandbild als stattlicher junger Mann dargestellt, der sich der schlafenden Chloris vom Himmel herab nähert. 1400 Jahre später sind die beiden auf dem Bild „Primavera“ von Botticelli zu finden. Zephyr ist dort ein eher faunenhafter Luftgott, der die Nymphe verfolgt, um sie zu seiner Frau zu machen. Bei Ovid sagt sie dazu, sie sei zur lateinischen Flora geworden. Vielleicht hat Botticelli tatsächlich dieselbe noch einmal daneben als blumenübersäte Frühlingsgöttin abbilden wollen. Die Renaissance hat nun, ohne es zu wissen, in der Darstellung der Frauen eine Leichtigkeit gewonnen, die die Antike übertroffen hat.

Nochmals 150 Jahre weiter ist die Freude über die Rückkehr des lauen Frühlingswinds von Claudio Monteverdi vollendet in Musik gesetzt worden: „Zefiro¹ torna“, nach einem Sonett von Rinuccini: Man hört den Wind und sanfte Wellen, und wie er murmelnd im Laub die Blumen zum Tanzen bringt, die Lieder von Chloris und Phyllis, ihr Echo in den Bergen und den Tiefen der Täler und Grotten. Am Schluß bleibt dem Dichter eine unerfüllte Sehnsucht, die ihn bald leiden, bald singen läßt. Das Stück ist ein Zwiegesang über einem zweitaktigen Ostinato, eine Chaconne. Die Interpreten dieser Aufnahme sind Nuria Rial und der Contratenor Philippe Jaroussky, sowie ein Instrumentalensemble, das auch die Versübergänge ritornellartig ausfüllt.

(Eine näher am Notentext orientierte, weniger ausgeschmückte Interpretation ist diese.)


¹) Zephyros = „Zefiro“ in der von Konrad Duden bewunderten einfachen italienischen Schreibweise, die die kulturbanausischen Kultusminister nie hinkriegen werden.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 05.11.2014 um 08.14

In Hamburg läuft bis zum 11. Januar 2015 im Bucerius Kunst Forum die Ausstellung „Pompeji. Götter, Mythen, Menschen“. Gezeigt werden vor allem originale Wandfresken, die einst bis zum Ausbruch des Vesuvs die Villen und Wohnhäuser der römischen Kleinstadt schmückten.

Am Wochenende konnte ich die Ausstellung mit den Kieler Freunden der Antike unter der sachkundigen Führung von Peter Petersen besichtigen. Die Fresken sind Ende des 19. Jahrhunderts aus den Wänden herausgesägt worden und daher auch in ihren Farben erhalten geblieben. Die hier gezeigten stammen aus der größten Villa, der sogenannten Casa del Citarista, die L. Popidius Secundus, einem Freigelassenen, gehörte. Er selbst besaß noch kein Bürgerrecht, sondern erwarb es indirekt, indem er seinen sechsjährigen Sohn in den Stadtrat aufnehmen ließ.

Das Bucerius Kunstforum wirbt für die Ausstellung mit dem Bild eines geflügelten jungen Mannes, der von zwei Eroten begleitet wird. Er stellt den Frühlingswind Zephyr dar, der sich hier der schlafenden Chloris oder Flora vom Himmel herab nähert. Eine ebenfalls vollkommene Bronzefigur ist das Standbild des Apoll fast in Lebensgröße, die der Villa ihren Namen gegeben hat. Er hat vermutlich in der linken Hand eine Kithara gehalten, während in der rechten ein massives Plektrum zum Anschlagen der Saiten erkennbar ist. Zum Luxus gehörten auch (nicht erhaltene) Bücher, die sogar im Eßraum oder im Bad bereitgehalten wurden.

Das Lesen war auch Thema der folgenden Sitzung der Antikenfreunde. Hier ging es um entsprechende Texte von Augustinus und Seneca. In „De Tranquillitate Animi“ rügt Seneca, daß manche Neureiche ihre Bücher nur zur Dekoration ihrer Eßzimmer benutzen und mahnt, daß man nur soviel Bücher besitzen solle, wie man auch lesen kann. Die Erwähnung der Bibliothek von Alexandria (9,5) erinnert daran, daß nur ein kleiner Teil der antiken Literatur die Machtergreifung des Christentums überlebt hat.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 09.10.2014 um 05.03

Der Schreibrat Eichinger erwähnt in seinem DLF-Interview als einzige Regel der „Reform“ die „neuen“ ss/ß nach Heyse, und er macht sie so klein und unauffällig, wie es ihm sprachlich nur möglich ist. Tatsächlich sind sie aber der Kulturbruch, das Gift, das alle neu sein wollenden Texte durchzieht und untrüglich erkennbar macht, daß der Schreiber oder Bearbeiter sich dem Diktat der sechzehn KMK-Ochlokraten unterwerfen will. Man muß sich vergegenwärtigen, daß das traditionelle Schluß-ß schon vor 400 Jahren eine mindesten 250jährige Tradition hatte. Als Beispiel sollen hier zwei Ausschnitte aus der Vorrede des Komponisten und Musiktheoretikers Michael Praetorius zu seinem „Syntagma Musicum“(II) aus dem Jahre 1619 folgen:


DEnen Ehrenvesten / Groß- vnnd Hoch-
achtbarn / Hoch- vnd Wolgelarten /Hoch- vnd wolweiſen/
auch Führnemen / Herren Bürgermeiſtern vnd gan-
tzen Raht der Stadt
Leipzig


(fol.3v)
Daß aber im Judenthumb die
Inſtrumenta nicht eigentlich beschrieben; iſt vielleicht die vrſach / weil dieſelbige den Jüden allen bekand geweſen vnd vnnötig von bekanten dingen viel zu ſchreiben: Vber das auch / daß Sie dahero Inſtrumenta, welche ſie bey Verrichtung des wahren Gotteßdienſtes im Tempel dem Ewigen unnd Allmechtigen GOtt zu Ehren / den abergleubiſchen Heyden zu jhrem Götzendienſt vnd Mißbrauch nit haben gönnen vnd Communiciren wollen / damit nicht die Perlen für die Säwe / wie man ſagt geworffen würden...

(fol.4v)
In
Palæſtina, Asia minore vnd Graecia ſind keine Veſtigia mehr verhanden jrgend alter Instrument: Denn es hat Mahometh zur fortpflanzung ſeines Tyrannischen Regiments / Teuffelischen Sect vñ groben vnmenschlichen Barbarey nicht alleine die freyen Künste ſo zur freundlichkeit / ſondern auch alles was zur frölichkeit dienlich / alß Wein vnnd Seytenspiel in seinem gantzen Lande verbotten / vnnd an deren ſtadt eine Teuffels Glocke vnnd Rumpelfaß mit einer ſchnarrenden vnd kikakenden Schalmeyen verordnet / welche annoch bey den Türcken in hohen Wert vnnd ſo wol auff Hochzeiten vnnd Frewdenfesten / alß im Kriege gebrauchet werden. Denn wenn des Türckiſchen Käyſers / oder anderer groſſer Herrn Kinder ſolten Beſchnitten werden / wird ein ſolcher Proceß angestellet.

Erſtlich reiten zween Türcken vorher / einer mit der Heertrummel / der ander mit einer Schalmeyen / darauff folgen etliche wollaußgeſtaffierete Reuter / vnd nach dieſen wieder zween Spielleute den erſten gleich. Nach diesem führet man einen Ochsen mit vergüldeten Hörnern vnd wollriechendem Laub vmbhenget / welchen eine groſſe anzahl Reuter folget. Darauff Spielleut vnd wieder ein Ochse / dem Ersten gleich. Diesem folgen etliche vorneme Herren vnd Reuter / dann ein hauffen wolgeputzter Janitscharn zu Fuß / vnter welchen des Herrn Sohn / ſo beſchnitten werden ſol. Diesem folgen zu letzt viel Spielleut mit Trummeln vnd Schalmeyen biß zur Kirche.

Wenn auch ein Chriſt zum Mammelucken vnd Türcken worden vnd ſich beſchneiden laſſen / ſetzet man jhn auff ein ſchön Pferd/ führet jhn durch die ganze Stadt mit Schalmeyen vnd Trummeln. Dieſe Lumpen-
Muſic wird noch heutiges Tages bey den Türcken in hohem Wert geachtet/ vnſere aber dagegen zum euſſersten verachtet. Denn wie einßmals Francisco I. König in Franckreich / dem Türckiſchen Bluthunde Solymanno Anno Chriſti 1520. der Türckiſchen Hegyræ aber 926. in ſein Tyranniſch Regiment getretten / ein groß vnd ſtatlich Inſtrumentum Muſicum, daran etliche Männer mit verwunderung der Türcken genung zu tragen gehabt / ſampt etzlichen auſſerleſenen in der Muſica wolgeübten Künſtlern vnd Muſicanten zur ſonderlichen Verehrung überſchicket hatte/ iſt es im anfang zwar dem Türckiſchen Käyſer lieb vnd angenehm geweſen. Alß aber bald hernach zu Conſtantinopel das Volk in hauffen zu lieff/ ſolche außländiſche / liebliche Muſicanten zu hören / vnd ſonderliche luſt vnd liebe zu dieſer Kunſt gewan / beſorgete ſich der Türckiſche Käyſer / es möchten die Seinen jhre grobe Barbarey hiedurch ablegen vñ freundlicher/ oder ſeinem vorgeben nach / Weich vnd Weibiſch werden: Ließ derowegen ſolch herrlich Inſtrument zerbrechen / vnnd mit Fewr verbrennen vnnd ſchickete dem Franzoſen ſeine Muſicanten wieder zu Hauſſe.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 13.08.2014 um 10.25

Nachdem hier vom Edlen in der Musik die Rede war, ein Blick in die Jauchegrube. Der Arschfick-Rapper Bushido wird von seinem Konkurrenten und ehemaligen Kumpel Kay One angegriffen (neudeutsch „gedisst“):

„Ihr Beleidigt meine Eltern weiter aufs übelste. Ich kann das so nicht mehr. Ich hab euch gewarnt... du fetter Bastard warte ab. Ich werde eure Bärte anzünden...“
focus.de 10.8.2014

Immerhin schreibt Kay One, sicher eher zufällig, die Steigerungsform traditionell. Das Bushido-Deutsch hat Eran Yardeni in einen größeren Zusammenhang gestellt:

„Halt die Fresse, fick die Presse, Kay du Bastard bist jetzt vogelfrei / du wirst in Berlin in deinen Arsch gefickt wie Wowereit.“ Dass eine Sprache, die Stefan Zweig, Thomas Mann und Heinrich Heine ein Zuhause war, so entstellt, missbraucht und misshandelt werden kann, hat weniger mit Bushido als mit der Art und Weise zu tun, wie Sprachen auf soziopolitische Entwicklungen bzw. Fehlentwicklungen reagieren.

Angesichts des Kulturverfalls wird wohl in wenigen Jahrzehnten ein deutscher Schriftsteller, bevor er Selbstmord begeht, ein Buch veröffentlichen: „Die Welt von Vorgestern“. Zufällig kam ich wieder an die Stelle in Stefan Zweigs „Welt von Gestern“:

„In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien. [...] Innen sprachen die alten Paläste des Hofs und des Adels versteinerte Geschichte; hier bei den Lichnowskys hatte Beethoven gespielt, hier bei den Esterházys war Haydn zu Gast gewesen, da in der alten Universität war Haydns ›Schöpfung‹ zum erstenmal erklungen, die Hofburg hatte Generationen von Kaisern, Schönbrunn Napoleon gesehen, im Stefansdom hatten die vereinigten Fürsten der Christenheit im Dankgebet für die Errettung vor den Türken gekniet, die Universität hatte unzählige der Leuchten der Wissenschaft in ihren Mauern gesehen... Es war wundervoll hier zu leben, in dieser Stadt, die gastfrei alles Fremde aufnahm ...
gutenberg.spiegel.de

Nun hat sich Europa übernommen mit der gastfreien Aufnahme von Abkömmlingen aus den Gebieten des einstigen Osmanischen Reiches, und in Wien darf kaum noch an das Jahr 1683 erinnert werden. Schon wollen weitere Millionen die frei werdenden Räume besiedeln. Wie seit langem bekannt, schrumpft die europäische Urbevölkerung bei einer Geburtenrate von 1,3 pro Elternpaar mit jeder Generation um ein Drittel. Die Kultur auch.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 27.07.2014 um 10.57

Man bearbeitet jetzt die riesigen Bestände früherer Funde in den westlichen Museen. Zwei neue Übersetzungen alter Keilschrifttafeln sind darunter bemerkenswert:

Angelika Franz schreibt im Spiegel-Blog über die Mathematik der Babylonier:


Ohne Frage, die Babylonier waren hervorragende Astronomen. Die Mathematik, dacht[e] man bisher, diente ihnen dabei lediglich als Hilfswissenschaft - als Nutztier für die höheren Sphären der Astronomie. Neue Erkenntnisse zeigen, es könnte ihnen auch einfach Spaß bereitet haben... Darauf lassen zumindest die Fragmente von zwei neu übersetzten Tontafeln aus dem Bestand des British Museums in London schließen. In der aktuellen Ausgabe des Journal of Cuneiform Studies stellt Mathieu Ossendrijver, Professor für Wissenschaftsgeschichte der Antike an der Berliner Humboldt-Universität, die Zahlenzaubereien aus der spätbabylonischen Zeit (450 bis 200 v. Chr.) vor...

Schon der erste dieser beiden Rechentürme ist beeindruckend: Er beginnt mit jener Zahl, die im Dezimalsystem 946 entspricht. Doch richtig virtuos wird es in der zweiten Tabelle. Deren Ausgan[g]szahl würden wir im Dezimalsystem als 911 mal 1239 darstellen: eine Zahl mit 30 Stellen. "Das macht sie zur längsten bekannten Zahl, die jemals in Keilschrift notiert wurde", schreibt Ossendrijver. Nur warum ein Babylonier sich hinsetzte und die ellenlange Zahl immer wieder dividierte, wird schwer herauszufinden sein...

Der Aufruf von Bel und Beltiya [Herr, Herrin] am Anfang der Berechnungen spricht dafür, dass auch der Verfasser dieser Matheaufgabe im Dienste [des Gottes] Marduks stand. Wo genau die Tafeln gefunden wurden, lässt sich auch nicht mehr nachvollziehen. Sie stammen aus der so_genannten Babylon-Sammlung des British Museum, die weltweit grösste und wichtigste Sammlung für spätbabylonische Astronomie und Mathematik.
spiegel.de 27.7.2014

Die “Welt” schrieb kürzlich von der Entdeckung einer Vorform des Adam- und Eva-Mythos, die 800 Jahre älter als die Bibel ist. Auch dies stammt von einer Tontafel, die bereits 1929 gefunden wurde:

Wie die Alttestamentlerin Marjo Korpel und der Altorientalist Johannes de Moor von der Protestantischen Theologischen Universität Amsterdam in ihrem neuen Buch "Adam, Eve and the Devil" berichten, wurde die Erzählung in der nordsyrischen Hafenstadt Ugarit aufgezeichnet. Dieser reiche Stadtstaat wurde um 1200 v. Chr. von Invasoren, möglicherweise den sogenannten Seevölkern*, vernichtet. In den Ruinen entdeckten Archäologen um 1928 zahlreiche Schrifttafeln. In einer semitischen Sprache geschrieben, markieren sie den Übergang von der Silbenschrift zur Alphabetschrift, aus der dann das Phönizische und später noch das Griechische [nur das Alphabet!] hervorgehen sollten...

Zahlreiche Texte aus Ugarit enthalten Mythen und sagenhafte Erzählungen, die von Korpel und de Moor neu übersetzt und erstmals im Zusammenhang interpretiert wurden. Dabei stießen die Forscher auf einen Text aus dem 13. Jahrhundert, in dem ein Gott mit einem bösen Widersacher kämpft.

El soll die Menschheit retten

Der gute Schöpfergott El lebt mit seiner Frau Asherah in einem paradiesischen Garten. Ungemach kommt mit dem bösen Gott Horon, der vom Berg der Götter verbannt wurde und auf Rache sinnt. Dafür verwandelt er den Baum des Lebens, der in Els Garten steht, in einen Baum des Todes und verhüllt die Welt mit giftigem Nebel. Als El das Leben auf der Erde erneuern will, stellt sich ihm Horon in Form einer großen Schlange in den Weg. Ihr Biss nimmt El die Unsterblichkeit. Indem El aber mit seiner "guten Frau" Nachkommen zeugt, überwindet er den Fluch und gewinnt eine Art von Unsterblichkeit zurück. El alias Adam war in dieser Urversion also zunächst eine Gottheit. "In dieser Urversion trägt auch Eva keinerlei Schuld", erklärt Marjo Korpel.
welt.de 20.5.2014

El ist der Name des altsemitischen Gottes, der auch in Allah erkennbar ist. Seine Gattin Aschera ist aus der Bibel dadurch bekannt, daß ihre Verehrung verboten und fortan die Vernichtung ihrer Heiligtümer eifrig betrieben wurde.

Als Gott seiner Ehefrau müde geworden war, tat er, was Männer heute in der gleichen Situation auch tun würden: Er nahm sich einen Anwalt. Der Anwalt hieß Hosea und er lebte im 8. Jahrhundert vor Christus in Israel, dem nördlichen der beiden hebräischen Königreiche. Der Scheidebrief, den Hosea im Namen seines mächtigen Mandanten ausstellte, ist in den Prophetenbüchern der Bibel überliefert: "Sprecht das Urteil über eure Mutter. Sie sei nicht mein Weib und ich will sie nicht haben [... eine Hure]" übersetzte Luther die entsprechende Stelle (Hosea 2,4).
welt.de 23.12.2012

Es handelt sich also um eine sexistische „Gottesreform“, die in bestem Deutsch der „Rechtschreibreform“ die alten Götterbilder grau erscheinen läßt:

Auch die Höhen, die östlich von Jerusalem waren, zur Rechten am Berge des Verderbens, die Salomo, der König von Israel, gebaut hatte der Astarte [=Aschera], dem gräulichen Götzen von Sidon, und Kemosch, dem gräulichen Götzen von Moab, und Milkom, dem gräulichen Götzen der Ammoniter, machte der König unrein. Und er zertrümmerte die Gedenksteine und hieb die Ascherim um und füllte ihre Stätte mit Menschenknochen.
2.Kön. 23,13

Inzwischen meiden die Reformübersetzungen die Anhäufung von Gräulichem.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 29.06.2014 um 08.52

„Die Hagia Sophia muss wieder eine Moschee werden“

Erst war sie 916 Jahre lang die größte Kirche der Welt im byzantinischen Imperium, dann 482 Jahre lang eine Moschee im Osmanischen Reich. Die Hagia Sophia ist ein atemberaubendes Monument und Wahrzeichen der Stadt Istanbul. 1935 wurde sie von Mustafa Kemal Atatürk zu einem Museum erklärt.


Jetzt fordern nationalistische Politiker und konservative Muslime in der Türkei, die Hagia Sophia wieder als Moschee zu nutzen. Der türkische Vizepremierminister Bülent Arinc sagte im vergangenen Jahr, die Hagia Sophia scheine "betrübt" zu sein. ... Der 47 Jahre alte Ali Ugur Bulut, grauer Anzug und Krawatte, ist der Chef der [Jugend-]Organisation in Istanbul. Er ist guter Hoffnung, dass das Vorhaben Erfolg hat.
[...]
Bulut: Muslime haben seit dem Bau der Hagia Sophia von 532 bis 537 nach Christus versucht, die Stadt zu erobern. Erst Sultan Mehmet II. ist es gelungen. Das Erste, was er tat, als er mit seinem Schimmel in die Stadt einritt, war, die Hagia Sophia aufzusuchen, Erde vom Boden zu nehmen, sie über seinen Turban zu streuen und sich gen Mekka zu verneigen. Damit war die Hagia Sophia endlich eine Moschee. Sie sollte es auch heute wieder sein.
[...]
SPIEGEL ONLINE: Das Gebäude war sehr viel länger eine Kirche als eine Moschee.

Bulut: Das stimmt, und bis zur Erscheinung unseres Propheten Mohammed war das Christentum die einzig wahre Religion. Durch ihn kam der Islam und löste das Christentum darin ab. Aber Sultan Mehmet II. hat den Namen der Kirche Sankt Sophia ja beibehalten, aus Respekt vor den Christen. [...]
spiegel.de 29.6.2014

Wie der Respekt Mehmets vor den Christen sonst aussah, habe ich zufällig anläßlich einer Untersuchung zu Dürer gerade im Kasten:

Im Jahre 1505 machte Albrecht Dürer seine große Studienreise nach Italien und schrieb von dort an Pirckheimer, „Sambelling“ sei noch immer der „pest jm gemoll“. Gemeint war Giovanni Bellini, auch Gian genannt. Sein Bruder Gentile war da schon gestorben. In Kapps „Italien. Schilderungen für Freunde der Natur und Kunst“ von 1837 steht folgende nette Begebenheit:


Die Gattin des Mantegna war die Schwester der Venezianer Giovanni und Gentile Bellini. Der letztere¹, Gentile, war ein Maler von mäſsigem Talent. Als sein Hauptwerk gilt ein groſses figurenreiches Bild, welche die Predigt des heiligen Markus auf dem Markte zu Alexandria vorstellt...

Merkwürdig ist Gentile auch darum, weil er, wie man sagt, vom Sultan Mahomed II. gegen das Gebot des Koran nach Konstantinopel eingeladen wurde, um für ihn zu malen. Während seines Aufenthalts in dieser Stadt habe er, erzählt man weiter, von den Basrelief's an der von Arcadius dem Theodosius errichteten Ehrensäule Zeichnungen genommen. Als er einst für den Sultan eine Enthauptung Johannes des Täufers gemalt, soll dieser Einiges² an dem Bilde getadelt und um dem Bellini seinen Fehler zu beweisen, auf der Stelle befohlen haben, einen Sklaven in ihrer Gegenwart zu enthaupten. ...

¹) Großschreibung seit 1996 gefordert. ²) Großschreibung seit 1996 wieder „fortschrittlich“.

Das „Neue allgemeine Künstler-Lexikon“, München 1835, schildert die Begebenheit so:

Die Republik brauchte ihn, wie seinen Bruder, beim grossen Rathsaale, und als der Grosssultan Muhamed II. selbe um einen vorzüglichen Bildnissmaler ersuchte, sendete sie ihn nach Constantinopel. Als Gentile in dieser Stadt die Enthauptung des Johannes gemalt hatte, besprach sich der Sultan über die fehlerhafte Darstellung des Halses, und liess, um den Künstler zu überzeugen, sogleich einen griechischen Sklaven kommen, den er auf der Stelle mit dem Säbel den Kopf abhieb. Bellini widersprach klüglich seiner Critik nicht länger, schlich sich eilends nach dem Hafen und segelte nach Venedig ab.

„Griechisch“ stand damals für „christlich“ – wie noch kürzlich die Griechen versuchten, die Eintragung der Religionszugehörigkeit in den europäischen Pässen durchzusetzen, da sie die eigentliche ethnische Identifikation sei.

Seit den 60ern geht die Eroberung weiter: In Deutschland wurden bislang 50 Fatih-Moscheen (türk. Fatih Camii = Eroberer-Moschee) mit dem Beinamen Sultans Mehmed II. (Fatih, der Eroberer) gebaut, v. arab. „fatah“ öffnen, erobern.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 10.06.2014 um 10.43

Klassik: Ästhetische Differenzen

von Michael Klonovsky

... Des vorerst letzten deutschen Kaisers Bemerkung „Die janze Richtung paßt mir nicht“ galt der sogenannten künstlerischen Moderne und schloss seinen Hofkapellmeister Strauss fest mit ein. Die erste Begegnung mit Wilhelm II. verlief Strauss zufolge so:

Der Kaiser betrachtet ihn stirnrunzelnd: „Sie sind auch einer dieser modernen Musiker?“
Strauss salutiert.
„Ich habe Ingwelde von Schillings gehört, das ist abscheulich, es gibt da keine Melodie.“ –
„Verzeihung, Majestät, es gibt Melodien, aber sie werden von der Polyphonie überdeckt.“ –
Der Kaiser sieht ihn streng an: „Sie sind einer der Schlimmsten.“
Er salutiert wieder. –
„Die ganze moderne Musik taugt nichts, es gibt darin keine Melodie.“ –
Dieselbe Geste. –
„Ich ziehe den Freischütz vor.“ –
„Majestät, auch ich höre lieber den Freischütz.“ –
„Der Falstaff von Verdi ist etwas Scheußliches.“ –
„Majestät, man darf nicht vergessen, dass Verdi achtzig Jahre alt ist und dass es eine schöne Sache ist, wenn man sich in diesem Alter – nach Troubadour und Aida – schöpferisch noch so erneuern kann, dass man einen so genialen Wurf wie Falstaff fertigbringt.“ –
„Ich hoffe, dass Sie mit achtzig eine bessere Musik schreiben werden.“
Darauf, schließt Strauss, gab es nichts mehr zu erwidern...

acta-diurna u. ef-magazin.de

Klonovsky ist Ästhet, hat einen Blick fürs Ungewöhnliche und schreibt originell – auch über die „Rechtschreibreform“. Schade, daß er sich dennoch, wohl aus Gründen der Vermarktung seiner Texte, dem unästhetischen Kultusministerdiktat unterworfen hat.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 17.04.2014 um 08.07

Meinen eigentlichen Interessen nachgehend stieß ich im Königsteiner Liederbuch von etwa 1470 auf den Liedanfang:

„Dein gestalt und styme¹ ist rauch und gryme¹, ich mircke wol, waß dich muertz thut; wer mich anelachet, des hastu acht; meyn wis die tüngkt dich nit gar güt; nit laß dichs irren ..."

Von den 169 Liedern dieser Handschrift ist dieses deswegen bemerkenswert, weil es eins von vieren ist, dem am Ende eine Melodie beigefügt ist, und zwar in der Griffschrift der deutschen Lautentabulatur. Noch bemerkenswerter ist, daß diese aus Buchstaben und Zahlen zusammengesetzte Reihe 30 Jahre älter ist als alle anderen bekannten Aufzeichnungen für dieses Instrument. Ihre Erfindung soll auf den berühmten blinden Organisten Conrad Paumann (1410-1473) zurückgehen. Der Melodieanfang für den obigen Text sieht so aus: n n c n 4 d 4 n g c 3 g, was in Notenbuchstaben d d c d e f e d a c h a heißen könnte. Die Unterlegung des Textes unter die Melodie ist schwierig, weil keine Notenlängen angegeben sind, bei Nr. 82 ist es sogar ein reines Ratespiel.

Für das Thema dieses Forums kann man den ersten Liedzeilen entnehmen: 1. Das „h“ in „rauh" ist ein Stammlaut, der heute zwar abgeschwächt, aber in deutlicher Aussprache immer noch hörbar sein sollte. 2. Die 1901 endgültig abgeschaffte th-Schreibung hat eine lange Tradition. 3. Das Schluß-ß ist hiernach mindestens 544 Jahre alt, tatsächlich aber wohl noch 100 Jahre älter. Für die nichtsnutzigen Reformer war die Abschaffung dieser Tradition eine Ersatzhandlung dafür, daß sie ihre Kleinschreibobsessionen nicht durchsetzen konnten, die, wie man hier sieht, doch recht mittelalterlich sind.

P.S.: Ich habe mir gerade die Ausgabe des Königsteiner Liederbuches in der 1970 gedruckten Dissertation von Paul Sappler kommen lassen. Leider hat er die Orthographie vereinheitlicht und beispielsweise die stummen „e“ fortgelassen, so daß mir wieder einige Fragen offen bleiben. Außerdem hat er mit Hilfe von Kurt Dorfmüller eine andere Textvariante aus dem gleichen Buch unterlegt:
„Din gsiecht und stimm ist sur und grimm. Ich merck woil ...“ Dem folgt auch der österreichisch-amerikanische Musikologe Hans Tischler.

Das Königsteiner Liederbuch (Ms.germ.qu. 719 Berlin) wurde übrigens nach unbekannter Vorgeschichte von Clemens Brentano 1804 erworben und den Brüdern Grimm ausgeliehen. Als er es weiterverkaufen wollte, rückten sie es nicht wieder heraus. Schließlich kam es in die Hände des Bibliophilen von Meusebach und von dort 1850 in die Preußische Staatsbibliothek.


¹) Mit waagrechtem Querstrich, der wohl eine m-Verdopplung andeuten soll.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 09.04.2014 um 18.37

Die Zweiwochen-Zeitschrift Ossietzy schreibt (in Kulturrechtschreibung):

Die Schiffsschlacht um Venedig

Susanna Böhme-Kuby

Daß die wachsenden Dimensionen des Massentourismus die fragilen Strukturen Venedigs in vieler Hinsicht seit langem überfordern und angreifen, ist bekannt. Doch erst die auch alle optischen Dimensionen sprengenden Horrorfotos schwimmender Hochhäuser vor den Palazzi der Lagunenstadt ließen eine Weltöffentlichkeit aufhorchen und lösten schließlich Wellen auch internationaler Empörung aus. Aber erst die Katastrophe der »Costa Concordia« vor der Giglio-Insel (2012) führte nach langem Hin und Her dazu, daß die oberste Hafenbehörde – die nicht etwa der Stadt, sondern dem römischen Verkehrsministerium untersteht – endlich Gegenmaßnahmen ergriff.

Ein Verbot für die Kreuzfahrt-Riesen im Giudeccakanal und vor S. Marco hatte im Herbst 2013 die Durchfahrt auf Schiffe bis 40.000 Bruttoregistertonnen (BRT) beschränkt, die größeren mußten seitdem im Hafen von Triest anlegen. Doch die großen Reedereien legten Protest ein, und die Hafenbetriebe im Passagierterminal riefen das Verwaltungsgericht (TAR) an, das nunmehr das Durchfahrtsverbot aufhob – mit Wirkung vom 5. April an...

Es geht um die Frage nach der Zukunft der Hafenstadt Venedig, deren Lagune den neuen globalen Anforderungen der Container- und Riesendimensionen nicht gewachsen ist, beziehungsweise nicht so angepaßt werden kann, wie es die »Modernisierer« wollen. So favorisiert die oberste Hafenbehörde das Projekt, einen weiteren tiefen Kanal (Canale Contorta) durch die Lagune auszuheben, der die Riesenschiffe nach wie vor direkt an die Stazione Marittima nach Venedig bringen soll, wenn auch nicht mehr direkt vor S. Marco. Das wäre erneut ein äußerst teures Mammutprojekt, das Jahre dauerte und das schon prekäre Gleichgewicht der Lagune – die über 1000 Jahre ein lebendiger Lebensraum der Stadt war – wohl definitiv zerstörte...

Ossietzky 8/14


eingetragen von Sigmar Salzburg am 01.04.2014 um 08.37

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Vollversion der Deutschen Digitalen Bibliothek gestartet. In der Online-Bibliothek kann jeder kostenlos nach Büchern, Bildern, Filmen und anderen Archivalien suchen.

"Die Deutsche Digitale Bibliothek eröffnet uns einen bislang nicht vorstellbaren Zugang zu unserem kulturellen Erbe. Via Internet können nun auch diejenigen angesprochen werden, die Museen, Bibliotheken, Konzertsäle und andere Kultureinrichtungen eher selten oder gar nicht besuchen", betonte Monika Grütters bei der Präsentation des Online-Portals in Berlin...

Die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) ist ein gemeinsames Internetportal der Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland und ermöglicht jedem einen zentralen und freien Zugang zu Millionen von Datensätzen aus allen Kulturbereichen...

Die Deutsche Digitale Bibliothek wird von Bund und Ländern finanziert. Bis Ende 2013 wurden für Aufbau und Betrieb des DDB-Portals insgesamt rund 24 Millionen Euro investiert, davon trug der Bund knapp 19 Millionen Euro.
az/jk (dpa/BKM/Deutsche Digitale Bibliothek)
dw.de 31.3.2014

https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/

Man wird feststellen, daß die reformierte Heyse-ss-Schreibung den unbedeutendsten Teil der deutschen Literatur und Kultur darstellt. Man sollte sich schnell wieder davon verabschieden.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 07.01.2014 um 06.12

Der Pianist Vladimir Ashkenazy testete jetzt in der Steinway-Europazentrale in Hamburg einen Flügel für das Opernhaus in Sydney. Behende springt der kleine Herr zwischen den Klavierbänken hin und her, wechselt von einem Flügel zum nächsten. Rasch die Noten aufgestellt, und schon erklingt jenes frische und kraftvolle Thema aufs Neue, das Brahms 1873 zum Ausgangspunkt seiner Haydn-Variationen wählte.
weser-kurier.de 29.12.2013

Nett, daß man den alten Herrn nicht als „behänden“ Reformaffen herumspringen ließ. „Aufs Neue“ hätte man aber auch hier wie schon vor hundertfünfzig Jahren verzichten können.



eingetragen von Sigmar Salzburg am 19.12.2013 um 08.15

Bei der Verwandtensuche in Hamburg-Blankenese stieß ich nebenbei auch auf die Komponistin Felicitas Kukuck (1914 – 2001). Ihr Name ist mir seit meiner Kindheit geläufig. Für das Streichquartett einer Kollegin hat sie sogar ein Werk verfaßt. Im Netz ist eine kurze Lebensbeschreibung zu finden, die sie 1989 begonnen hat und die bis 1949 reicht. Wohlmeinende haben den Text in die Reformschreibung von 2006 übersetzt, damit er auch für die jüngere Generation lesbar ist. Schon ihre Eingangszeilen lassen ahnen, daß ihr Leben im Dritten Reich nicht einfach war:

Autobiographie
in Form eines Tagebuchs ab 17. April 1989


17.4.89
Seit langem plane ich eine Autobiographie zu schreiben.
Felicitas Kukuck, geborene Cohnheim, 2. November 1914, in Hamburg.

...
Ich war froh, als ich mein Abitur in der Tasche hatte, und wollte nun auf die Hochschule für Musikerziehung und Kirchenmusik in Berlin gehen, um Schulmusikerin zu werden. Das ging nicht! Ich hätte meine arische Abstammung bis zum Jahr 1800 nachweisen müssen. Für mich kam Auswanderung nicht infrage. Ich wollte in Deutschland bleiben, im Lande Bachs und Mozarts und Brahms und Schuberts. Was blieb übrig?! Ich gab den Plan, Schulmusikerin zu werden, wie es mir seit den erfreulichen Erfahrungen als Schülerin der Lichtwarckschule vorgeschwebt hatte, auf und machte statt dessen im Herbst 1935 die Aufnahmeprüfung für das Hauptfach Klavier an der Musikhochschule in Berlin, Fasanenstraße.

Nach einem Jahr fleißigen Übens bestand ich 1936 die Privatmusiklehrerprüfung und bekam gleichzeitig Unterrichtsverbot. Aber ich blieb Studentin der Musikhochschule – jetzt mit dem Hauptfach Querflöte. Noch während meiner beiden letzten Schuljahre hatte ich dieses schöne Instrument spielen gelernt, so dass ich ohne Aufnahmeprüfung bei Gustav Scheck Flöte studieren konnte. Gleichzeitig schickte mich mein Lehrer für Harmonielehre, dem ich ein paar meiner Kompositionen gezeigt hatte, zu Hindemith in seine Kompositionsklasse. Dies war für mich die entscheidende Wende meines Lebens als zukünftige Komponistin. Überhaupt stand zeitlebens ein Glückstern über mir. Hindemith war ein großartiger Lehrer.

[So verschieden sind die Meinungen: „Hindemith war ja ein wirklich großer Meister, das wissen wir alle, aber er war ein furchtbarer Lehrer. Es ist da nicht[s] heraus gekommen, weil er die Leute an sich gebunden hat...“( Komponist Gottfried von Einem lt. Wikipedia, „s“ ergänzt 4.1.14)]

... Hindemith schrieb damals gerade seine „Unterweisung im Tonsatz“ und ich hatte den Eindruck, dass er äußerst engagiert war mit der Niederlegung seiner Erfahrungen als Komponist und Lehrer der Komposition. Er war ein glücklicher Mensch, sprühend lebendig und fröhlich, aber immer wachsam und kritisch, ganz so, wie ein Schaffender als Lehrer sein muss...

[Am 28.12. ist übrigens Hindemiths 50. Todestag.]

11.5.89

Am 30. Juni 1939 bestand ich meine künstlerische Reifeprüfung mit „gut“. Ich spielte Präludium und Fuge c-moll von Bach, die Klaviersonate as-dur op. 110 von Beethoven und die zweite Klaviersonate * von Paul Hindemith, die gerade bei Schott erschienen war, ein wunderbares Stück – besonders der 2. Satz. Mein Klavierlehrer: Prof. Rudolf Schmidt, ein Parteigenosse mit Hakenkreuz-Abzeichen am Revers, das er immer trug, hatte mir zunächst abgeraten, die Hindemith-Sonate zu spielen, weil er befürchtete, dass ich Schwierigkeiten bekommen könne von Seiten des Hochschulkollegiums, die meine Fähigkeiten ja beurteilen sollten.

Hindemiths Musik galt damals bereits als „entartete Kunst“ und wurde in Deutschland nicht mehr aufgeführt. Ich habe meinem Klavierlehrer, der es gewiss gut mit mir meinte und mich beschützen wollte, einen Brief geschrieben und ihm auseinandergesetzt, dass und warum ich die Hindemith-Sonate trotz seines Vetos spielen wolle. Ich sei seine Schülerin gewesen und verdanke ihm unendlich viel und was könne mir denn passieren, oder gar ihm, der ja bereits 1938 ausgewandert sei. Ich wolle meiner Verehrung für ihn auch Ausdruck verleihen, das würde doch gewiss dem Kollegium einleuchten. So etwa hatte ich argumentiert. Als ich wieder zum Klavierunterricht kam, war das erste, was Prof. Schmidt sagte: Ihr Brief hat mich überzeugt, Sie spielen die Hindemith-Sonate. Und so war’s denn auch. Ich habe alle drei Stücke, ohne dass ich unterbrochen wurde, vorgespielt, und das Kollegium war sehr zufrieden mit mir...

... jeder Berliner wusste, dass es für einen jüdischen Menschen lebensgefährlich gewesen wäre, ohne den Judenstern auf die Straße zu gehen, denn wenn er einem Bekannten begegnet wäre – ob Jude oder nicht – riskierte er, angezeigt zu werden; und das wäre ein sicherer Tod gewesen... Im nachhinein kommt mir das Ganze wie ein Wunder vor, oder besser gesagt, unser Schutzengel hat uns behütet, ...

http://www.felicitaskukuck.de/Autobiographie_FKukuck.pdf


eingetragen von Sigmar Salzburg am 30.11.2013 um 19.08

Neue Beiträge zur Virchow-Forschung
Kieler Kant-Gesellschaft (Dr. Busch) /Hermann Ehlers Akademie (Dr. Schlürmann)
28. November 2013
Hermann Ehlers Akademie, Niemannsweg 78, 24105 Kiel

Zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. Christian Andree, dem international bekannten Virchow-Forscher, leuchten Freunde und Weggefährten Andrees aus dem aktuellen Forschungsstand heraus den medizinischen, historischen, geisteswissenschaftlichen und philosophischen Hintergrund des großen Mediziners und Politikers Rudolf Virchows (1821-1902) aus. Einen besonderen Akzent wird der Abendvortrag von Prof. Andree selbst setzen. Das Besondere dieses Symposions ist die Zusammenführung ganz verschiedener Sichtweisen auf den großen liberalen Deutschen des 19. Jahrhunderts

Die Veranstaltung anläßlich des 75. Geburtstages des Medizinhistorikers und Literaturwissenschaftlers Christian Andree, nahm nach Wunsch des Jubilars den ganzen Tag ein. Dr. Busch erwähnte, daß Andree die größte Autographensammlung von Briefen und Schriften Virchows besitze und wohl der einzige sei, der dessen Handschrift fließend lesen könne. Bemerkenswert war auch die Freundschaft Rudolf Virchows und Heinrich Schliemanns, deren Entwicklung anhand der Briefe dargestellt wurde.

Den Schlußvortrag hielt Prof. Andree selbst unter dem Titel:
„1000 Leichen seziert und nie eine Seele gefunden“
Andree kam es hierbei darauf an, den agnostischen Standpunkt Virchows deutlich zu machen. Dieser erforderte eine strikte Trennung von Wissenschaft und Religion und ließ kein Urteil über außerwissenschaftliche Bereiche zu. Die Erforschung des Bewußtseins liege an der Grenze dessen, was die Wissenschaft zu leisten vermöge. Das Zitat im Titel des Vortrags schrieb Andree den Gegnern Virchows zu.


Die gesammelten Schriften Virchows hat Andree bei Olms herausgegeben (in originaler Rechtschreibung).


eingetragen von Sigmar Salzburg am 02.11.2013 um 07.04

Kissler bei Focus:
Die Gruselmode zählt zu den dümmsten Importen, die je den Großen Teich überwunden hat. An Halloween werden kleine Kinder von der harten Rute des Kapitalismus gezüchtigt. Sie ziehen plärrend, schreiend, nervend von Haus zu Haus und belästigen, aufwendig verkleidet, friedliche Bürger mit der dümmsten aller Drohungen: „Süßes oder Saures!“
focus.de 31.10.2013

Diese Mode ist im Grunde der als Zombie wiederauferstandene Brauch des alten Rummelpottlaufens, das in Norddeutschland noch einige Zeit nach dem letzten Krieg am Altjahrsabend üblich war. Kinder verkleideten sich, zogen von Haus zu Haus, sangen zum Gebrumm des „Rummelpotts“ Lieder, trugen Reime vor und erhielten als Gegenleistung (!) Obst, Nüsse und Backwerk. Der Rummelpott ist ein urtümliches Musikinstrument aus einem irdenen Topf mit einer darübergezogenen Schweinsblase, in deren Mitte ein Stab oder Reethalm eingebunden ist. Durch Reiben mit zwei angefeuchteten Fingern entsteht ein brummender Ton. Wikipedia schreibt (bislang unreformiert!):

Mit Hilfe des Polterns sollten in früheren Zeiten in den sogenannten Rauhnächten um die Jahreswende wahrscheinlich Wintergeister vertrieben werden. Im Volksglauben stand in den rauhen Nächten die Welt der Geister offen. Auch Odins Wilde Jagd spielte sich am Silvesterabend ab.

[Nachtrag: Wikipedia änderte die „rauhen“ Nächte am 30.12.2015 zu „rauen“ Nächte. Die „Rauhnächte“ blieben.]


eingetragen von Sigmar Salzburg am 30.10.2013 um 11.43

Mit einer ganzen Riege von Anwälten und Professoren ist die Erbengemeinschaft Lederer am Donnerstag im Wiener Café Landtmann vor die internationale Presse getreten. Sie fordert die Rückgabe von Gustav Klimts Beethovenfries, dem bekanntesten und flächenmäßig größten Meisterwerk des Wiener Jugendstils. Was vordergründig wie eine Wiedergutmachung an von den Nazis begangenem Unrecht aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Versuch, längst Entgoltenes nochmals entschädigt zu bekommen.
neues-deutschland.de 18.10.2013

Elisabeth Leopold, Witwe des Kunstsammlers Rudolf Leopold, berichtet, der Kunstsammler Erich Lederer habe mit ihrem Mann den Preis für den Verkauf des Werks an die Republik selbst festgesetzt. Lederer habe Leopold als den führenden Experten beigezogen und das Ehepaar ins Depot des Belvederes geführt. „Der Fries war in elendem Zustand. Mein Mann bückte sich und hob ein Glasauge auf, das auf dem Boden lag. Er hat es einer der Gorgonen – oder war es sogar die Wolllust? – ins Auge zurückgedrückt. Mein Mann hat den Wert auf 15 Millionen Schilling geschätzt...“
news.at 23.10.2013

Die neue Dreifachbuchstabenregel führt also zu falscher “Wollust”. Erst kürzlich wieder hatte der unvermeidliche Peter Schmachthagen diese Regel beim Hamburger Abendblatt in den höchsten Tönen gelobt. Da dies schon bei der Forschungsgruppe eingehend besprochen wurde, ersparen wir uns dazu Näheres. Nur auf die damit mögliche „Zooooologie“ sollte man noch einmal hinweisen.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 29.10.2013 um 10.47

Die Bauwunder des Herrn Mayer aus Berlin
Nahe der Ortschaft Sarpi ließ Saakaschwili einen alten Wachturm abreißen. Dort lugt nun neugierig der wohl imponierendste Mayer-Bau in Georgien über die Grenze in die nahe Türkei, ein Grenzposten mit verspielten Linien, einer Aussichtsterrasse für Besucher und den besten Voraussetzungen, zu einem Wahrzeichen des modernen Georgien zu werden. "Wir nahmen als Ausgangspunkt eine gerade Schnur, die dann locker fällt und in ihren Schlaufen Zwischenräume bietet ", sagt Mayer.

Bild; spiegel.de 27.10.2010

Die norddeutschen Bauarbeiter drücken das schlichter aus: „... wie der Bulle pißt!“


eingetragen von Sigmar Salzburg am 07.09.2013 um 10.09

Mit Mendelssohns Themen
Wieder ganz auf pralle Wirkung auch die beiden Orchesterstücke, die das Violinkonzert auf der CD umrahmen: Sowohl die "Symphonischen Metamorphosen" (1943) nach griffigen Themen des Romantiker[s] Mendelssohn-Bartholdy sowie die "Konzertmusik für Streichorchester und Blechbläser op. 50" rauschen stellenweise wie große Film-Bilderbögen mit leichten Störfeuern im harmonischen Ablauf vorüber.
spiegel.de 7.9.2013

Werner Theurich, zeitweilig behindernder Moderator des einstigen Spiegel-Rechtschreibforums, irrt hier auch musikalisch. Richtig steht es schon im Titel: „Symphonische Metamorphosen Carl Maria von Weberscher Themen“ oder lt. Verlagsprospekt: „ ... nach Themen von Carl Maria von Weber“ (d.h. nach Webers Chinoiserien zu Schillers Turandot-Version).



P.S. Am 9.9. um 8.55 hat man den Fehler korrigiert.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 28.07.2013 um 13.26

Händel, Bach und der Okulist John Taylor

Johann Sebastian Bach litt auf seine alten Tage an einer starken Sehschwäche und begab sich schließlich, mit der Hoffnung wieder sehen zu können, in die Hände des Okulisten John Taylor. Dieser war seinerzeit einer der berühmtesten Starstecher und operierte Bach aufgrund eines fehlenden Operationssaals im Leipziger Gasthof „Drey Schwanen“...

In der Praxis erwies sich das Ganze jedoch als äußerst heikel, denn bei etlichen Patienten traten anschließende schwere Komplikationen auf, dessen Folgen mitunter auch zum Tod führten. Der Okulist Joseph Hillmer z.B. operierte sich mit sagenhaften 82% Misserfolg durch den russischen Adel...

Gute zwei Jahre nach Bachs Tod, am 3. November 1752, trat der Komponist Georg Friedrich Händel seinen ersten – von einem Herren namens Bromfield durchgeführten – Starstich an und konnte kurz darauf auch wieder besser sehen. Allerdings nur kurzfristig, denn seine Blindheit nahm in der Folge rasanter zu als vor der Operation. Im August 1758 beging er den Fehler erneut und ließ sich nochmals operieren – diesmal von John Taylor. Am 14. April 1759 starb Händel in seiner Londoner Wohnung.

opernblog.blogspot.de

Der Flensburger Karikaturist Götz Wiedenroth hat sich dazu seine eigenen Gedanken gemacht:

wiedenroth-karikatur.blogspot.de

Wiedenroth hat bereits andere Kurpfuschereien mit spitzer Feder aufs Korn genommen, unter anderem die
Geschichte der Rechtschreibreform.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 16.07.2013 um 06.55

Bei EMCO (Early Modern Culture Online) ist der Artikel eines norwegischen Musikwissenschaftlers erschienen:
Per Kjetil Farstad
[(født 25. september 1952), phil.dr. og professor i musikk ved Universitetet i Agder, Institutt for musikk]
Man beachte die skurrile norwegische Reformschreibung!
Lautenistinnen in Deutschland im 18. Jahrhundert
journal.uia.no - download

Der Artikel ist in die „leichter lernbare“ Reformschreibung übersetzt.
Allerdings gibt es immer wieder Rückfälle:


Das Instrument wurde sowohl zum Solo- als auch zum Generalbaßspiel benutzt.

Die Lautenisten waren natürlich vollständig von ihrem Arbeitgeber abhängig und mußten die Musik schreiben und spielen, die diese wünschten. Die Lautenmusik war wie die Musik im allgemeinen mit der französischen Mode verbunden, die tonangebend für das adelige Deutschland zu Beginn des 18. Jahrhundert war...

In Frankreich und im Anschluß daran auch in Deutschland fanden Frauen über den Salon Zugang zum Musikleben ...

Ihre Kompositionen seien anders, geprägt durch die ”schwache” weibliche Natur... Weitverbreitet war die Haltung der Männer, dass Frauen empfindsam und irrationell wären ...

Die Erwähnten gehören indessen zu den Ausnahmen ihrer Zeit. Sie hatten einen gute Ausbildung, Zugang zu den besten Lehrkräften in Ausführung und Komposition und waren finanziell unabhängig. Sie verfügten über Dienstmädchen die ihnen die Anforderungen als Mutter abnahmen und sie besassen die besten Kontakte zur Konzertszene...

Englische Zitate erfolgen in originaler Orthographie:

12 “Lady … At what houres do your Maisters come? Charlotte [the eldest daughter]. Our dauncing Maister commeth about nine a clocke: our singing Maister, and he that teacheth us to play the virginalles, at tenne; he that teacheth us on the Lute and the Violl de Gambo, at foure a clocke in the after noone: and our French Maister commeth commonly betweene seaven and eight a clocke in the morning”.

Bei deutschen Zitaten kann man nie sicher sein:

Da Johann Christoph Gottsched den Text zu Bachs Kantate ”Auf, süss entzückende Gewalt”, Trauer-Ode (BWV 183) von 1727 schrieb, kann die Bekanntschaft mit der Familie Gottsched Marianne Ziegler den Weg zu dem Kontakt mit Bach geöffnet haben (Rifkin und Küster 2007) ... “Wie? Konnt ich mich denn nicht begnügen an meinem Flöt- und Lautenspiel, Das täglich mir zur Hand muss liegen?”

Oft muß man mit einem unentwirrbaren Konglomerat aus originaler Orthographie und alter und neuer ss-Schreibung rechnen:

Louise Adelgunde Victoria von Gottsched (1713–1762) aus Danzig (Gdansk) hatte eine führende Rolle unter den Damen ihrer Zeit, ... Dr. Kade hörte sie und erlaubte ihr, sich kleine Stücke vom ihm abzuschreiben. Und weiter:
“...Gleichwohl ersetze ihr Naturell alles übrige; so dass sie nachmals hier in Leipzig, die schwersten weißischen Stücke fertig, ja fast vom Blatt wegspielte; auch selbst dieses großen Meisters Beyfall erhielt, als er sie 1740 besuchte und ihr teils vorspielte, teils sie spielen hörte…” (Gottsched 1763)...

Hier ist [des Hamburger Ratsherren Barthold Heinrich] Brockes’ Lobpreisungsgedicht über Anna Ilsabes [seiner Ehefrau] musikalische Begabung und ihr vorzügliches Lautenspiel:
”Sobald ihr Ton durchs Ohr uns sanft die Herzen schlägt /
Kocht gleich ihr Blut und wallt, die Seele wird bewegt,
...
Den Saiten muss an Klang ein Glöckchen weichen /
Dahero, weil ihr Ton so hell und rein, so zart”
“So scheints, ob Ihre Hand auf unsichtbare Ahrt /
Ein himmlisch Glocken-Spiel mit güld’nen Strickchen zöge,
Und ob die schlanke Hand nicht sprünge, sondern flöge.
...
Die Saiten weiss Ihr Geist so künstlich auszudehnen,
Dass eine süsse Klag’, ein fast verliebtes Sehnen,
Aus todten Sehnen bricht.
...
Brockes’ Freundeskreis reagierte auf die Aufforderung, wenn er sich später in der Wohnung der Brockes versammelte, wo Anna Klavier und Laute spielte. ...

Das könnte Matthesons Begeisterung ausgelöst haben, denn er war zur selben Zeit ein Mann der scharfen Zunge und gerader Worte ... sowie voller scharfer Kritik, die er an die Lautenisten und die Laute im Barock richtete. ... Mattheson hatte im übrigen eine großen Respekt vor Weiss als Lautenist, aber hielt nicht viel von den anderen Lautenisten seiner Zeit. Eine Ausnahme war wohl Ilsabe, die offenbar doch von Zeit zu Zeit öffentlich auftrat. ...

Early Modern Culture Online vol. 2 no. 1 (2011): 55 - 80
ISSN: 1892-0888 http://www.uia.no/emco


eingetragen von Sigmar Salzburg am 25.06.2013 um 07.40

Manuel Brug schreibt in der „Welt“ anläßlich der ersten Festspielveranstaltung nach der Wiedererrichtung des Welfen-Schlosses in Hannover über die Geschichte des weltberühmten Barockgartens und seines schlichten Hauptgebäudes. Siebzig Jahre nach der Zerstörung der Stadt durch anglo-amerikanische Bomberflotten ist ein weiterer kleiner Teil der Geschichtserinnerung wiederhergestellt. Damit erhält die große Achse des Gartens seinen ursprünglichen Abschluß.

Um ein Haar wäre die Rekonstruktion schon in den sechziger Jahren unmöglich geworden, denn Zeitgeist wie Architekturkritiker gifteten dagegen, daß sich „Architekten für derlei hergeben“. Der dänische Architekt Arne Jacobsen hatte an dieser Stelle schon ein raumschiffartiges Restaurant auf Stelzen, „Bella Vista“, geplant, das die höchsten Werte der damaligen Edelfreßwelle¹ durch den Blick auf die Gartenanlage unterstreichen sollte. Zum Glück scheiterte dies am Spott und Widerstand der Bürger.

Heute ist man offener gegenüber der Wiedererrichtung alter Gebäude, schließlich geht es ja um die geistige Leistung der Vergangenheit – sonst dürfte man in der Musik etwa Bach nur auf originalen alten Instrumenten spielen. Während also vereinzelt ausgewählte historische Gebäude wiedererrichtet werden, sind zeitgleich doch wieder fortschrittsfanatische Kulturbanausen und Gesellschaftsveränderer dabei, Bewährtes abzureißen, wie nicht zuletzt die „Rechtschreibreform“ zeigt.


Brugs Artikel hier: WELT.de 19.6.2013

P.S.: Manuel Brug schreibt u.a.:

Der Philosoph und Fürstendiener [Leibniz] erging sich stattdessen mit seiner Kurfürstin Sophie im von Menschenhand geschaffenen Utopia am Ende einer Lindenallee vor der Stadt in einer künstlich harmonischen Welt und versenkte sich – davon aufs Höchste angeregt – in eine geistige. Auch seine Monaden-Theorie spross hier.
Leibniz‘ Gedanken werden oft unterschätzt, z.B. auch seine viel bespottete Theorie, daß wir in „der besten alle möglichen Welten“ leben. Aber was ist die reiche evolutionär entstandene Lebenswelt anderes als die beste aller möglichen Welten? Deren Ende durch die zerstörerische Wucherung Mensch ist allerdings abzusehen.

¹) Nach der Hungerzeit im Nachkriegsdeutschland folgten mit dem Aufschwung durch die Währungsreform nach 1948 im Westen die Freßwelle, die Bekleidungswelle, Einrichtungswelle, die Auto- und Reisewelle und schließlich die Edelfreßwelle.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 12.06.2013 um 09.52

Gestern hielt ich im Hamburgischen Staatsarchiv die Bürgerakte mit den Einbürgerungsprotokollen in Händen, durch die auch einer meiner Vorfahren Hamburger Bürger wurde.
Das Verfahren ist vielleicht von allgemeinem Interesse:


Fol. 617

Praemissis praemittendis deponirte Comparent:

1) Name und Alter? Jens Jensen
2) Religion? luth.
3) Geburtsort? Hadersleben
4) Wie lange er in Hamburg und wo er wohne? 7 Jahre, Valentinskamp Hof 87
5) Bey welchem Lehr- und Brodtherren derselbe gewesen,
und womit er sich ernähret? die Tischlerprofession erlernet
6) Warum er seinen Geburtsort verlassen?
7) Ob und wie lange er verheyrathet, ob seine Frau noch am Leben,
und wie viele Kinder er habe, und von welchem Alter? oder nein
8) Ob er sich zu verheyrathen willens? ja
9) Auf welches Geschäft er Bürger zu werden willens? als Tischlermeister
10) Ob er im Stande sey, mit diesem seinem Geschäfte eine Familie zu ernähren? ja

a) Beistand Namens: Joach. Chr. Fried. Zach. Runge vigore Bürgerzettel de dato 7. July 1826
Bürger declarirt auf seinen geleisteten Eyd, daß seines Wissens obiger Comparent in allen Dingen die Wahrheit angegeben
habe, und daß er, Beistand, ihn hinlänglich kenne, um dies bezeugen zu können, und deponirt über ihn noch wie folgt:
er kenne ihn 2 Jahre

b) Sonstige Beweise

Comp prod
b) Taufschein geb. Hadersleben 9 April 1817
2) Militairfreischein aa Hadersleben d 27 Dec 1845
3) Entlassungsschein aa Hadersleben d 17 Juny 1847
4) Polizeischein
5) Attest vom H. Aeltermann des Tischleramtes
6) Bescheinigung vom Roll
[Impfarzt in Haderslev]

Resolutio: Zugelassen

Actum d. 23 Juny 1847


eingetragen von Sigmar Salzburg am 10.06.2013 um 10.14

Schleswig-Holstein besitzt zahlreiche Kulturschätze, von denen etliche wenig bekannt sind. Gestern hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einer Veranstaltung der Kieler Goethe-Gesellschaft an einer Exkursion unter dem Titel „Italien und die Antike im Herrenhaus Emkendorf“ teilzunehmen. Zu besichtigen waren die Früchte der Rom-Reisen Fritz von Reventlows und seiner Gattin Julia in den Jahren 1784 und 1795-1797.

Die Vorbereitung und Führung hatte Peter Petersen, ehemaliger Lehrer der Kieler Gelehrtenschule, der trotz überstandener schwerer Krankheit sachkundig und begeisternd berichtete. Ergänzend hatte der studierte Altphilologe, Germanist, Kunstgeschichtler und Archäologe eine 32seitige Ausarbeitung in Farbdruck (in bewährter Kulturrechtschreibung) verfaßt und verteilt.

Das ursprüngliche Barockgebäude wurde bis 1806 klassizistisch umgebaut und mit Erwerbungen während der Romreisen ausgestattet, von denen allerdings vieles verlorengegangen ist. Fritz von Reventlow war Diplomat in dänischen Diensten in Kopenhagen, London und Stockholm, später auch Kurator der Kieler Universität. Im Herrenhaus Emkendorf waren Künstler und Literaten ständige Gäste, unter anderem auch Klopstock und Matthias Claudius.

Das Gebäude befindet sich heute im Besitz der Familie Heinrich, Mehrheitsgesellschafter der Kieler Nachrichten, wird aber nicht bewohnt und ist selten zugänglich. Das wird sich auch kaum ändern, da neben den laufenden Betriebskosten die Anforderungen der Denkmalspflege an Restaurierung und Sicherheitsvorkehrungen nicht erfüllt werden können und die Landesregierungen lieber kulturbanausische Rechtschreibreformen fördern. Es lohnt aber auch ein Ausflug in die herrliche unverdorbene Landschaft um den Westensee.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 21.02.2013 um 20.20

[SPIEGEL ONLINE:] Kollegah, was sagt Ihre Mutter dazu, dass Sie ständig andere Mütter "ficken" wollen? Das Album "Jung, brutal, gutaussehend 2" hat Heino von der Chartspitze verdrängt - und den deutschen Gangster-Rap wiederbelebt…
Fühlen Sie keine Verantwortung gegenüber denen, die Sie als Vorbild ernstnehmen?

Kollegah: Der Gefahr begegnen wir durch das Stilmittel der Übertreibung… So sollte jeder - auch mit einem zweistelligen IQ - checken, dass es nicht für bare Münze zu nehmen ist, wenn wir sagen: Wir knallen alle Menschen ab oder schmuggeln kiloweise Heroin über die Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: Die Überspitzung wird aber nicht in allen Ihren Texten deutlich: "Jetzt wird deine Slut gebumst, sie kriegt meinen Schwanz in den Mund, und ihr Herz pumpt Adrenalin, Bitch!" ¹ Kein Problem für junge Hörer?

Kollegah: Man muss das mit dem Actionfilm-Genre vergleichen: Um Atmosphäre zu schaffen, muss man das ernst rüberbringen. Testosteronschwangere Filme, in denen Menschen abgeschlachtet werden, wie "300" zum Beispiel, sind weltweite Kinohits. Unser Rap ist genau so eine Form der Unterhaltung […]

… Mir graut es schon vor dem Tag, an dem ich meine Zulassung [als Rechtsanwalt] bekomme. Denn ich weiß, wer dann als Erstes bei mir auf der Matte steht.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Texten greifen Sie ja auch gerne mal auf das deutsche Kulturgut zurück. Haben Sie ein Lieblingsgedicht?

Kollegah: Goethes "Erlkönig". Traurig, aber schön.

spiegel.de 21.2.2013

¹) „Sah ein Knab ein Röslein“ von Goethe, zeitgemäß reformiert?
Auch andere arbeiten an Deutschlands kulturellem Fortschritt.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 16.02.2013 um 08.49

Nachdem bekannt geworden ist, dass das islamische Zentrum Al-Nour eine ehemalige Kirche in eine Moschee umbauen möchte, sprechen Kirchenvertreter von einem "Dammbruch"…

Vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem beginnenden "Wirtschaftswunder" entstand eine Vielzahl von Gotteshäusern. Allein im ehemaligen evangelischen Kirchenkreis Alt-Hamburg stammt gut ein Drittel der Sakralbauten aus dieser Zeit. Auch die Kapernaumkirche, 1961 von Architekt Otto Kindt entworfen. Mit zunehmendem Alter zeigten sich immer mehr Schäden in den Bauten. Für die Reparatur der Horner Kirche wären im Jahr 2000 rund 1,5 Millionen Euro fällig gewesen.
welt.de 6.2.2013

Im Kieler Hochbauamt sagte mir einmal der für die städtische Gebäudeerhaltung zuständige Experte: „Was vor dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde, ist fachgerecht und solide. Da ist bis heute nichts dran, aber die Gebäude seit den 50er-Jahren entwickeln Schäden über Schäden.“

Man fühlt sich an die „Rechtschreibreform“ vierzig Jahre später erinnert.

Über die übertriebene Kirchenbauerei hatte ich schon in meiner Schulzeit gelästert.


Der Ratschef der evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, sieht die Umwandlung eines Hamburger Gotteshauses in eine Moschee als "geistliche Zumutung". welt.de 16.2.13


eingetragen von Sigmar Salzburg am 13.02.2013 um 19.50

Heute vor 130 Jahren und einem Monat, am 13. Januar 1883, wurde Henrik Ibsens Schauspiel „Ein Volksfeind“ im Christiania Theater in Oslo uraufgeführt.

Die Angriffe und Intrigen, gegen die sich die Hauptfigur, Doktor Stockmann, wehren muß, ähneln doch sehr denjenigen, die die aktiven Gegner der „Rechtschreibreform“ zu erleiden hatten. Am Ende bleibt allen die teuer erkaufte Genugtuung, doch recht gehabt zu haben, aber der eine als Volksfeind verfemt, die anderen als lernunwillige Kinderquäler denunziert und schließlich als donquichotteske Kämpfer gegen den „Fortschritt“ totgeschwiegen.

Hier eine kurze Inhaltsangabe in der Ankündigung des Maxim Gorki Theaters in Berlin:


Doktor Stockmann hat eine Entdeckung gemacht: Das Wasser des Heilbades, ganzer Stolz und Wohlstandssicherung der Stadt, ist verseucht. Ein Besuch des Bades ist geradezu gesundheitsschädlich. Der Öffentlichkeit soll diese Entdeckung selbstverständlich nicht vorenthalten werden - die Redakteure Hovstad und Billing vom "Volksboten" und auch der Vorsitzende des Vereins der Hausbesitzer, Aslaksen, sichern ihre Unterstützung zu.

Allein sein Bruder, Bürgermeister der Kleinstadt, kann den kämpferischen Enthusiasmus nicht teilen, bedeutet diese Entdeckung doch einen Imageschaden und somit zwangsläufig wirtschaftliche Einbußen. Kaum rechnet er vor, was eine Sanierung des Bades für jeden Einzelnen an Steuerlast bedeuten würde, schlägt die Stimmung um: Gerade noch gefeiert wird Doktor Stockmann zum Volksfeind erklärt.

Doch statt klein beizugeben nimmt er die Rolle an und hinterfragt grundlegend eine Gesellschaftsordnung, die unter dem Primat wirtschaftlicher Interessen steht.

regiomusik.de 30.1.2013


eingetragen von Sigmar Salzburg am 05.02.2013 um 11.30

Normalerweise werden Könige unter allen Ehren zu Grabe getragen und meist markiert auch Jahrhunderte später noch eine aufwändige Gruft oder ein steinerner Sarkophag ihre letzte Ruhestätte. Nicht so bei dem englischen König Richard dem III… Jetzt haben britische Archäologen das Skelett des Königs entdeckt - unter einem Parkplatz…

Für Shakespeare war der englische König Richard III. der Inbegriff eines Schurken: Er beschreibt ihn in seinen Werken als Buckligen mit einem verkümmerten Arm und als gewissenlosen Mörder zahlreicher Rivalen um den Thron, darunter auch zwei junge Prinzen. Tatsächlich aber war der 1483 gekrönte König weitaus besser als sein späterer Ruf…

wissenschaft.de 4.2.2013












eingetragen von Sigmar Salzburg am 26.01.2013 um 08.18

… der verdiente deutsche Schlichtsänger, hat aus Jux und kleiner Rache einige Lieder („Songs“) seiner Rockkollegen nachgesungen („gecovert“) und damit einen gewissen Aufruhr („Hype“) erzeugt. Die wenigsten der Betroffenen waren davon begeistert. Der Oomph!-Sänger Dero meinte: „Heino hat einige Lieder in seinem Repertoire, die man durchaus als völkisch-verherrlichend bezeichnen kann.“ (bild.de 25.1.2013)

Um in dieser Hinsicht jeden, auch den geringsten, Verdacht zu vermeiden und auf der Höhe der Zeit zu sein, singt man heute natürlich englisch. Dann muß man auch den Inhalt nicht verstehen. So sind wohl nur fünf Prozent der notorischen Musiktips (seit März 2012 „Musiktipps“) von Ralf Stegner (SPD-SH) deutschsprachig, aber garantiert heinofrei.

Siehe auch sueddeutsche.de 24.1.2013


Die alte deutsche Volksliedtradition ist seit etwa 150 Jahren ausgestorben. Nur auf dem Balkan hat es bis zur Vertreibung der deutschen Volkstumsgruppen nach 1945 eine lebendige Überlieferung gegeben, von der mein Musiklehrer noch einiges nach dem Vorbild von Bela Bartók hat festhalten können. Um 1900 wurde durch die entstehenden Jugendbünde etliches wiederbelebt, einiges aus der Renaissance ausgegraben und manches auch neu geschaffen.

Seit den 68ern und dem Siegeszug der Rock-, Pop- und Rap-Musik überlebt das Volkslied nur auf der untersten Trivialstufe in der volkstümelnden Musik. Die Mehrheit des Volkes ist musikalisch sprachlos geworden und kann bei den Massen-Geräuschorgien allenfalls noch lippenbewegend einige unverinnerlichte englische Wortfetzen mitplappern.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 12.12.2012 um 07.10

Legendärer indischer Sitar-Musiker Ravi Shankar mit 92 Jahren gestorben

… Shankar beeinflusste mit seinem Sitar-Spiel zahlreiche westliche Musiker von den Beatles und den Rolling Stones bis zu Yehudi Menuhin. In den sechziger Jahren unterrichtete er den Beatles-Gitarristen George Harrison. Die beiden arbeiteten bei zahlreichen Projekten zusammen, darunter das legendäre Konzert für Bangladesch 1971. Shankar trat auch 1969 auf dem legendären Woodstock-Festival auf.

Er ist der Vater der prominenten Sitar-Spielerin Anoushka Shankar und der weltberühmten Soul- und Jazzsängerin Norah Jones.

Indiens Premierminister Manmohan Sing würdigte den Musiker als einen "nationalen Schatz und weltweiten Botschafter des indischen Kulturerbes".

sueddeutsche.de 12.12.12, s.a. spiegel.de

Authentische asiatische Musik hat mich von jeher fasziniert. Ich erinnere mich gut an die weltweite Übertragung von Ravi Shankars Auftritt anläßlich der Feier des zehnjährigen Bestehens der UNO – neben Yehudi Menuhin und David Oistrach, die Bachs Doppelkonzert spielten.

Damals wurde indische Musik im Westen meist, wie Shankar sagte, als „mewing of cats“ empfunden. Nachdem sie von den Beetles¹ entdeckt worden war, wurden trivialisierte Elemente in die Pop-Musik übertragen. Die Kiffer hockten in Shankars Konzerten in der ersten Reihe, und obwohl er sich das Rauchen verbat, ließen sie sich nicht stören.

Der Weg seiner Töchter zeigt, daß auch heute die meisten Westler die Musik nur mit einer Portion Jazz- und Pop-Ketchup genießen können. Aber das ist eben die neue Multikultur.

¹) ... oder Beatles


eingetragen von Sigmar Salzburg am 07.10.2012 um 08.02

All, all on earth, is shadow, all beyond is substance.
The revers is the folly’s creed,
How solid all, where change shall be no more.


Eintrag von Christian Clausen 1780 auf der ersten Seite des ansonsten auf dänisch geführten Kirchenbuchs der Gemeinde Glud in Jütland – fand ich bei der Suche nach meinen dortigen Vorfahren.
Der Dichter ist Edward Young (1683-1765), und seine „Nachtgedanken“ sind damals auch auf deutsch erschienen.


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Sigmar Salzburg


eingetragen von Sigmar Salzburg am 13.09.2012 um 07.45

In der letzten Woche war ich in Apenrade (Aabenraa), um im Landsarkivet for Sønderjylland etwas über die dänische Linie meiner Vorfahren zu erfahren. Freundlicherweise hatte man mich schon telefonisch darauf hingewiesen, daß bereits alle Kirchenbücher verfilmt und im Internet einsehbar seien. So hatte ich schon meinen Ururgroßvater mit dem seltenen Namen Jens Jensen, dessen Existenz bisher nur eine Bleistiftnotiz in alten Unterlagen behauptete, anhand seines Geburtsdatums identifizieren können.

Zu meinem Erstaunen fand ich, daß ein großer Teil der Kirchenbücher der Städte in Nordschleswig, die seit etwa 1700 vorliegen, in gestochener traditioneller Kurrentschrift ( „auf dem Schloßgrunde“) und in bestem Hochdeutsch geführt wurden. Die Amtssprache in den freien norddeutschen Städten wie Lübeck, Hamburg und Bremen war dagegen um 1820 immer noch Plattdeutsch.

Mein Vorfahr war von Hadersleben (Haderslev) nach Hamburg übergesiedelt – wohl über Altona, das, wie ganz Holstein, damals noch der dänischen Krone unterstand, ohne formal Bestandteil Dänemarks zu sein. Die Geschichte Schleswig-Holsteins ist so verwickelt, daß der englische Premierminister Lord Palmerston (1784-1865) behauptete, es habe nur drei Menschen gegeben, die sie in allen Einzelheiten beherrschten: Der erste sei der Prinzgemahl Albert, und der sei tot. Der zweite sei ein deutscher Professor, und der sei darüber verrückt geworden. Der dritte sei er selbst, aber er hätte alles wieder vergessen.

Mit der freundlichen Hilfe des Archivars im Landsarkivet konnte ich nun einige der besonders schwungvollen Schnörkel entziffern und erfahren, daß mein Urururgroßvater, ebenfalls Jens Jensen, wie auch dessen Vater Jens Lausen, aus dem Dörfchen Nörbye, Gemeinde Glud, nahe der Insel Fünen stammte, während die Mutter, Christine Jens[datter], aus dem nahen Ort Hatting stammen sollte.

Nun muß ich noch die endlose Reihe der Namen in diesen Kirchbüchern entziffern, die dort auf dänisch geführt wurden und bis 1700 zurückgehen. So hoffe ich, noch genaueres zu erfahren und damit das Wissen über meine Vorfahren etwas zu erweitern. Durch die Arbeit eines Großonkels und einen glücklichen Zufall läßt sich eine andere Linie, die älteste bekannte, bis 1402 nach Stadthagen zurückführen.

Ganz finster sieht es dagegen auf der Seite meines Vaters und der schlesischen Vorfahren aus. Da kenne ich als Folge von Krieg und Vertreibung nicht einmal die Lebensdaten meiner Großeltern, und das Standesamt des letzten Wohnsitzes einer Tante im Harz weigerte sich, mir etwas herauszugeben, weil ich nicht in direkter Linie mit ihr verwandt sei.

Inzwischen habe ich auch erfahren müssen, daß mein Interesse an meiner Herkunft den Argwohn anderer erregt, die sogleich Reaktionäres und Schlimmeres wittern. Zum Glück sind wir aber, abgesehen von der „Rechtschreibreform“, noch nicht so weit wie im China der sechziger Jahre, wo die Roten Garden das „Alte Denken“ ausrotten wollten, indem sie die seit zweitausend Jahren gepflegten Ahnentafeln zerstörten, unter anderem meinem Chinesischlehrer, Herrn Lu.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 02.09.2012 um 05.55

In München ist das lange verschollen geglaubte Manuskript von Erwin Panofskys Hamburger Habilitation über Michelangelo wiederaufgetaucht – und zwar ausgerechnet in einem Panzerschrank im früheren Verwaltungsbau der NSDAP. Das legendenumwobene Werk des Kunsthistorikers, der von den Nazis 1934 ins Exil gezwungen wurde, ist allerdings durch eine absurde Wendung erst nach 1945 in dieses Gebäude gelangt und dort vergessen worden. Zahlreiche andere Kulturgüter sind während des Bildersturms des Dritten Reiches verschwunden und nur zum Teil wieder aufgetaucht…

Doch nicht nur die Wiederentdeckung des Manuskripts sorgt für Aufsehen. Besonders der Fundort heischt Aufmerksamkeit. Denn der Panzerschrank, in dem sich Heydenreichs Papiere fanden, stand einst in der Hauptregistratur der NSDAP; darin wurden Mitgliederunterlagen der Parteikartei verwahrt. Denn das ZI hat seit seiner Gründung seinen Sitz im ehemaligen "Verwaltungsbau" der NSDAP im so_genannten Partei-Viertel rund um den Königsplatz in der nördlichen Innenstadt, der Maxvorstadt...

Auch von der zusammen_gestohlenen Kunstsammlung Hermanns Görings sind viele Werke verschollen. Das bekannteste Beispiel ist Franz Marcs "Der Turm der blauen Pferde", der 1937 in der Hetzausstellung "Entartete Kunst" zu sehen war und von einigen Augenzeugen noch nach 1945 angeblich gesehen worden ist. Seither hat sich jedoch jede Spur verloren…

welt.de 31.8.2012

Dabei muß daran erinnert werden, daß auch die Allierten zusammen gestohlen haben, was das Zeug hielt, z.B. das Original des Hildebrandsliedes oder das, was heute noch russische Museen füllt, obwohl der Raub von Kulturgütern eines besiegten Landes verboten ist.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 01.09.2012 um 07.57

Brandenburgische Sommerkonzerte am Samstag in der Cottbuser Oberkirche

Cottbus Eine große Sommermusik unter dem Titel "Niederlausitzer Schicksalssinfonie" erklang am Sonnabendnachmittag in der Cottbuser Oberkirche.

Das Deutsche Sinfonieorchester Berlin spielte unter der Leitung von Hans Graf die 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven, Webers "Euryanthe"-Ouvertüre und das Bratschenkonzert "Der Schwanendreher" von Paul Hindemith. Solistin war die grandiose Tabea Zimmermann.

… Die Ritterromantik der ganzen Oper gewann im epochengerecht hochmittelalterlichen Kirchenschiff ihre fantastische Gestalt.

Dann das Violakonzert mit dem poetisch rätselhaften Namen "Der Schwanendreher". Paul Hindemith, in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein international berühmter Bratschist, hat es für sich selbst geschrieben. Wegen seiner Oper "Mathis der Maler" von den Nazis angefeindet¹, gelang ihm dennoch ein launiges entspanntes Werk…

Der "Schwanendreher", eigentlich der Küchenjunge, der das Geflügel am Grillspieß drehen muss, ist ein einsamer Spielmann und zieht, seine Lieder spielend durch das Land. Etwas rau und grimmig gelaunt erklingt das erste Thema voller reibender Zusammenklänge …

Nach der Pause das Themen bestimmende Werk des Nachmittags, Beethovens 5. Sinfonie c-Moll, genannt die "Schicksalssinfonie" … um das Publikum zu überraschen, versank die leise Überleitung zum donnernden Schlusssatz fast im Eigenrauschen des Saals bis ein strahlender Blechbläserklang den Schlussjubel einleitete.

lr-online.de 27.8.2012

¹) Nein, Hitler hatte Hindemiths Oper „Neues vom Tage“ (1929) gesehen und sich maßlos darüber erregt, daß Laura am Beginn des zweiten Akts, nackt in der Badewanne sitzend, eine Arienparodie singt: „Nicht genug zu loben sind die Vorzüge der Warmwasserversorgung …“ (Das folgende Ensemble „Oh Gott, wie peinlich …“ fand sogar den Beifall des Hindemith-Hassers Adorno.) – Die Mathis-Oper wurde erst 1938 in Zürich uraufgeführt.
Neues vom Tage, 2. Akt: http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=xVysGv_pOxs


eingetragen von Sigmar Salzburg am 26.08.2012 um 17.01

Hoffentlich hält die 82jährige Künstlerin und Restauratorin lange genug durch:

Ansturm in Borja: Verschandeltes Jesus-Fresko wird Touristenattraktion

Durch ein verschandeltes Jesus-Fresko gelangte das Städtchen Borja zu weltweiter Berühmtheit. Nun verzeichnet das verschlafene Nest im Nordosten Spaniens einen Touristenboom. Hunderte Menschen bewunderten die kirchliche Wandmalerei am Wochenende…

Den Besucherboom verdankt die Stadt den Malkünsten der Rentnerin Cecilia Giménez. Sie entstellte das 102 Jahre alte Jesus-Bild beim Versuch der Wiederherstellung derart, dass sie damit via Medien und Internet weltweit Aufmerksamkeit erregte…

Rund 18.000 Menschen unterzeichneten inzwischen eine Online-Petition, die sich gegen die Pläne der Stadt stemmt, das Originalbild möglichst wiederherzustellen.

spiegel.de 26.8.2012

Eine solche Zustimmung hat nicht einmal ein längst erfolgreicherer Kollege erlangt. Anfang der Sechziger sah ich in einer Kunstzeitschrift die Elaborate eines Künstlers, der Bilder von Kollegen mit einer schwarzen bitumenähnlichen Farbe zustrich und auf Ausstellungen zeigte. Im begleitenden Text wurde in Ermangelung von zu Beschreibendem eingehend und bedeutsam berichtet, von welcher Ecke aus mit welchen Pinselstrichen der Übermaler die Flächen zustreicht.

Ich war damals Student in Hannover und hatte mir wenige Tage vorher, um eine Wartezeit zu überbrücken, im Kino einen schäbigen Gruselfilm angesehen, in dem ein Möchtegern-Künstler Leute ermordete, sie oder ihre Einzelteile mit Gips überzog und dann in Ausstellungen als seine Werke vorführte. Der Film war so dumm und lächerlich, daß ich während der Vorführung des öfteren Lachanfälle kriegte – sehr zum Unwillen des faszinierten übrigen Publikums.

Im nachhinein erschien mir aber dann doch dieser „Bildhauer“ als Künstler von fast Cardillacscher Größe gegenüber dem „Übermaler“, von dem ich annahm, er würde bald wieder vergessen sein.

Dreißig Jahre später, zur Zeit der ähnlich scharlatanischen „Rechtschreibreform“, fiel mir sein Name wieder ein: Arnulf Rainer. Ich forschte nach, und zu meinem Erstaunen hatte er erfolgreich die heute übliche Karriereleiter von Künstlern erklommen, die eine neue Verrücktheitsmasche mit genügender Dreistigkeit propagieren:


Arnulf Rainer, geboren 1929 in Baden bei Wien, gilt als einer der bedeutendsten europäischen Künstler, dessen Werke in allen europäischen Kunststädten und den USA hängen…

1953-65 Entsteht die bekannteste Werkgruppe, die Übermalungen
1978 Großer Österreichischer Staatspreis, Vertreter Österreichs bei der Biennale Venedig
1981 Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Wien

art-navigator.com

[Wikipedia] 1961 wurde Arnulf Rainer in Wolfsburg wegen der öffentlichen Übermalung eines prämierten Bildes gerichtlich verurteilt. Ab 1963 arbeitete Rainer in verschiedenen Studios in Berlin (West), München und Köln. 1966 erhielt er den österreichischen Staatspreis für Graphik.

Der wichtigste Gedanke in Rainers Entwicklung war der Entschluß, ab und zu auch etwas von dem Vorgängerwerk durchschimmern zu lassen, so daß die Kunstwerke unterscheidbar wurden. Dadurch wurde die Begrenztheit seiner Idee etwas aufgehoben, ein Problem, das die übrigen Nagel-, Schrott- und Kopffüßler-Künstler nicht zu bewältigen hatten.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 23.07.2012 um 14.35

Vor 1901 war die Adelungsche Schreibweise in Fraktur und Antiqua üblich, für letztere auch in ß-loser Version. In Österreich wurde wenige Jahre lang auch die Heyse-Schreibweise propagiert, aber wenig befolgt und 1901 wieder aufgegeben.

Die Verwalter des Werks des Wiener Komponisten Arnold Schönberg (1874 – 1951) sind nun mit unterschiedlicher Anpassungsbereitschaft bemüht, den heutigen staatlichen Erwartungen in der Rechtschreibung entgegenzukommen. Die Liedtexte stammen von Schönberg und geben einen Einblick in die widerstrebenden Musikauffassungen der Zeit…


Drei Satiren für gemischten Chor op. 28
von Arnold Schönberg (1925)

Am Scheideweg

Tonal oder atonal?
Nun sagt einmal
in welchem Stall
in diesem Fall
die größre Zahl,
daß man sich halten,
halten kann am sichern Wall.


Vielseitigkeit

Ja, wer tommerlt denn da?
Das ist ja der kleine Modernsky!
Hat sich ein Bubizopf schneiden lassen;
sieht ganz gut aus!
Wie echt falsches Haar!
Wie eine Perücke!
(Ganz wie sich ihn der kleine Modernsky vorstellt),
ganz der Papa Bach!


Der Neue Klassizismus

Tenor:
Nicht mehr romantisch blieb ich,
Romantisch hass ich;
von morgen an schon
schreib ich nur reinstes Klassisch!

Baß:
Dem kann die Macht der Zeiten
nichts mehr anhaben,

Sopran und Alt:
Siehe Riemann! ¹)

Baß:
den Kunstgesetze leiten
nach dem Buchstaben.

Sopran und Alt:
Buchstaben? Wenn man die kann!

Bass:
Ich staun, wie rasch die Wendung:
von heut auf morgen
besitzt man Formvollendung?
Kann man die borgen?

Sopran und Alt:
...nur borgen!

Chor:
Die Hauptsache ist der Entschluß.
Doch der ist leicht gefaßt.
Die Technik macht manchem Verdruss,
drum wird sie gern gehaßt.
Man läßt sie ganz einfach beiseiten,
Vollendung ist doch das Panier!
Sie zeitigt den Einfall beizeiten,
wenn auch nur auf dem Papier.

Schlussfuge:
Klassische Vollendung,
streng in jeder Wendung,
sie komm woher sie mag,
danach ist nicht die Frag,
sie geh wohin sie will:
das ist der neue Stil.

schoenberg.at/index

Aus der Einführung von A.G.

… Schönberg …: »Ich schrieb [die Satiren], als ich über die Angriffe einiger meiner jüngeren Zeitgenossen sehr aufgebracht war, und wollte sie warnen, daß es nicht gut ist, mit mir anzubinden«, erläutert Arnold Schönberg im Vorwort zu den »Drei Satiren«. … Die Botschaft der Satiren lässt sich auch heute noch nachvollziehen, …

Mit »Am Scheideweg« ist die erste Zielgruppe angesprochen: diejenigen, die sich tonaler wie atonaler Prinzipien bedienen, ohne sich über Ursachen und Konsequenzen im Klaren zu sein. Der Textstelle »Tonal« entspricht ein C–Dur Dreiklang, der in der Zwölftonreihe bereits angelegt ist. Ganz bewußt wird diese tonale Zelle … eingesetzt und bildet die musikalische Entsprechung zum Kontrast Tonal/Atonal im Text. …

Im zweiten Chor »Vielseitigkeit« lässt bereits der optischen Eindruck des Notenbildes die polyphon äußerst vielschichtige Struktur erahnen…

Nr.3 »Der neue Klassizismus« ist eine Kantate für gemischten Chor mit Begleitung von Bratsche, Violoncello und Klavier. Sie ist in wesentlichen Teilen gegen den Musikwissenschaftler Hugo Riemann gerichtet, … Riemann hatte sich in seinem Musiklexikon (in der Ausgabe von 1916) abfällig über Passagen in Schönbergs Harmonielehre geäußert, was der Komponist 1926 (zur Entstehungszeit der Satiren, als Riemann längst gestorben, und die bewusste Stelle längst gestrichen war) noch nicht verwunden hatte ¹).

Davon abgesehen ist Strawinsky das Hauptangriffsziel... Auf ein ausgedehntes Rezitativ (»eventuell Solo«) folgt eine ›Arie‹ für Baß und Chor (»Dem kann die Macht der Zeiten nichts mehr anhaben«) mit variierter Reprise. Daran schließt sich eine Chorfuge (»Die Hauptsache ist der Entschluß«) an…

Der Anhang zu den »Satiren« besteht aus drei Kanons, die diatonisch komponiert sind. In einem gesonderten Vorwort begründet Schönberg das Verfahren damit, er habe beweisen wollen, dass er in der Lage sei, diatonische Kanons zu schreiben …

¹) Damals war Schönbergs Musik noch anhörbar spätromantisch, aber dennoch steht in meinem ,Riemann': Seine 1911 erschienene »Harmonielehre« ist ein seltsames Gemengsel von theoretischen Rückständigkeiten und Befangenheiten, die aus S. Sechters System herrühren, und die hypermoderne Verneinung aller Theorie. Das naive Geständnis des Verfassers, daß er »nie eine Musikgeschichte gelesen habe«, gibt den Schlüssel für dieses beispiellos dilettantische Machwerk. Das »Kunsthandwerk«, welches Sch. zu lehren vorgibt, ist Gott sei Dank heute noch dem Gemeingefühl fremd.
[Hugo Riemanns Musik-Lexikon, nach seinem Tode (10. Juli 1919) fertiggestellt von Alfred Einstein.]


eingetragen von Hans Zimmermann am 13.07.2012 um 22.07

Sehr interessanter Artikel des Focus, auch wenn ich im Grunde kein grosser Verfechter des Blattes bin.


eingetragen von Norbert Lindenthal am 06.07.2012 um 06.39

focus.de 3.7.2012

Was sensationell am 3.7.2012 vom Focus berichtet wird, wie wenn es eine Nachricht von gestern und heute ist, wurde schon von Gerhard Schröder 2007, also vor 5 Jahren, weggegeben.

Das ist ja, wie wenn Gerhard Schröder Ministerpräsident von Niedersachsen ist und die Rechtschreibreform aufhält. Das ist 1998.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 05.07.2012 um 10.09


wikipedia

Waldseemüller-Karte entdeckt
Spektakulärer Fund in der Münchner Uni-Bibliothek

Mehr als zwei Jahrhunderte schlummerte ein Exemplar der Waldseemüller-Karte unentdeckt in einer Bibliothek. Nur durch einen Zufall stießen Forscher auf das wertvolle Dokument...

... eine Ausgabe der kleinen Globuskarte.– Es wurde jedoch von unseren obersten Kulturbanausen 2007 die …

… Große Weltkarte den USA geschenkt
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übergab die große Weltkarte Waldseemüllers im Jahr 2007 in Washington an die USA. Die Karte war damals genau 500 Jahre alt. Heute steht sie auf der Weltdokumentenliste der Unesco und ist in der Library of Congress in Washington zu sehen.

focus.de 3.7.2012

Beim Verkauf wurde, begleitet von öffentlicher Kritik, durch eine Sondergenehmigung der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg der Ausfuhrschutz für national wertvolles Kulturgut gemäß dem Kulturgutschutzgesetz aufgehoben. Gerhard Schröder hatte sich persönlich für eine Ausnahmeregelung eingesetzt. Die symbolische Übergabe erfolgte am 30. April 2007 durch die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der Library of Congress, Washington, D.C. Die Bundeskanzlerin betonte in ihrer Rede, dass die Verdienste der USA für die deutsche Entwicklung in der Nachkriegszeit seinerzeit den Ausschlag dafür gegeben hätten …
wikipedia


eingetragen von Sigmar Salzburg am 19.06.2012 um 22.08

Heute vor achtzig Jahren, am 20. Juni 1932, wurde im Schloß Plön, in dem damals ein Internat untergebracht war, im Rahmen einer Schüler-Musizierwoche der „Plöner Musiktag“ von Paul Hindemith aufgeführt – eine den ganzen Tagesablauf begleitende Reihe von Stücken, die er eigens dafür komponiert hatte. Die Anregung dazu ergab sich aus einem Zusammentreffen mit dem Schulleiter Edgar Rabsch.


Paul Hindemith über die Uraufführung des
Plöner Musiktags am 20. Juni 1932


( Plattentexte von 1932 und 1528 in der Reformschreibung von 1996)

An drei schönen Tagen fand das Fest statt. Ich war mit einigen Schülern als Helfer von Berlin herübergekommen, und nach einem lauten und eindrucksvollen Empfang stürzten wir uns alle in die Arbeit. Aus allen Ecken des Schulgebäudes tönte Musik. Das Orchester probte im Garten, der Chor sang auf der Wiese, andere übten im Wald. Ich musste fortwährend Musik liefern, an der schon gelieferten ändern, wegnehmen und zufügen … Die Klasse der jüngsten Schüler war tief betrübt: Sie konnten noch nicht recht Noten lesen und waren demnach unverwendbar. Das einzige Instrument, das sie notdürftig spielen konnten, war die kleine Schulblockflöte in C. Es blieb also nichts anderes übrig, als sie damit zu beschäftigen und so schrieb ich ihnen im Eröffnungsmarsch der Kantate ein Trio, in welchem die ganze Klasse als Blockflötenchor unter Begleitung des übrigen Orchesters auftreten konnte. Ein kleiner Junge unter ihnen, der schon musikalische Kenntnisse hatte, wurde mit seiner Truppe in einen noch unbesetzten Teil des Geländes geschickt, um das Stück einzuüben, und nach einer Stunde kam die ganze Gesellschaft wieder und spielte ihre Partie auswendig. Auf diese Weise verbrachten wir übend zwei Tage, am dritten fand das Fest statt.



Frau Musica, in allen Landen wohl bekannt. Ja, ich sag das zu dieser Frist, dass mir vor diesem Fräulein fast nie keine besser gefallen, drum ist sie mir die Liebst von allen. (Martin Agricola 1528/1545)

Glücklicherweise wurde Hindemith mit seiner von den ausgetretenen Pfaden abweichenden Musik von den Nazis als „entartet“ verfemt, so daß er Deutschland bald darauf verlassen mußte. Wie es ihm ergangen wäre, wenn er wie Edgar Rabsch seinen Lebensunterhalt weiter im Lande hätte verdienen müssen, zeigt ein Brief Hindemiths vom 15. Juli 1946: „Ein anderer Unglückswurm, der Rabsch, haust mit sieben Kindern in Itzehoe, augenblicklich rausgeschmissen aus allem, da er notgedrungen irgendwann einmal in die Partei eintreten mußte, um seine Gören nicht verhungern zu lassen – und wenn einer von jeher kein Nazi war, so ists der!“

Nach einer kurzen Phase der Anerkennung Hindemiths nach 1945 tat dann aber doch das Verdikt seines penetranten Widersachers Adorno eine so verheerende Wirkung, daß auch kleine Zeitungsschreiber meinten, Hindemith als „pedantischen Langweiler“ abqualifizieren zu dürfen. „Damals schien es, als sei der Sargdeckel nun über dem Werk wie über der Person endgültig zugeschlagen“ (Finscher 1997, zitiert nach Susanne Schaal). Tatsächlich aber bleibt Hindemith einer der bedeutendsten Melodiker und Kontrapunktiker eigener Art – der es auch nicht nötig hatte, zur Zwölftonsekte überzuwechseln.

P.S. 25 Jahre nach der Plöner Uraufführung wiederholten wir, das heißt unser Musiklehrer mit Kollegen und ausgewählten Schülern, eine Musikwoche in ähnlicher Art in Schloß Nehmten und führten die erarbeiteten Stücke im Remter des Plöner Schlosses auf, natürlich auch Musik von Hindemith.

P.S.: Vor vier Tagen fand in Zürich eine Premiere des „Mathis“ von Hindemith statt; Bericht in der Badischen Zeitung: „Lasst alles beim Alten und mich in Ruhe“.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 11.05.2012 um 05.57

Zahnschmerzen und Rechtschreibschwäche
In München taucht eine bislang unbekannte Karte von Adolf Hitler aus dem Jahre 1916 auf…

Stolz präsentiert das bislang unbekannte Dokument das Projekt Europeana, eine virtuelle Bibliothek, die das kulturelle Erbe des Kontinents der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen soll...

… Die wenigen und schlichten Zeilen offenbaren, dass Hitler eine Rechtschreibschwäche hatte. Er schrieb "sofort" mit "ff". Kein Wunder, dass Hitler später sein Pamphlet "Mein Kampf" lieber diktierte…

sueddeutsche.de 2.5.2012

Spätfolge war die „Rechtschreibreform“ von 1996, die nichts anderes war als die überarbeitete, kriegsbedingt zurückgestellte Reform von 1944. Hitlers „Kampf“ wird aber weiterhin nicht ohne „Führerschein“ zu lesen sein:

"Es wird für die Schulen kaum eine Komplettausgabe von "Mein Kampf" geben", sagte [Kultusminister] Spaenle am späten Mittwoch SPIEGEL ONLINE. "Es wird eher eine pädagogische Handreichung mit Teilen dieses Pamphlets sein."
Schade eigentlich. Es gäbe ein paar ganz gute Argumente für eine Schulausgabe von "Mein Kampf" - mit klugen Kommentaren und nicht nur für Bayern.
spiegel.de 3.5.2012

Es bieten sich zwei Vorgehensweisen an:

1. Hitlers Text wird in die reformierte Rechtschreibung übertragen, denn die Schüler dürfen orthographisch nicht verunsichert werden. Das entspräche auch dem Reformwillen des „Führers“, den er schon 1941 mit der Abschaffung der Frakturschrift kundgetan hatte.

2. Der Text wird in Fraktur belassen, damit die Schüler möglichst nichts lesen, und zugleich weisen die „klugen“ Kommentare dezent darauf hin, daß sich nur noch ewiggestrige linke und rechte Schreibextremisten der alten Orthographie bedienen.

P.S. Mein Stiefvater besaß den Schmöker noch als Geschenk zu seiner ersten Eheschließung. Ich habe nie hineingesehen.


eingetragen von Sigmar Salzburg am 11.11.2011 um 08.52

Analysten der bundesdeutschen Kulturszene erwartete ein besonderes Ereignis: Der Bunte-Burda-Konzern, der die Re[h]form eifrig geschäftlich umsetzt, zeichnete den Porno-Rapper „Bushido“ mit seinem Kulturpreis, dem Bambi-Reh, aus – als (angeblicher) Repräsentant einer gelungenen Integration („Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund. Ein Schwanz in die Fotze, jetzt wird richtig gebumst“ Spiegel).

Die Analystlinge von Wikipedia werden die hygienisch verharmlosende, aber politisch korrekte Popularisierung solchen Kulturgutes begrüßen; dennoch gab es Proteste bei der Queer-Fraktion und beim feministischen Genderflügel.
Schöne Integration, armes Deutschland!


Ansonsten: Abendblatt.de 11.11.11


eingetragen von Sigmar Salzburg am 21.10.2011 um 15.51

Gebäude-Reform


Quelle: Wiki, Kolossos

Das Dresdener Militärhistorische Museum wurde nach mehrjähriger Gebäude„reform“ am 14. Oktober neu eröffnet. Anscheinend ist ein Panzerkreuzer in das spätklassizistische, ursprünglich wohl denkmalgeschützte Bauwerk gefahren.


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