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Rat für deutsche Rechtschreibung
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Theodor Ickler
11.03.2005 04.38
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Schrodt

Ratsmitglied Richard Schrodt verteidigt aufs heftigste die Reform gegen ihre Kritiker, hält sich aber selbst keineswegs an die Reformschreibung.

Schrodt, Richard (2004): Althochdeutsche Grammatik II: Syntax. Tübingen: Niemeyer.

weit gehend durchgesetzt (VIII, sonst meist weitgehend)
allgemeingültig (11)
zustandegekommen (passim)
seit Alters her (22)
aneinandergereihte (30, ähnlich 102, erst seit der letzten Revision wieder zulässig)
nichts Anderes als (34, 100)
Genitivus auctoris (34, Nomen actionis 71, Genus verbi 135 usw., immer klein geschriebene Genitivattribute)
zugrundeliegende (35, erst seit der letzten Revision wieder zulässig)
der gleich bedeutende Akkusativ (43, sonst meist zusammengeschrieben)
gegenüber liegenden (46)
gleich berechtigte Möglichkeiten (49)
zustandebringen (59)
muß (82)
daß (83, zweimal)
die Sichtweise ist eine Andere (105)
bei Weitem (107, erst seit der letzten Revision zulässig)
im allgemeinen (115)
(fehlendes Komma nach Korrelat-es 115)
(Schrodt schreibt immer 3 mal, aber drei Mal.)
daß (195 zweimal)
von Vornherein (161)
(Schrodt schreibt immer selbstständig, verselbstständigt, nur auf S. 195, wo auch das zweimalige daß vorkommt, selbständig und unselbständig; offenbar war das Werk zunächst in herkömmlicher Orthographie geschrieben.)
Prob-lem (stets so getrennt), kons-tatierend (121) (beides wirkt bei einem Sprachhistoriker befremdend)

Druckfehler:
enstehen (7)
Grechtigkeit (22)
mit dem geringerem Volk (24)
menschlische (25)
duch (26 statt durch)
rhytmischen (29)
Inifinitiv (36)
ihren Erweiterungen (36 statt seinen)
(falsche Anführungszeichen 50)
Bezugsgegens-tandes (50)
Päpositionalphrasen (65)
ohne dem Subjekt (67)
habe er er (71)
Pudentius (73)
(fehlende Kursivierung 75, 194)
das Akkusativ (78)
eigeleitete (79)
Inifinitv (80)
in den beiden Belege (82)
die Stelle eine Adverbialphrase (85 statt einer)
die Subjektsfähig (95, -keit fehlt)
so slimo (120 statt sliumo)
statistisch (121 statt statisch)
otiosom (130)
kommen Sie (149 statt sie)
verallgemeindernden (170)
Konsekuitivsätze (181)
Spachgeschichte (188)
Duchwegs (190)
uspezifischer (205)
Inifinitiv (218)
beizeichnet (224)
Kolloqiums (230)

(Die drei Literaturangaben zu Walter Breu 109 fehlen, ebenso Matzel im Literaturverzeichnis.)

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Th. Ickler

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Theodor Ickler
11.03.2005 04.12
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Verkehrte Welt

Es ist in der Tat soweit gekommen, daß jemand, der einfach weiter so schreiben will wie bisher (ein auch vom Bundesverfassungsgericht unnötigerweise noch einmal genanntes Recht), als Vertreter einer Extremposition gilt. Dem hat leider die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Vorschub geleistet, indem sie die Reform als eine Tatsache, gleichsam ein nicht zu leugnendes Naturereignis hinnahm, gegen das nur Narren anzukämpfen versuchen. Man müsse sich, so heißt es von allen Seiten, mit dem Unabänderlichen arrangieren. Bedenkt man, was für ein mickriges Häufchen die Reformer eigentlich sind, verachtet selbst von ihren Auftraggebern – und erst jüngst mit entsprechender Geringschätzung behandelt –, greift man sich an den Kopf.

Hand und Fuß bekommt die Sache erst, wenn man die wirtschaftlichen Interessen ins Spiel bringt. Die Agitation des VdS Bildungsmedien ist der Schlüssel, vielleicht auch, aber sehr verborgen, der Bertelsmann-Konzern.
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Th. Ickler

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Bernhard Schühly
10.03.2005 22.26
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Extrempositionen

Zitat:
Ursprünglich eingetragen von Theodor Ickler

Während der zweiten Ratssitzung wurde gefordert, daß „die Diskussion ergebnisoffen geführt wird“. Dafür sei es „unabdingbar, Extrempositionen aufzugeben und im Dialog aufeinander zuzugehen“.

Aber was ist „extrem“? Ist es Extremismus, wenn man es für richtig hält, weiterhin so zu schreiben wie bisher?

Muß man nicht gerade die „Extremposition“ beibehalten? Haben wir nicht zur Genüge gesehen, was das „Aufeinanderzugehen“ und die „Kompromisse“ gebracht haben?
Ja, jeder darf jetzt nach seiner Fassong (das schreibt man wohl jetzt so..?) selig schreiben... – und oft noch darüber hinaus.
Was meinen die mit „Aufeinanderzugehen“? Alternativschreibweisen und -varianten oder kompromißlosen Gehorsam? Womit wir wieder beim anderen „Extrem“ währen...

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Bernhard Schühly

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Karl Eichholz
10.03.2005 14.05
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Wissenschaftliche Studien

Lieber Herr Ickler,

wir leben alle in einem wissenschaftlichen Zeitalter.


Alle?

Ein kleiner Kreis von Reformbesessenen hat dieser Landpest „Wissenschaft“ bisher erfolgreich trotzen können. Sie verschanzen sich hinter einem halbdurchsichtigen Wigwam von Märchen, Behauptungen und willfährigen Meinungserzeugnissen, welche durch die von ihnen mitgesteuerten Medien unters Volk gebracht werden.

Nun jedoch kommt ein nimmermüder Wissenschaftler und tut nichts anderes, als den windzugewandten Zipfel des Wigwams ein wenig in die Höhe zu halten. Die Natur hat ein Einsehen mit ihm und der Situation, und entsendet einige zusätzliche Luftmoleküle in die ohnehin schon eingeschlagene Richtung.

Was kommen muß, tritt auch tasächlich ein:

„die Reformer haben ja gar nichts an“ rufen die Kinder von der Straße.



----


Was ich damit sagen möchte:

Niemand wird es ernsthaft ablehnen können (ohne dabei sein Gesicht zu verlieren), die Reform unter dem Gesichtspunkt der Wissenschaftlichkeit zu untersuchen.

Ich möchte Ihnen Mut machen, die Wissenschaftlichkeit als für viele Bereiche der Gesellschaft einziges Kriterium auch hier einzufordern und bestehende Untersuchungen offiziell auswerten zu lassen und weiteres Vorgehen von weiteren Untersuchungen abhängigzumachen. Ganz genau so, wie es bei jeder Produktentwicklung unverzichtbar ist.

Herrn Meyer und Müller wird das Auto stillgelegt, wenn die Bremse nicht funktioniert oder die Lenkung schlackert.

Wenn ein Atomkraftwerk den Sicherheitsanforderungen nicht genügt, reicht dann ein Umschlag mit nicht näher bestimmtem Inhalt an die zuständige Schaltstelle?

Und wie bei der Rechtschreibreform?

Ein lautes Rufen nach Wissenschaftlichkeit wird viele nüchterne Denker aufrütteln.

Herzlich

Karl Eichholz



__________________

mit herzlichen Grüßen
Karl Eichholz

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Karl Eichholz
10.03.2005 13.37
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bitte nähere Info zu zitierten Personen liefern

bitte nähere Info zu zitierten Personen liefern

Lieber Herr Ickler,

da Ihr Antrag ja offensichtlich mit Seitenblick auf die Öffentlichkeitswirkung erstellt wurde, kann man dies sicherlich noch etwas umfangreicher nutzen, indem man die zitierten Personen wie zB. Munske etwas näher erklärt: „ehedem Mitglied der Kommission, federführend für den Bereich ..., dann unter Protest im Jahre ... ausgetreten“. Dies wird für etliche Journalisten eine Unterstützung ihrer heimlichen Aufklärungsintentionen bedeuten.

mit herzlichen Grüßen

Karl Eichholz
__________________

mit herzlichen Grüßen
Karl Eichholz

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Fritz Koch
10.03.2005 11.02
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"Rechtschreibung ist kein Staatsgeheimnis"

Diesen Satz halte ich für besonders wichtig.

Was mit den Steuergeldern der Bürger bezahlt wird, darf nicht vor ihnen geheimgehalten werden, wenn das nicht die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder die Sicherheit des Staates gefährdet.

Aber vielleicht hätten Aufstände und Großdemonstrationen gegen die Rechtschreibreform die Sicherheit der Posten und der Karrieren der Reformer gefährdet.

Wie sehr diese Sicherheit im Interesse der Verantwortlichen liegt, sieht man z.B. beim derzeitigen Außenminister.

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Wolfgang Wrase
10.03.2005 09.47
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Öffentlichkeit

Zustimmung in jeder Hinsicht. Auch das Mengenverhältnis zwischen der Auflistung der bisherigen Staatsgeheimnistuerei und der schlichten Feststellung zum Schluß „All das hätte vermieden werden können – Rechtschreibung ist kein Staatsgeheimnis“ paßt m. E., weil der Ausschluß der Öffentlichkeit nun einmal so umfangreich war und die Schlußfolgerung nun einmal so schlicht und selbstverständlich ist.

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Theodor Ickler
10.03.2005 09.02
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Nächste Schritte

Bevor ich den folgenden Antrag einreiche, möchte ich ihn hier zur Diskussion stellen:


Antrag
zum weiteren Verfahren des „Rates für deutsche Rechtschreibung“


Die Kultusministerkonferenz und die zuständigen Stellen Österreichs und der Schweiz werden gebeten, das Statut des Rates für deutsche Rechtschreibung in folgender Weise zu ändern.

Bisherige Fassung:

„3.3 Die Sitzungen des Rates sind in der Regel nicht öffentlich. An den Sitzungen können Vertreter der Unterzeichner der gemeinsamen Erklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung als Beobachter teilnehmen. Zu den Sitzungen können Sachverständige (z.B. Wissenschaftler, Vertreter von Verlagen) eingeladen werden.“

Neue Fassung:

„3.3 Die Sitzungen des Rates sind öffentlich. Zu den Sitzungen können Sachverständige eingeladen werden.“

In der Geschäftsordnung heißt es infolgedessen künftig:

㤠5

(...)

(4) Die Sitzungen des Rates sind öffentlich.“



Begründung

Die Rechtschreibreform ist in der interessierten Öffentlichkeit auch deshalb auf Mißtrauen gestoßen, weil weder die handelnden Personen und Institutionen noch die gedanklichen Grundlagen in der erforderlichen Weise öffentlich bekannt geworden sind. Die Beteiligung ausgewählter Verbände und Interessengruppen an Beratungsgremien ist kein Ersatz für wirkliche Öffentlichkeit. Da es sich bei der Schriftsprache um etwas handelt, was jeden angeht, sollte größtmögliche Durchsichtigkeit der Entscheidungsprozesse selbstverständlich sein.

Der Mangel an Transparenz ist oft kritisiert worden. Die Reformer selbst behaupten zwar, jedermann habe die Entwicklung der Reform mitverfolgen können. In diesem Zusammenhang wird oft die Anhörung des Jahres 1993 in Bad Godesberg erwähnt, nach Ansicht des damaligen bayerischen Kultusministers „eine der umfangreichsten Anhörungen“ (dpa-Dienst für Kulturpolitik vom 3.11.1997). Besonders der Reformer Hermann Zabel betreibt die Verklärung dieser Veranstaltung, gibt aber zu, daß ihr öffentliches Echo „vergleichsweise bescheiden“ ausfiel („Keine Wüteriche am Werk“. Paderborn 1996, S. 67). Horst H. Munske berichtet:
„Diese Alibiveranstaltung, an der ich als Vertreter der Rechtschreibkommission teilgenommen habe, war überwiegend geprägt von nichtssagenden inkompetenten Stellungnahmen. Lediglich die Vertreter der Akademien und der Studiengruppe Geschriebene Sprache leisteten begründeten heftigen Widerstand. Sie hatten jedoch keinerlei Chance, ihre eigenen Vorstellungen in die Weiterarbeit einzubringen. Anhörungen sind ein politisches Mittel, ein unverbindliches Meinungsbild zu gewinnen, ohne daß die Handlungsvollmacht in irgendeiner Weise aus der Hand gegeben wird. Von ähnlicher Art war die Anhörung weniger Kritiker im Zusammenhang mit der Urteilsfindung des Bundesverfassungsgerichts.“ („Von der Amtshilfe zum Protest“. In: Germanistische Linguistik in Erlangen – Eine Bilanz nach 50 Jahren. Erlangen 2000)
Die heutige Rechtschreibreform hat nur wenig Ähnlichkeit mit der 1993 diskutierten Vorlage. Auf die enormen Veränderungen zwischen der Anhörung 1993 und den dritten Wiener Gesprächen 1994 braucht hier nicht eingegangen zu werden. In dieser Zeit mußten die Reformer alle Lieblingsideen aufgeben: die Kleinschreibung der Substantive, die Tilgung der Dehnungszeichen, die Einheitsschreibung das (auch für die Konjunktion; ein „sehr wichtiges“ Ziel laut Wolfgang Mentrup, einem damaligen Wortführer) sowie die radikale Eindeutschung der Fremdwörter. Die Öffentlichkeit erfuhr von alledem nichts. Auf die Frage „Wissen denn die Deutschen in etwa, was auf sie zukommt?“ gab Kultusminister Zehetmair die ebenso treffende wie prophetische Antwort:
„Nein, überhaupt nicht. Die breite Öffentlichkeit ist so gut wie gar nicht informiert. Deshalb werden viele erschrecken, wenn es nun zu einer Reform kommt, und zwar auch dann, wenn noch einiges geändert wird. Viele haben gar nicht mehr an eine Reform geglaubt, nachdem seit fast hundert Jahren alle Vorschläge gescheitert sind. Man wird uns, die Kultusminister, fragen: Was habt ihr denn da angestellt? Es wird große Aufregung und viel Streit, sogar erbitterten Streit geben, und es würde mich nicht wundern, wenn er mit der Schärfe von Glaubenskämpfen ausgetragen würde.“ („Der Spiegel“ vom 11.9.1995)
Größere Beteiligung der Öffentlichkeit wurde nach außen hin immer wieder zugesichert und angekündigt:
„Besser, als einen Privatverlag stillschweigend Einzelfallentscheidungen treffen zu lassen, ist es allemal, wenn von jetzt an eine der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldende Expertengruppe systematische Lösungen sucht.“ (Klaus Heller 1997, brieflich)
„Mit der Einrichtung der in staatlichem Auftrag tätigen Kommission ist ein erheblicher Vorteil für die weitere Entwicklung und Pflege der deutschen Rechtschreibung gewonnen. Anders als Verlagsredaktionen, die ihre orthographischen Entscheidungen nicht mitzuteilen und zu begründen brauchen, muss die Kommission ihre Empfehlungen und Vorschläge öffentlich vorlegen und vertreten. Sie ist damit für die engere wissenschaftliche und die weitere sprachinteressierte Öffentlichkeit kritisierbar.“ (Stellungnahme des IDS für das Bundesverfassungsgericht 10.11.1997)
Auch Horst H. Munske bedauert, daß nach den Wiener Beschlüssen keine Diskussion mehr geführt und die Vorlaufphase bis 1998 nicht zur Erprobung und Korrektur genutzt wurde; er legt dar, warum die Tragweite verschiedener Neuregelungen der Öffentlichkeit zunächst verborgen bleiben mußte und erst das Erscheinen der neuen Wörterbücher den Protest auslösen konnte (in Eroms/Munske [Hg.]: Rechtschreibreform – Pro und Kontra. Berlin 1997, S. 146).
Die millionenfache Verbreitung von irreführend vereinfachten Darstellungen (wie im „Sprachreport“ des IDS, in Zeitungsbeilagen oder GEW-Faltblättchen) bestätigt eher den Vorwurf der Desinformation. In den vom IDS vorbereiteten Beilagen der Zeitschriften „Die Woche“ und „Hörzu“ beispielsweise sind gerade die umstrittensten Wortgruppen (mit hoch-, wieder- und wohl-) in äußerst auffälliger Weise weggelassen, ebenso die Auflösung von sogenannt in so genannt! Zur gleichen Zeit begann eine lange Reihe vertraulicher Gespräche zwischen der Kommission und den beiden privilegierten Wörterbuchverlagen, die umfangreiche Listen von Unstimmigkeiten und Problemfällen angefertigt hatten.
Hiltraud Strunk, eine Schülerin des Reformers Gerhard Augst, kommentiert den geheimnistuerischen Charakter einer Pressemitteilung beim Reformversuch von 1956 so:
„Der Verzicht auf jegliche inhaltliche Information war nach den bisherigen Erfahrungen sicher richtig.“ (Hildegard Strunk : Die Stuttgarter und Wiesbadener Empfehlungen. Hildesheim 1992, S. 313)
Diese Lehre haben die Reformer ebensowenig vergessen wie die von Leo Weisgerber ausgesprochene, daß es ohne ein Bündnis mit der Staatsmacht nicht geht. Beides zusammen führte zu der seither befolgten Strategie: Einsatz der staatlichen Zwangsmittel für eine „Überrumpelungsaktion“ (Munske). Die Schüler wurden als Geiseln genommen, ganz wie es der führende Reformer Gerhard Augst einst formuliert hatte:
„Eine Änderung geltender Konventionen und Normen über den Schüler zu erreichen, ist zwar verlockend und wäre, wenn es gelänge, auch am erfolgversprechendsten, aber sie setzt an am schwächsten Glied in der Kette.“ (Der öffentliche Sprachgebrauch, Band III: Schulen für einen guten Sprachgebrauch, hg. von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Stuttgart 1982, S. 137)
Seit Herbst 1996 – zwei Jahre vor dem Inkrafttreten der Reform – heißt es nur noch: Es gibt kein Zurück mehr, die Schüler lernen schon nach den neuen Regeln.
Schon nach dem Scheitern der I. Orthographischen Konferenz von 1876 zog man es vor, „aufgrund der exorbitanten öffentlichen Diskussion (...) eher in den Behörden und unter Ausschluß der Öffentlichkeit (zu) entscheiden.“ (Scheuringer 1996, S. 79) Und die Mannheimer „Kommission für Rechtschreibfragen“ war laut eigenem Bekenntnis vom Jahre 1985 „insgesamt im Sinne einer aktiv-systematischen Öffentlichkeitsarbeit eher zurückhaltend, um nicht durch dauernde Zwischenberichte den Eindruck zu erwecken, daß jeweils morgen eine Reform durchgeführt werde.“ (Die Rechtschreibung des Deutschen und ihre Neuregelung. Hg. v. d. Kommission für Rechtschreibfragen. Düsseldorf 1985, S. 47)
Der Vorwurf an die Kritiker, sie hätten sich zu spät gerührt, muß auch im Lichte einer Tatsache gesehen werden, auf die Hermann Scheuringer (ein Reformbefürworter) hinweist. Im Februar 1996 schrieb er:
„Eine endgültige Fassung der neuen Rechtschreibung inkl. Wörterverzeichnis, wie sie ‚mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit‘ bis zum Sommer 1996 von Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Ministerebene ratifiziert und ab 1. August 1998 in Kraft gesetzt werden wird, liegt zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vor.“ (Scheuringer 1996, S. 131)
Als im Herbst 1995 einige Politiker, darunter der bayerische Kultusminister Zehetmair und Ministerpräsident Stoiber, ihr Mißfallen an dem beschlossenen Regelwerk bekundeten, mußten sie sich von dem Journalisten Hermann Unterstöger fragen lassen „Auch schon wach?“ Unterstöger schrieb u. a.:
„Was haben die Herrschaften eigentlich getrieben all die Jahre, während derer die Rechtschreibreform mit einem öffentlichen Echo sondergleichen ins Werk gesetzt wurde? (...) Vor sieben Jahren, im September 1988, wurde der Reformvorschlag präsentiert, 236 Seiten dick und 700 Gramm schwer schwer – doch weit und breit kein Stoiber, der sich damals unserer Befindlichkeit angenommen hätte.“ (Süddeutsche Zeitung 28.10.1995)
In Wirklichkeit war der Entwurf von 1995 ein ganz anderer als der von 1988, und daß „die“ Rechtschreibreform all die Jahre über „ins Werk gesetzt“ worden sei, ist auch reichlich unbestimmt ausgedrückt. Eine Handvoll Reformwilliger bastelte eben seit Jahrzehnten an Reformplänen, aber es gab keinen dringenden Grund für Außenstehende, sich darum zu kümmern.
Als die Ostberliner Sprachwissenschaftler Fuhrhop, Steinitz und Wurzel einen reformkritischen Beitrag über die erst auszugsweise bekannten Reformpläne von 1994 im Sprachreport des Instituts für deutsche Sprache (IDS) veröffentlichen wollten, wurden sie abgewiesen. (Der Beitrag erschien dann in der Zeitschrift für germanistische Linguistik 23, 1995.) Klaus Heller weigerte sich in seiner Replik, auf den Inhalt einzugehen, denn die Diskussion sei abgeschlossen. Wer das „Angebot“, sich zu den 1992 vorgelegten Vorschlägen zu äußern, nicht wahrgenommen habe, könne jetzt nicht mehr gehört werden. Seit 21 Jahren seien „Forschungsergebnisse, Überlegungen und Vorschläge zu diesem Gegenstand ständig publiziert und zum Teil ausgiebig diskutiert worden“. Heller übergeht, daß der 1994 vorgelegte Entwurf in dieser Form noch nie zuvor veröffentlicht worden war und daher auch nicht diskutiert werden konnte. Aus Hellers Brief geht hervor, daß der Protest nicht erst 1996 zu spät kam, sondern auch zwei Jahre vorher, unmittelbar nach der Dritten Wiener Konferenz, zu spät gekommen wäre, weil eine Diskussion des endgültigen Reformplanes überhaupt nie ins Auge gefaßt worden war. Interessant sind auch die weiteren Angaben: 1974 also hätte man sich in die Reformdiskussion einschalten müssen, lange vor der staatlichen Beauftragung des Internationalen Arbeitskreises.
Der Reformer Horst Sitta schreibt im Sammelband von Eroms/Munske „Die Rechtschreibreform – Pro und Kontra“ (1997, S. 219), ein Jahr vor dem Inkrafttreten:
„Ich beteilige mich nicht ohne Zögern an einem Buch, das den Titel trägt: Die Rechtschreibreform – Pro und Kontra. Die Rechtschreibreform ist von den politisch zuständigen Stellen beschlossen; man möge nicht so tun, als könne es noch um pro und kontra gehen. Gehen kann es allenfalls um die Frage, wie die beschlossene Neuregelung realisiert werden kann und wie diese Realisierung wissenschaftlich zu begleiten ist.“
Zur Überrumpelung gehört auch die Ansetzung scheinbar großzügiger Übergangsfristen. Niemand braucht sich schon 1996 aufzuregen, wenn es erst im Jahre 2005 wirklich ernst wird. In Wirklichkeit entschied sich alles in den ersten Wochen. Der vorgezogene Beginn wurde von den Kultusministern mit dem angeblichen Wunsch der Eltern gerechtfertigt, ihre Kinder sollten doch nicht mehr in der alten Rechtschreibung unterwiesen werden, wenn ohnehin bald eine neue gelernt werden müsse. Ob Eltern dies je gesagt haben, läßt sich kaum noch feststellen. Es wäre auch ohne Belang; denn der Wille der Eltern spielte im weiteren Fortgang der Reform keine Rolle mehr, soweit er nicht vor Gericht durchgesetzt werden konnte.
Die GEW schreibt in ihrer Stellungnahme für das Bundesverfassungsgericht vom November 1997:
„Die GEW begrüßt den frühestmöglichen Vorgriff auf die Reform. Ein Unterrichten von Regeln, die in kurzer Zeit als überholt bezeichnet werden müssten, verstößt gegen die Würde der Lehrenden und der Lernenden.“
Seither haben die Schüler viele Rechtschreibregeln lernen müssen, die inzwischen „überholt“ sind. Die Schulbücher werden ständig revidiert, weil die unausgegorene Reform mehrmals nachgebessert werden mußte und noch längst nicht fehlerfrei ist. Schon in ihrem ersten Bericht vom Dezember 1997 war die Kommission zu der Einsicht gelangt, Änderungen bei der Getrennt- und Zusammenschreibung seien „unumgänglich notwendig“. Sie wurden von den Kultsministerien untersagt, und das Regelwerk trat mit allen längst erkannten Fehlern in Kraft.
Die vier Berichte der Zwischenstaatlichen Kommission wurden gegen deren Willen bekanntgemacht, weil sie jeweils von dritter Seite veröffentlicht worden waren oder, wie im Falle des vierten Berichts, eine Veröffentlichung unmittelbar bevorstand. Der Bundespolitiker, der mir den dritten Bericht zugänglich machte, schrieb dazu:
„Um Himmels willen! Sagen Sie bloß keinem, wo Sie den Bericht herhaben – ich werde von den eigenen Leuten gesteinigt!“
Als ich die Beschlußvorlage zum vierten Bericht ins Netz gestellt hatte, herrschte bei der KMK große Aufregung, und die heimlich vorbereitete Ermächtigung der Zwischenstaatlichen Kommission konnte vorerst nicht durchgesetzt werden.
Der stellvertretende Dudenchef Werner Scholze-Stubenrecht teilt mit:
„Um eine gewisse Einheitlichkeit in den Wörterbüchern vorzubereiten, wurde vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit Vertretern der Zwischenstaatlichen Kommission für Rechtschreibung eine inoffizielle Liste von ca. 60 Seiten Umfang erstellt, in der die wichtigsten in diesem Punkt zweifelhaften Wörter mit vereinbarten Trennstellen gesammelt sind.“ (Sprachwissenschaft 2/2000)
Diese Liste ist nach wie vor unveröffentlicht; niemand kann also nachprüfen, wie weit die Silbentrennung in den beiden privilegierten Wörterbüchern den Vorstellungen der Reformer entspricht.
All diese Kalamitäten, die großen Ärger und große Kosten verursachen, hätten vermieden werden können, wenn die Pläne in aller Öffentlichkeit kritisch diskutiert worden wären. Rechtschreibung ist kein Staatsgeheimnis.

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Th. Ickler

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Fritz Koch
10.03.2005 07.44
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Wie in den guten alten Westernfilmen:

Der Rat für (neue) Rechtschreibung verkündet die Grundsätze seiner Urteilsfindung und Rechtsprechung:
„Die alte Rechtschreibung bekommt einen fairen Prozeß.
Und dann wird sie gehängt.“
Wie einst in Dodge City.

Im von den Spaniern unterdrückten Mexiko kam dann Zorro und befreite die zu Unrecht zum Tode Verurteilten. Im amerikanischen freien Wilden Westen kam er nicht mehr.
Ja wo leben wir denn? Im deutschen Wilden Westen.

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Theodor Ickler
10.03.2005 05.09
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Aus dem Rat:

Einige Mitglieder fordern Zweidrittel- oder sogar Dreiviertelmehrheiten für die Beschlüsse des Rates. Aus der Begründung:

„Entscheidungen mit womöglich knapper einfacher Mehrheit oder solche, bei denen lediglich die Stimme des Vorsitzenden ausschlaggebend war, können nicht für den von den deutschen Kultusministern angestrebten breiten Konsens stehen und werden zwangsläufig zu Sondervoten führen.“

Selbst einstimmig gefaßte Beschlüsses des Rates haben nichts mit dem Konsens der betroffenen Bevölkerung zu tun. Schon früher fiel auf, daß „demokratische“ Mehrheitsentscheidungen innerhalb der eingesetzten Gremien ohne weiteres als „demokratische“ Legitimation des gesamten Reformunternehmens interpretiert wurden. Bedenkt man das Verfahren der Rekrutierung solcher Gremien, kann von demokratischer Legitimation keine Rede sein. Es ist daran zu erinnern, daß die gewählten Parlamente nicht beteiligt wurden, und selbst dann stünde noch nicht fest, ob der Staat überhaupt legitimiert ist, die Schriftsprache selbst und nicht nur den Schreibunterricht zu regeln (ungeachtet des auf irrtümlichen Annahmen beruhenden Urteils des Bundesverfassungsgerichts).

Während der zweiten Ratssitzung wurde gefordert, daß „die Diskussion ergebnisoffen geführt wird“. Dafür sei es „unabdingbar, Extrempositionen aufzugeben und im Dialog aufeinander zuzugehen“.

Aber was ist „extrem“? Ist es Extremismus, wenn man es für richtig hält, weiterhin so zu schreiben wie bisher?

Die Ergebnisoffenheit ist laut Statut nicht zulässig. Dort ist festgelegt, daß die Neuregelung als Grundlage der Beratungen nicht verlassen werden darf. Der Entwurf der Geschäftsordnung übernimmt diese Bestimmung.

Hartmut von Hentig kritisiert, daß der ursprünglich angekündigte Auftrag des Rates, die Schreibentwicklung zu beobachten und das Regelwerk an den allgemeinen Sprachwandel anzupassen, von der damaligen KMK-Vorsitzenden Doris Ahnen sogleich umgedeutet wurde: „Der Rat für deutsche Rechtschreibung soll die Entwicklung der Schreibpraxis beobachten und die Rechtschreibung auf der Grundlage des orthografischen Regelwerks im notwendigen Umfang weiterentwickeln.“ Diese Formulierung ist bekanntlich fast wortgetreu in das Statut aufgenommen worden.

Hartmut von Hentig kommentiert:
„Für die Kultusministerkonferenz ist der Ausgangspunkt das umstrittene Regelwerk der Reform, die nun nicht etwa korrigiert, sondern weiter vorangebracht werden soll. Was der Kern der bisherigen Kontroverse war, wird als gelöst vorausgesetzt. Das kann dem Rat für deutsche Rechtschreibung nicht zugemutet werden., genauer: Ein Rat für deutsche Rechtschreibung, dem eine Entscheidung über den Ausgangspunkt entzogen ist, ist den gedachten Mitgliedern nicht zuzumuten.“ (Hartmut von Hentig: 14 Punkte zur Beendigung des Rechtschreib-Krieges. Göttingen 2005, S. 37)

Die Beratungen sind also keinesfalls ergebnisoffen. Zusammen mit dem Vorschlag einzelner Mitglieder, Zweidrittel- oder gar Dreiviertelmehrheiten vorzuschreiben, ergibt sich der Wunsch, möglichst wenig oder gar nichts an Veränderungen zuzulassen, damit die Durchsetzung der Reform ungestört weitergehen und lediglich propagandistisch auf die Beteiligung der „Betroffenen“, ja sogar einiger Kritiker hingewiesen werden kann.

Der Rat sollte sich solchen Plänen widersetzen, um nicht in den Geruch einer reinen Alibiveranstaltung zu geraten, wie es den bisherigen Beiräten zu Recht widerfahren ist.


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Th. Ickler

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Theodor Ickler
08.03.2005 08.29
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Menschen verachtend

Irgend jemand soll die Rechtschreibreform als „menschenverachtendes Massenexperiment“ bezeichnet haben. Dagegen haben die Reformer scharf protestiert: es müsse „ein Menschen verachtendes Massenexperiment“ heißen – oder so ähnlich, vielleicht habe ich es nicht richtig verstanden.

In den „Stellungnahmen“ der Ratsmitglieder findet man folgende Auslassung eines der schärfsten Reformdurchsetzer:

„Sollte sich herausstellen, dass die neuen Getrennt- und Zusammenschreibungen auch nach endgültiger allein verbindlicher Einführung keine breite öffentliche Akzeptanz finden, müsste langfristig über einen neuen, grundlegend anderen Ansatz in diesem Bereich nachgedacht werden. Nach dem 1.8.2005 hat der Rat genügend Zeit, ggf. notwendige grundsätzlichere Korrekturen/Umarbeitungen vorzunehmen, die detailliert und ausgewogen mit aller ggf. hinzuziehbaren Sachkenntnis erarbeitet und überprüft werden sollten. Dies könnte auf der Basis von empirischer Beobachtung der Sprachentwicklung (...) geschehen. Auf diese Weise könnten auch langfristig tragbare und konsensstärkende Konzepte entwickelt werden.“

Das heißt: Während 12 Mill. Schüler noten- sowie versetzungsrelevant die „endgültig allein verbindlichen“ Neuschreibungen lernen müssen, wissen wir Reformer natürlich die ganze Zeit, daß das Ganze ein Humbug ist. Aber damit das Geschäft weitergeht (der Text ist von einem Wörterbuchverlag), setzen wir es erst einmal durch und besichtigen erst hinterher die Schäden. Dann könnten wir ggf. auch Sachkenntnis einsetzen. WIR haben ja viel Zeit!
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Th. Ickler

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Theodor Ickler
08.03.2005 08.11
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Agenda: GKS

Im Gegensatz zu einigen Presseartikeln läßt das Protokoll der zweiten Sitzung nicht erkennen, daß sich der Rat auf die Reparatur der Getrennt- und Zusammenschreibung beschränken und sonst allenfalls die ziemlich unwichtigen Gebiete der Fremdwortschreibung und Zeichensetzung besprechen will. In der Tat ist zum Beispiel die Groß- und Kleinschreibung ebenso revisionsbedürftig. Ich stelle ein erstes Diskussionspapier für die Agenda hierher:


Worauf ist bei der Revision der reformierten Groß- und Kleinschreibung zu achten?

Die Großschreibung hat sich von Luther bis Gottsched zunächst zur Substantivgroßschreibung (also zur Auszeichnung einer Wortart) entwickelt und ist im Laufe der letzten Jahrhunderte zu einer textsemantischen Profilgebung weitergebildet worden: Die sinntragenden Einheiten sind durch große Anfangsbuchstaben auffällig gemacht, das bloße adverbiale und pronominale (v. a. textverweisende) Beiwerk ist durch Kleinschreibung visuell in den Hintergrund gedrängt worden. Die Neuregelung stemmt sich gegen diese Entwicklung, indem sie Kleinschreibung bei Nominationsstereotypen (erste Hilfe) und Großschreibung bei Adverbialien und Pronomina (im Allgemeinen, des Öfteren, bei Weitem; Folgendes, Letzterer) durchzusetzen bzw. wiedereinzuführen versucht. Beides war schon im 19. Jahrhundert bereinigt worden, die Reform ist in hohem Maße rückwärtsgewandt. Im einzelnen ergeben sich folgende Forderungen (Paragraphen nach der Neuregelung von 1996):
§ 55 (3) Die Regel, daß substantivische Bestandteile im Inneren fremdsprachiger Fügungen groß geschrieben werden sollen, stellt außerordentlich hohe Anforderungen an den Schreibenden, der ja die Wortart in der Fremdsprache kennen muß: Herpes Zoster, Dativus Commodi (?) usw. Außerdem ist es widersprüchlich, fremde Substantive groß, fremde Adjektive aber keineswegs klein zu schreiben; konsequent wäre ultima Ratio, dolce Vita usw. Die Neuregelung ist daher zugunsten der sehr einfachen bisherigen Regelung aufzugeben: das erste Wort groß, alles übrige klein: Ultima ratio, Commedia dell'arte usw. (Da bei englischen Entlehnungen, die im Deutschen eine Sonderstellung haben, bisher schon eine große Unsicherheit herrschte, könnte man die Regel hierauf ausdehnen und verallgemeinern: Centre court, Big band, Hot jazz usw.)
§ 55 (6) Die Kleinschreibung der Tageszeiten (heute morgen usw.) ist wiederherzustellen. An der zweiten Stelle solcher Verbindungen kann, wie Peter Gallmann schon 1991 gezeigt hat, kein Substantiv stehen. Es kommt nicht darauf an, ob irgendein Grammatikmodell hier ein „Adverb“ nachweisen kann oder nicht.
§ 56 Die falsche Einstufung einiger Wörter wie leid als ehemalige Substantive ist zu korrigieren. Man kann nicht oft genug an Konrad Dudens klassisch-klare Darlegung erinnern:
„Bei Ausdrücken wie leid tun, not tun, weh tun, schuld sein, gram sein; mir ist angst, wol, wehe, not ist von selbst klar, daß das zum einfachen Verbum hinzugetretene Element nicht als Substantivum fungiert; (man erkennt) die nicht substantivische Natur jenes Zusatzes am besten durch Hinzufügung einer nähern Bestimmung. Man sagt er (...) hat ganz recht, hat vollständig unrecht u. dgl. Die Anwendung von Adverbien, nicht von Adjektiven, zeigt, daß man einen verbalen Ausdruck, nicht ein Verb mit einem substantivischen Objekt vor sich hat.“ (Die Zukunftsorthographie (usw.). Leipzig 1876, S. 70)

§ 57 ist im Sinne von H. H. Munskes ausführlich begründeter Darstellung zu korrigieren:
;Kleinschreibung gilt in weitem Umfang für pronominal gebrauchte „Substantivierungen“ wie das gleiche, jeder einzelne, der erste, der letztere usw.
;Ebenso ist die eingebürgerte Kleinschreibung bei phraseologisch gebrauchten „Substantivierungen“ anzuerkennen: im allgemeinen, im voraus, des öfteren usw.
Großschreibung ist hier – besonders bei Hervorhebung der lexikalischen Bedeutung – nicht falsch, aber längst unüblich geworden. Die ausschließliche Zulassung der Großschreibung läuft der modernen Sprachentwicklung entgegen.
§ 62 Die Verknüpfung von Apostroph und Großschreibung ist eine unnötige Änderung, die gestrichen werden sollte. Der Apostroph hat andere Aufgaben.
§ 63 Diese Regel wird der Sprachwirklichkeit noch weniger gerecht als die bisherige Dudenregelung. Es gibt viele „appellativische Nominationsstereotype“, die man gewöhnlich groß schreibt nach dem Muster von Schwarzes Brett. Hier sollte man eine breite Übergangszone anerkennen, die sich nicht abschließend regeln läßt.
§ 66 Die neu verordnete Kleinschreibung der Briefanrede (du, ihr) ist ein unzulässiger Eingriff des Staates in private Ausdruckskonventionen und daher zurückzunehmen. (Die Presseagenturen haben im Widerspruch zur Neuregelung die Großschreibung sogar noch ausgedehnt, was ebenfalls nicht gutzuheißen ist.)
Insgesamt sollte bei der Groß- und Kleinschreibung gar nichts neu geregelt werden, ausgenommen die manchmal zu dogmatische Darstellung im Wörterverzeichnis des Duden (im trüben fischen, sein Schäfchen ins trockene bringen).

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Th. Ickler

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Theodor Ickler
07.03.2005 16.56
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Es geht doch!

Der „Standard“ druckt heute ein Interview mit Ratsmitglied Gerhard Ruiss. Die Antworten unseres Mitstreiters sind auf seinen Wunsch in der herkömmlichen Rechtschreibung wiedergegeben. Wenn nur alle Intellektuellen so konsequent wären ...

Im „Mannheimer Morgen“ wiederum steht heute, der Rat solle der Reform den letzten Schliff geben. Mit dem Schleifen hat es gute Weile, wir sind noch beim Hobeln.
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Th. Ickler

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Theodor Ickler
06.03.2005 16.29
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Mannheim, Wiesbaden

Bei der zweiten Sitzung des Rates scheinen – jedenfalls offiziell – keine Aufpasser anwesend gewesen zu sein. Das schließt nach meinen Erfahrungen (Mannheimer Anhörung) allerdings nicht aus, daß dennoch ein paar herumgesessen haben, die nicht als „Gäste“ vorgestellt wurden. Andererseits ist es denkbar, daß Herr Zehtmair es sich verbeten hat, mit Stillemunkes usw. im Hintergrund zu beraten.

Stillemunkes arbeitet übrigens mit der Gesellschaft für deutsche Sprache zusammen. Hoberg hat außerdem beste Kontakte zur Dudenredaktion, die GfdS gibt ja zusammen mit Duden die Reihe „Thema Deutsch“ heraus, und sie sitzen auch sonst im gleichen Boot. Wermke ist im Gesamtvorstand der GfdS. Er und Hoberg haben das gemeinsame Ziel, die Reform möglichst unverändert durchzuboxen. Daher sind auch ihre eingereichten Stellungnahmen völlig gleichsinnig, nur daß Hobergs zwölf Zeilen noch viel weniger Interesse an der Sprache selbst bezeugen. Da er zur Reform nichts beigetragen hat, bleibt die Frage, warum er sich für einen so offenkundigen Unsinn, von dem die Mitglieder der GfdS nichts erfahren dürfen, so energisch ins Zeug legt. Verständlich wäre noch, daß Hoberg der GfdS durch Fügsamkeit gegenüber den Regierungen und durch Verbindung mit dem großen Dudenverlag mehr Gewicht verschaffen will. Aber das erklärt nicht die zynische Verachtung der Grammatik und die Abschottung gegen jede Kritik auch innerhalb der GfdS. Jedenfalls darf die RSR seit meinem „Muttersprache“-Beitrag in der GfdS nicht mehr diskutiert werden. Die Mitglieder werden in Unwissenheit gehalten, andernfalls würden sie größtenteils austreten.
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Th. Ickler

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Theodor Ickler
06.03.2005 16.14
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Zweite Sitzung des

Zweite Sitzung des Rates für deutsche Rechtschreibung

18.2.2005 11-15 Uhr, Mannheim, Vortragssaal des IDS

Vorsitz: Zehetmair

Deutschland:

Banse
Besch
Eckinger
Eichinger
Hoberg
Jacoby
Kaiser
Krome
Ossner
Pasquay
Tangermann
Wermke
Wolf

Österreich:

Blüml
Glöckler
Haider
Laher
Lusser
Scholz
Schrodt
Steiner

Schweiz:

Dové
Feller
Gallmann
Hauck
Lindauer
Müller
Siegel (bis 14.15 Uhr)
Sitta


Kooptiert: Meraner (Südtirol)


Gast: Guber

Entschuldigt: Fürstner (Zeitschriftenverleger), Quaderer, Zilk

Protokoll:

Güthert (IDS)





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Th. Ickler

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