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Oberbayerisches Volksblatt OVB online
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Sigmar Salzburg
08.06.2017 16.39
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Der Rat, den wir nie gebraucht hätten

Die Rechtschreib„reform“ war und ist der größte Humbug, den die Kultusminister der Bundesrepublik vom Zaun gebrochen haben – zugleich ein Denkmal der Antidemokratie. Das fieseste Schurkenstück war die Änderung der seit 600 und 200 Jahren bestehenden ß-Regel, die nur den Nutzen hatte, die Befolgung der „Reform“ leicht kontrollierbar zu machen. Ohne das hätte sich kaum jemand bereitgefunden, alle übrigen Unsinnigkeiten wie die Vergröberung der sinnreichen Groß- und Kleinschreibung, die übertriebene Getrenntschreibung, dann die gleichermaßen übertriebene Zusammenschreibung, den Kommakrampf und die skurrilen Albernheiten der sogenannten Stammschreibung mitzumachen. Jetzt hat der „Rat für Rechtschreibung“ wieder getagt:

OVB 01.06.17

EXPERTIN KERSTIN GÜTHERT VOM RAT FÜR DEUTSCHE RECHTSCHREIBUNG ÜBER DEN WANDEL DER SPRACHE – UND WIE MAN DARAUF REAGIEREN MUSS

„Man kann nicht einfach sagen: Du schreibst das jetzt groß“

41 Mitglieder aus sieben Ländern gehören dem Rat für deutsche Rechtschreibung an: Neben dem Vorsitzenden Josef Lange sind das 18 aus Deutschland, je neun aus Österreich und der Schweiz sowie je eines aus Liechtenstein, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und des Großherzogtums Luxemburg.

Geschäftsführerin Kerstin Güthert hat den Bericht mit den Empfehlungen für die nächste kleine Rechtschreibreform verfasst. Sie erklärt im Interview, wie Wissenschaft und Werbung die Sprache beeinflussen, warum das große „ß“ Sinn macht und warum man oft zwei Schreibweisen zulassen muss.

- Der Rat für Rechtschreibung schlägt Anpassungen an den Wandel der Sprache vor. Woran merkt man diese Veränderungen?

Das merkt man an neu aufgekommenen Schreibungen, insbesondere in der Groß- und Kleinschreibung, in der Getrennt- und Zusammenschreibung und bei den Fremdwörtern. Der Rat beobachtet das sehr intensiv und fragt sich: Wo ist die Schreibung im Fluss? Wo muss etwas angepasst werden, damit das Regelwerk nicht veraltet.

- Was beobachten die Experten genau?

Wir verwenden elektronische Textsammlungen: Sie enthalten Artikel aus Tageszeitungen, wissenschaftliche Werke, Literatur, aber auch Stücke informellen Schreibens, über die kein Korrekturprogramm gelaufen ist. Wir schauen uns zum Beispiel Grußkarten an: Bei Konstruktionen wie „das Neue Jahr“ oder „die Goldene Hochzeit“ wird das Adjektiv immer öfter großgeschrieben.

- Das lässt der Rat nun offiziell zu. Sie sprechen von Adjektiven und Substantiven, die einen Gesamtbegriff ergeben...

Ja, schon um 1900 hat man damit angefangen, Adjektive großzuschreiben, um die Verbindung als Einheit zu kennzeichnen – Titel wie „die Königliche Hoheit“, oder „der Heilige Vater“ für den Papst. Das ist ja keine ursprüngliche Funktion von Großschreibung, sondern war als Hilfe für den Leser gedacht. In dem Sinne: „Achtung, jetzt kommt was Besonderes.“

- Wie ging die Entwicklung weiter?

Denken Sie an das „Fleißige Lieschen“ oder die „Schwarze Mamba“. Wenn die Botanik oder die Zoologie anfängt, Adjektive großzuschreiben, greift diese Tendenz auf andere Wissenschaften über. Das hat sich fortgesetzt, allen voran auch in der Politik. Da gab es dann zum Beispiel die „Aktuelle Stunde“ (Anmerkung der Redaktion: Fragerunde im Bundestag).

- Die Rechtschreibreform 1996 hat das Phänomen stark beschränkt.

Es gab damals unendliche Diskussionen – doch nur drei Ausnahmegruppen. Sonst musste alles kleingeschrieben werden. Aber die Menschen haben es nicht angenommen. Von den Medien über Schriftsteller bis zur Lehrerschaft. Sie haben nicht verstanden, warum sie das „Schwarze Brett“ auf einmal kleinschreiben mussten. Oder auch die „Rote Karte“ im Sport. Die Großschreibung war schon stark im Schreibgebrauch verankert.

- Nun gibt es sehr oft zwei Schreibvarianten für einen Ausdruck. Stiftet das nicht Verwirrung?

Man muss Übergangszonen schaffen, wenn zwei Varianten berechtigt sind. Den „blauen Brief“ schreiben viele noch klein, weil sie noch keine neue Gesamtbedeutung damit verbinden. Dann kann man nicht einfach sagen: Du schreibst das jetzt groß. Der „Technische Direktor“ ist ein weiteres Beispiel. Da ist etwas in der Entwicklung und muss erst einmal freigestellt werden. Die Kleinschreibung ist in diesen Fällen immer regelgerecht. Für Schüler schafft das Sicherheit, es geht ja auch um Noten.

- Wird der Rat häufig um Auskunft gebeten?

Ja, wir bekommen viele Anfragen. Auch von Verlagsseite und Journalisten. Deshalb haben wir zum Beispiel die Schreibung des „Ex-Kanzlers“ mit Bindestrich nun explizit zugelassen.

- Nun schlagen Sie das große Eszett vor. Wie kommt’s?

Seit 2008 sind die technischen Voraussetzungen geschaffen, man kann den Großbuchstaben auf der Computer-Tastatur eingeben. Und man hat sich die Bereiche angeschaut, in denen Versalien weit verbreitet sind: die Werbung zum Beispiel. Große Getränkekonzerne verwenden es. Aber offiziell ist es nicht zulässig.

- Die Werbung bestimmt also die deutsche Sprache?

Nicht alleine, aber auch sie ist nun mal Teil davon. Außerdem ist der Großbuchstabe Eszett nicht auf die Werbung beschränkt. Er wird mittlerweile in Überschriften von Schulbüchern oder bei Einblendungen in ARD-Dokumentationen verwendet. In Speisekarten liest man das Wort „Soße“ in Versalien. Das Doppel-S wird immer öfter vermieden. Wenn das große Eszett eingeführt wird, haben wir ein freies Spiel der Kräfte und können schauen, was sich durchsetzt.

- Fremdwort-Varianten wie „Majonäse“ oder „Ketschup“ haben sich in Ihrem Bericht nicht durchgesetzt und sollen abgeschafft werden. Warum?

Auch Varianten wie „Bravur“ oder „Belkanto“ sind ungebräuchlich, aber immer wieder in Wörterbüchern fortgeschrieben worden. Manchmal gibt es Argumente, die gegen eine Streichung sprechen. Joghurt kommt zum Beispiel aus dem Türkischen – und dort schreibt man es ohne „h“. Daher ist beides weiter zugelassen.

- Ein paar Rechtschreibe-Räte bestimmen von oben herab, wie man richtig schreibt. Müssen Sie eigentlich gegen dieses Image ankämpfen?

Es hat lange gedauert, Vertrauen aufzubauen, dass wir keine realitätsfernen Reformen anstreben. Der Rat ist sehr heterogen, da sitzen Wissenschaftler, Schriftsteller, Lehrer und auch Journalisten. Viel unabhängiger kann so ein Gremium nicht sein.

Interview: Tobias Gmach

ovb-online.de 1.6.2017
(Die Fragen wurden abweichend vom Original fett gesetzt.)


Nun, in fünfzig Jahren wird dank der weisen Regierung der größten Kanzlerin aller Zeiten von der originaldeutsch sprechenden Bevölkerung nicht mehr allzuviel übrig sein, so daß die Rechtschreib„reform“ nur den großen Rutsch der restdeutschen Kultur in die Bedeutungslosigkeit beschleunigt haben wird.

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Sigmar Salzburg
28.10.2016 10.51
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Gastbeitrag auf OVB-online

Frankfurter Erklärung nach 20 Jahren Rechtschreibreform

Heute wird der frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair in Weimar offiziell aus seinem Amt als Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung verabschiedet. Das Thema bleibt aber auf der Tagesordnung. Auf der Buchmesse haben 110 Autoren, Professoren, Schauspieler, Verleger und Journalisten dazu die Frankfurter Erklärung veröffentlicht, die wir hier abdrucken.

20 Jahre nach dem Start der Rechtschreibreform sind ihre Folgeschäden unübersehbar: Die Verwirrung und Verunsicherung der Schreibenden ist groß, die Schüler machen nachweislich nicht weniger, sondern deutlich mehr Fehler, die deutsche Einheits- orthographie ging verloren.

Zahlreiche Autoren und Professoren hatten schon auf der Frankfurter Buchmesse 1996 vor diesen absehbaren Folgen gewarnt und den Stopp dieser „überflüssigen, aber milliardenteuren“ Reform gefordert. Trotzdem wurde sie gegen den wohlbegründeten Widerstand der Sprachgemeinschaft durchgesetzt und dann noch mehrfach verändert, was weitere Verwirrung bewirkte.

Immerhin hat Johanna Wanka (2005 Präsidentin der Kultusministerkonferenz, heute Bundesbildungsministerin) 2006 im Spiegel zugegeben: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“

In dieser Situation appellieren wir an die heutigen Kultusminister, einen Neuanfang zu wagen und geeignete Schritte zur Wiedergewinnung einer einheitlichen Schreibung zu unternehmen, die auch der von den Kultusministern 2004 eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung als „ein hohes kulturelles Gut“ bezeichnet. Ein wichtiger Schritt sollte sein, die im 20. Jahrhundert bewährte Schreibung als eine für alle brauchbare anzuerkennen, auch in den Schulen. Daß sie dort als „falsch“ gewertet wird, ist ein Angriff auf die literarische Tradition und die Literatur der Gegenwart: Alle Werke der großen Autoren des 20. Jahrhunderts (von Thomas Mann und Bert Brecht bis Max Frisch, Ingeborg Bachmann und Günter Grass) und viele Werke heutiger Schriftsteller werden als orthographisch fehlerhaft abgewertet.

Hunderttausende von Kinder-, Jugend- und Schulbüchern wurden vernichtet, weil sie in der bewährten Schreibung gedruckt waren, vor der man die Schüler schützen zu müssen glaubte. Wenn die bewährte Schreibung als allgemein brauchbar anerkannt ist, wird ein Vergleich der unterschiedlichen Schreibungen die Wiedergewinnung einer einheitlichen Rechtschreibung fördern. An dieser für die Zukunft der Literatur und der Buchkultur wesentlichen Aufgabe sollten neben dem Rechtschreibrat auch andere Institutionen und Gremien mitwirken wie die Akademien, die Schriftstellerverbände und die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) sowie unabhängige Experten.

Frankfurt am Main, im Oktober 2016

Zu den Unterzeichnern gehören u.a.: Mario Adorf, Friedrich Denk, Matthias Dräger, Hans-Magnus Enzensberger, Elfriede Jelinek, Wulf Kirsten, Prof. Michael Klett, Reiner Kunze, Sten Nadolny, Prof. Peter Ring, Arnold Stadler, Prof. Rudolf Wachter, Prof. Reinhard Wittmann.

ovb-online.de 28.10.2016

Ähnliche Forderungen waren schon vor zehn Jahren vom Deutschen Elternverein erhoben worden, nachdem die Kultusminister nur „gefahrlose“ Reparaturen zugelassen hatten. Wäre die bis heute für viele unlernbare ss/ß-Regelung gestrichen worden, dann wäre die „Reform“ längst mausetot!

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Sigmar Salzburg
12.08.2016 12.02
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(20 Jahre Rechtschreib„reform“)

Erdgeschoss und Erdgeschoß

[Bild] Vorbildlich: Die Schreibweise für die Etagen in der Bayerischen (nicht: Österreichischen!) Staatsbibliothek. höfer

In diesen Tagen und Wochen finden in den Medien Beiträge zum Zustand der deutschen Sprache erhöhte Aufmerksamkeit.

Die sogenannte Rechtschreibreform feiert ihr 20-jähriges Bestehen im Schulunterricht, wird aber vielfach für ein Absinken der Schreibkompetenz der Schülerschaft verantwortlich gemacht. Vielerorts wird die schlampige Aussprache von TV-Schauspielern beklagt, was zur Unverständlichkeit ganzer Sequenzen etwa in Filmen der Reihe „Tatort“ führe. Rundfunk- und Fernsehsprecher übernähmen mehrheitlich ein schnoddriges und schlampiges Hochdeutsch, das allein norddeutsche Umgangssprache, aber keine „Hochsprache“ sei, etwa im Stil von „Gutn Tach, maine Daam un Häan“ oder „schön‘ Tach noch, tschüss!“. Wer wird sich da noch wundern, wenn die Jugend meint, diese sprachlichen Errungenschaften seien hochsprachlich und daher nachahmenswert? Zumal viele Eltern – wider besseres Wissen – ihre Kinder auffordern, „hochdeutsch“ in der beschriebenen Art und Weise zu reden, damit diese ja Karriere machen!

Aber sprechen nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel und Horst Seehofer, Sigmar Gabriel und der österreichische Bundeskanzler Kern hörbar jeweils ein ganz unterschiedliches Hochdeutsch? Wäre es für norddeutsche Jugendliche denkbar, wie Horst Seehofer und Bundeskanzler Kern zu sprechen?! Wieso aber reden süddeutsche Jugendliche seit einiger Zeit schon wie Bundeskanzlerin Merkel und Sigmar Gabriel? Wieso dieser Antrieb zur Vereinheitlichung à la Bundesdeutsch von Merkel, Gabriel, Jörg Pilawa, Carmen Nebel, Andrea Kiewel? Diese Personen sprechen „ihr“, aber nicht „unser“ Hochdeutsch. Gibt es also verschiedene, gleichberechtigte Arten von hochdeutsch? Oder sprechen Seehofer, Kern, Aigner oder die Moderatoren von Radio Salzburg nur „Dialekt“?

Die Sprachwissenschaft lehnt inzwischen mehrheitlich ein Einheitsdeutsch ab und unterscheidet zwischen drei Varietäten: Erstens: Bundesdeutsch oder binnendeutsch oder deutschländisches Deutsch, zweitens österreichisches Deutsch, drittens schweizerisches Deutsch. Ein berühmter Tennisspieler heißt in schweizerischem Hochdeutsch „Federer“, „Fäderer“, binnendeutsch aber „Feedecha“. Ein österreichischer Ski-Weltcupsieger heißt im deutschen Fernsehen „Hüascha“, im ORF aber „Hirscher“, „Hirscha“. Natürlich schreiben die Printmedien – noch – Federer und Hirscher. Aber es bleibt wohl nur noch eine Frage der Zeit, im binnendeutschen Duden beispielsweise künftig ein „nich“ statt ein „nicht“ vorzufinden.

Die Rechtschreibung unterscheidet ja tatsächlich gelegentlich zwischen den drei Varietäten des Deutschen: Während die Schweiz grundsätzlich ss für ß schreibt, wird das Wort für „Parterre“ binnendeutsch als „Erdgeschoss“, in österreichischem Deutsch als „Erdgeschoß“ realisiert. Nach den Regeln der reformierten Schreibung wird hier das kurze o durch ss kenntlich gemacht, das lange o durch ß. Was aber tun, wenn Schüler und Lehrer unserer süddeutschen Sprachwelt nicht „Erdgeschoss“, sondern, wie bei uns üblich, „Erdgeschoß“ sprechen und vor allem: schreiben? Ist das dann fehlerhaft und anzustreichen? Sollen süddeutsche Lehrkräfte dadurch Nachteile haben? Hier kommt der Duden arg ins Schwitzen. Es heißt da: „Geschoß: Österreichisch-süddeutsche Variante“. Demnach gäbe es ja gleich vier, nicht nur drei Varianten der deutschen Sprache. Variante Nummer vier oder Nummer 3 B ist also „süddeutsch“, gemeint ist vom Duden aber wohl „südhochdeutsch“.

Wenn „Erdgeschoß“ nun schon hochoffiziell genehmigt ist, warum übernehmen es unsere Medien dann nicht? Warum erscheint es in keinem bayerischen Schulbuch?

Oder „muß“ (nicht: „muss“) sich Bayern erst an Österreich anschließen, um seine ureigene Form des Hochdeutschen praktizieren zu dürfen? Soweit kommt’s (noch)!

ovb-online.de 12.8.2016

Siehe Punkt 11 meiner 30 Gründe gegen das „Umfunktionieren“ des „ß“, d.h. gegen die „neue“ Heysesche s-Regel..

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Sigmar Salzburg
27.08.2015 19.51
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GASTKOMMENTAR

„Die Fehler der Politik bei der Rechtschreibreform sind ausgebügelt“

An dieser Stelle bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These. Heute: Friedrich Denk zur Rechtschreibung. In der alten Form!

[Bild] Friedrich Denk war Deutschlehrer in Weilheim und „Rechtschreibrebell“. Heute engagiert er sich als Autor und Vortragender für das Lesen von Büchern und Zeitungen.

Hans Zehetmair, als bayerischer Kultusminister von 1996 bis 1998 einer der Hauptverantwortlichen für die Rechtschreibreform, gab vor kurzem ein vielbeachtetes Interview mit folgendem Fazit: „Ich empfinde große Genugtuung darüber, dass um das Thema Rechtschreibung inzwischen Ruhe eingekehrt ist. Im Großen und Ganzen konnten wir das Reformierte reformieren und die Fehler der Politik wieder ausbügeln.“ Das ist dreimal unrichtig.

Erstens können Fehler der Politiker nicht ausgebügelt werden wie eine knittrige Hose. Sie müssen ausgebadet werden, und zwar von den Bürgern. Hier waren und sind es alle, die deutsch sprechen, lesen und schreiben, Inländer wie Ausländer, dazu die Steuerzahler, die letztlich für die Milliardenverluste durch diese sogenannte Reform büßen müssen.

Zweitens darf sich niemand etwas auf die „Reform der Reform“ einbilden. Weder das eine noch das andere verdiente den Ehrennamen Reform, der ähnlich wie das Wort „neu“ gern mißbraucht wird. Was am 1. Juli 1996 in der „Wiener Absichtserklärung“ als „Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ dekretiert wurde, strotzte von Fehlern, von denen einige ganz und andere halb zurückgenommen wurden. Zum Beispiel sollten wir laut Neuregelung „es tut mir sehr Leid, doch er hat ganz Recht“ schreiben, obwohl „sehr“ und „ganz“ nur vor Adjektiven oder Adverbien stehen können. Die erste Schreibung wurde inzwischen – ohne Entschuldigung – zurückgenommen, die zweite ist noch möglich und wird leider noch angewendet, auch in dieser Zeitung, deren sprachliches Niveau ansonsten sehr hoch ist.

Drittens ist Herr Zehetmair hochzufrieden, daß um die Rechtschreibung „Ruhe eingekehrt“ sei. Die kompetenten Leserbriefe, die in den letzten Wochen in dieser Zeitung abgedruckt waren, und der zu Recht scharfe Kommentar von Georg Anastasiadis zeigen das Gegenteil.

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht beim Lesen von Büchern und Zeitungen, aber auch beim Schreiben immer wieder daran erinnert wird, was die Kultusminister sich von einer „Hand voll so genannter“ Experten haben aufschwatzen lassen und, unterstützt von einigen Juristen, seit 1996 durchgeboxt und den Schülerinnen und Schülern, den Schulbuch- und Kinderbuchverlegern, der Beamtenschaft, den Sekretärinnen, den Journalisten, allen Leserinnen und Lesern und vor allem der deutschen Sprache aufgezwungen haben.

Aber vielleicht könnte man doch noch etwas ausbügeln? Da die Rechtschreibreform in jedem Fall weiter „reformiert“ werden muß (ein Blick in den letzten Duden zeigt, daß sie noch immer x Varianten anbietet, oft mit Empfehlung der klassischen Schreibung), ist es klüger, gleich zur „alten“ Schreibung zurückzukehren bzw. bei ihr zu bleiben, die in Wirklichkeit moderner ist als die „neue“. Und vielleicht könnten sich auch einige Schüler dazu entschließen, so zu schreiben, wie sie es in Schullektüren von Franz Kafka, Thomas Mann, Bert Brecht, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Siegfried Lenz, Günter Grass, Bernhard Schlink, Christoph Ransmayr, Patrick Süskind und anderen lesen? Würden die Lehrer denn als Fehler anstreichen, was in den meisten Büchern richtig ist?

P.S. Noch eine Frage: Warum wohl haben die Rechtschreibreformer nur bei 14 Wörtern ein „ä“ vorgeschrieben, u.a. bei behende, Gemse, Schlegel und schneuzen, nicht aber bei Eltern? Vielleicht weil sie schlau waren und die „Ältern“ von mehr als 10 Millionen Schülern nicht provozieren wollten.

ovb-online.de 27.8.2015

PS.: Darunter der dümmlich beschwichtigende Leserkommentar eines/r Oliver Verena Bürger (mit einem Like vom Schweizer Kleinschreiber Rolf Landolt? Sonderbar.)

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Sigmar Salzburg
05.08.2015 16.12
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Der Euphemismus des Jahres

Rechtschreib-Katastrophe

Die Orthographie-Reform und ihre Folgen. Die vor zehn Jahren in Kraft getretene Rechtschreibreform sei „überflüssig“ gewesen, befand dieser Tage ihr Mit-Erfinder, Bayerns Ex-Kultusminister Zehetmair.

Überflüssig? Das ist der Euphemismus des Jahres. Die Reform war eine Katastrophe, und noch immer stehen wir fassungslos vor den rauchenden Trümmern:
Vergleichsstudien zeigen, dass die Rechtschreibfähigkeiten von Schülern seit Inkrafttreten des neuen, „modernen“ Regelwerks (und dessen späterer Teil-Rücknahme) dramatisch nachgelassen haben. Heute ist nur noch jeder fünfte Neuntklässler in der Lage, fehlerfreie Texte zu verfassen. Die Misere setzt sich an den Unis fort, wo Dozenten klagen, es fehle den Studenten an Grundkenntnissen der Grammatik und Syntax .

Ziel der Reformer war es, bildungsfernen Schichten durch eine vereinfachte Rechtschreibung den Aufstieg zu erleichtern. Damit sind sie gescheitert, und zwar grandios: Neue Freiheiten, etwa in der Getrennt- und Zusammenschreibung, haben gerade Bildungsferne in ihrem irrigen Glauben bestärkt, alles sei erlaubt (heute liest man: „nach der Augenoperation kann der Patient wiedersehen“ statt „wieder sehen“). Das Ergebnis ist Chaos, und die Erkenntnis: Keine Reform und keine Gleichmacherei kann verhindern, dass die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift elementar ist für den sozialen Aufstieg.

Mit ihrem Überfall auf den Kulturschatz Rechtschreibung haben die Sprach-Marxisten leider nicht nur nichts erreicht, sondern an anderer Stelle erheblichen Schaden angerichtet. Eine ausdifferenzierte Orthographie dient(e) dazu, lesefreundliche Texte zu verfassen – und nicht dazu, den Schreibenden das Leben möglichst leicht zu machen. „Schiefgehen“ meint eben etwas anderes als das (im Zuge der Schreibreform zeitweise verlangte) „schief gehen“.

Nichts gegen Veränderungen – dort wo sie nötig sind. Aber wir sollten aus dem Desaster lernen, wenn selbsternannte Reformer uns heute wieder erzählen, man wolle nur das Beste. Zum Beispiel, wenn sie uns ein neues, „modernes“ Einwanderungs(ausweitungs)gesetz schmackhaft machen wollen.

Georg Anastasiadis

Oberbayerisches Volksblatt 5.8.2015

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Sigmar Salzburg
18.12.2014 07.30
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Reformsklavenmoral im Oberbayerischen Volksblatt

Kein großer Wurf
10 Jahre Rechtschreibreform. Vor zehn Jahren wurde die deutsche Rechtschreibung reformiert.

Was haben wir heftig darum gestritten! Mittlerweile ist der Kas – wie man in Bayern sagt – gessen. Wir Älteren, die noch die frühere Orthographie (heute Orthografie) in der Schule gelernt haben, tun uns zuweilen immer noch schwer mit den Neuerungen. Wir sollten die Schreibregeln aber richtig anwenden, vor allem unseren Kindern zuliebe, die diese Regeln in der Schule lernen müssen. Wirklich viel hat sich ja nicht geändert. Die Rechtschreibreform stiftete zwar viel Verdruss und noch mehr Verwirrung, der große Wurf war sie jedenfalls nicht.

Schreiben wir vor kurzem oder vor Kurzem? Laut Duden geht beides, er empfiehlt Letzteres. Warum auch immer. Man kann eine Sprache mehr phonetisch [nicht „fonetisch“?] schreiben so wie es Italiener (nazione) und Spanier (nación) tun. Oder eher nach Herkunft der Wörter wie Franzosen, Engländer und bis zur Reform auch Deutsche (nation/Nation). Statt Potential (englisch/französisch: potential) sollen wir Potenzial schreiben, aber weiter Nation, nicht Nazion. Das ist nicht konsequent.
[...]
ovb-online.de 17.12.2014

„Ahi cas’ acerbo ...“ – mit diesen Worten verkündet die Botin den Tod der Eurydike in der ersten Oper „Orfeo“ (schlimmes Unglück). Vor Jahren wurde dem Dirigenten auf der Abschlußfete zur Aufführungsserie tatsächlich ein mittelalter „Kas acerbo“ überreicht. – Im Fall der „Reform“ ist der Kas nun auch noch vergiftet. Aber trotz Magengrimmen spielt man sklavisch weiter in diesem Theater.

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Sigmar Salzburg
14.10.2014 17.22
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Nordhochdeutsch I

[Aus dem Oberbayerischen Volksblatt, Autor ungenannt.]

Die Google-Recherche ergab vor ein paar Tagen für den Begriff „Nordhochdeutsch“ das Ergebnis: Fehlanzeige! Eine Umfrage unter Landsleuten und Zuwanderern mit norddeutschen Wurzeln – sagen wir zwischen Nordrhein-Westfalen und den Küsten der Nord- und Ostsee – zeigte völliges Unverständnis, was den Begriff „Nordhochdeutsch“ betrifft.

Silke, Deutschlehrerin aus Cloppenburg in Niedersachsen, wo angeblich das beste Hochdeutsch gesprochen wird, jetzt an einem südbayrischen Gymnasium tätig sagt:

„Nordhochdeutsch?? Mainste etwa Norddeutsch? Ja, klar, dass iss Plattdeutsch, jawoll! Kuckma', maine Omi kann noch Plattdütsch schnack'n, aber ich spreche nur Hochdeutsch, kain' Dialekt; weißte. Nordhochdeutsch? Wass iss dass denn? Nee, iss nich'!“

Die Silke – Verzeihung: Silke ohne Artikel! – wird tatsächlich von der größten Sprachautorität, die Deutschland hat, nämlich vom Duden, genauer: vom Aussprache-Duden, in den folgenden Punkten darin bestätigt, hochdeutsch zu sprechen, nicht etwa norddeutsch oder nordhochdeutsch.

1. Anlautendes S sei, so der Duden, in der hochdeutschen Standardsprache als sogenanntes „summendes“, stimmhaftes S zu sprechen. Dieses wird in der Lautschrift als /z/ wiedergegeben. Also: /ze:/, /zone/, /zilke/ für „See“, „Sonne“, „Silke“ Am Wortende ist hier übrigens kein E, sondern der Schwa-Laut zu sprechen, wie etwa im Artikel „the“ des Englischen.

2. Auslautendes S sei dagegen ohne Summen, also stimmlos und scharf zu sprechen. Die Wörter „das“ und „dass“ – klassisch als „daß" geschrieben – lauten gemäß Duden gleich, nämlich beide als „dass“! Begründet wird dies mit der sogenannten „Auslautverhärtung“. Das heißt: Die weichen, stimmhaften Mitlaute (Konsonanten) b, d, g sowie s werden am Silben- und Wortende hart gesprochen, also als p, t, k und ss oder ß: „Lob“, „Wind“, „Zug“, „was“ sind laut Duden also quasi als „Lop“, „Wint“, „Zuk“, „wass“ zu sprechen.

3. Das W in „Was“ oder „Wind“ soll als summendes, stimmhaftes V gesprochen werden. Dadurch klingt es eher wie ein F als wie das W im Englischen „what“, das mehr dem bairischen W ähnelt.

4. „Maine“ statt „meine“: Der Zwielaut „ei“ soll als „ai“ realisiert werden. Diese Maßgabe verrät einen grundlegenden Unterschied der Artikulierung von Lauten im Munde eines Nord- und Süddeutschen: In der nördlichen Aussprache des Hochdeutschen werden die Vokale viel weiter hinten im Gaumen gesprochen als in der südlichen Variante unserer deutschen Sprache. So hat man als Süddeutscher oft den Eindruck, die Norddeutschen hätten – mit Verlaub – beim Sprechen einen Knödel verschluckt.

Diese vier Beobachtungen mögen hier genügen, um das Phänomen des Nord-Süd-Gegensatzes in der deutschen Standardsprache (nicht: im Dialekt!) aufzuzeigen:

Diese vier Merkmale sind hochsprachlich, standarddeutsch und vom Duden abgesegnet. Wer sie nicht beachtet, spricht substandardliches Deutsch, bestenfalls regional geprägtes Hochdeutsch. Der Duden bezeichnet den Substandard als „Umgangslautung“.

Duden lässt Abweichung nicht zu

Auch dort wird für die vier beschriebenen lautlichen Eigenheiten keine Abweichung zugelassen; sie werden also auch für die Umgangssprache als verbindlich angesehen! (Die) Silke kann also tatsächlich argumentieren, sie spreche perfektes Hochdeutsch. Aber das kann sie nur auf der Grundlage des Dudendeutsch.

Schön für die niedersächsische Silke sowie für die meisten Menschen, die zwischen Nordrhein-Westfalen und der Nord- und Ostseeküste leben, dort aufgewachsen und sprachlich sozialisiert worden sind!

Aber was ist dann vom Hochdeutsch all jener Menschen zu halten, die zwischen dem Rheinland und Südtirol leben, dort sprachlich sozialisiert worden sind und es ablehnen, das S im Wort vorne zu summen und hinten übermäßig zu betonen? Die es ablehnen, statt eines W ein stimmhaftes V zu sprechen, statt eines Ei ein Ai zu sprechen? Denen diese Regulierungen zutiefst widerstreben?

Viele Millionen von Menschen sprechen, sofern sie nicht im Dialekt reden, ein anderes Hochdeutsch als das von (der) Silke repräsentierte Hochdeutsch.

Der Professor für moderne Fremdsprachen an der FH München, Johann Höfer, hat schon 1987 für das „andere“ Hochdeutsch den Begriff „Südhochdeutsch“ geprägt. Universitätsprofessor emeritus (Universität Salzburg) Dr. Otto Kronsteiner hat in dieser Zeitung am 16./17. August 2014 ebenfalls die Existenz von „südhochdeutsch“ postuliert und dieses klar von „nordhochdeutsch“ abgegrenzt und die Dominanz des vom Duden propagierten „Nordhochdeutschen“ heftig kritisiert. Professor Kronsteiner hat vor allem den Gegensatz im Bereich Wortschatz charakterisiert: Semmel – Brötchen, Schnur – Bindfaden, Schuhband – Schnürsenkel und viele weitere Süd-Nord-Wortpaare mehr.

Wir schließen uns Kronsteiners Thesen an, möchten aber hier die Thematik erweitern und den Schwerpunkt auf die Aussprache des Hochdeutschen legen, denn: Der Ton macht die Musik!

Wenn die Bedienung den Gast fragt: „Mit Sahne?“, dann verwendet sie statt des südhochdeutschen Wortes „Schlagrahm“ (Altbayern) oder „Schlagobers“ (Österreich) den nordhochdeutschen Begriff „Sahne“. Wenn sie aber das S in „Sahne“ nicht summt, spricht sie dieses Wort „südhochdeutsch“ aus; tut sie das aber, spricht sie es „nordhochdeutsch“ aus. Wichtiger als der Wortschatz an sich sind daher Aussprache und Tonfall.

Niemand summt das S im Süden

Um bei den vier markanten Merkmalen der Duden-Deutsch-Aussprache zu bleiben:

1. Fast niemand in Süddeutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz summt das S im Wort- und Silbenanfang vor Vokal. Wie kommt der Duden dazu, hier ein Summen, die Stimmhaftigkeit als Standard zu fordern? Besonders unsinnig ist die Forderung nach Stimmhaftigkeit auch bei Wörtern aus verschiedenen Fremdsprachen, bei denen das S definitiv stimmlos gesprochen wird! „Servus“, ganz gleich, ob als Lateinvokabel oder Grußformel mit summendem S: Das erzeugt Unverständnis, schlimmstenfalls Ohrenweh!

2. Im Süden des deutschen Sprachraums werden „das“ und „dass/daß" durchaus verschieden ausgesprochen. Des Bairischen mächtige Sprecher sprechen „das“ mit dunklem A und weichem S, „dass/daß" mit hellem A und scharfem ß; in anderen Regionen ist zwar der gleiche a-Laut zu hören, aber die s-Laute sind verschieden. Wieso verschenkt der Duden diese Differenzierungen? Millionen von Schulkindern wären dankbar, wenn sie lautlich den Unterschied zwischen „das“ und „dass“ beigebracht beziehungsweise bestätigt bekämen.
Fehler wie „ich weiß, das dass Haus bald abgerissen wird“ sind kein Witz, sondern – gelegentlich – Realität.

Die sonstigen Auslautverhärtungen sind im Süden ebenfalls nicht vollzogen worden: Das „Lob“ hat dort ein weiches b, das „Bad“ ein weiches d, der „Zug“ hat kein k oder gar ch hinten dran, sondern ein weiches g.

3. Wieso beharrt der Duden auf einem stimmhaften V-Laut für „wo“ und „wann“, „wer“ und „was“? Norddeutsche Schulkinder stolpern leider häufig über die Aussprache von englisch „where“, „when“, „what“; „wine“. Die W-Artikulation des südlichen Hochdeutsch ist sowohl der des Englischen (und, nebenbei, Lateinischen!) sehr viel näher.

4. Nicht einmal Bundeskanzlerin Merkel spricht „maine“ Damen und Herren! Sie spricht „meine“, also südhochdeutsch, aber sagt gleich anschließend im norddeutschen Jargon: "...Daamm und Häan“! Eine Mixtur der Sprachvarianten – aber warum eigentlich nicht? Wir im Süden sind hier offenbar toleranter als der Duden und freuen uns über Merkels teils südliche, teils nördliche Aussprache, ohne sie aber in dieser Form annehmen zu wollen!

Oberbayerisches Volksblatt 19.9.2014

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Sigmar Salzburg
27.01.2014 18.56
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Kultur in der Region

Das scharfe S

Zu den markantesten Eigenschaften der deutschen Schrift gehört das Zeichen "ß", welches das „scharfe S“ symbolisiert. Seine Entstehung ist umstritten. Manchmal wird behauptet, es sei aus einer Kombination beziehungsweise Ligatur zwischen dem sogenannten „langen“ S und dem Buchstaben z, der im Deutschen für den Laut /ts/ verwendet wird, entstanden.

Das demnach oft „sz“ genannte Symbol ist heutzutage, anders als früher, allein dem deutschen Sprachraum vorbehalten, aber auch dort nicht global: Die Schweizer und Liechtensteiner kommen ohne es aus und schreiben stattdessen durchwegs „ss“.

In Deutschland, Österreich und Südtirol findet man das "ß" seit der sogenannten Rechtschreibreform von 1996 und ihrer endgültigen Verabschiedung im Jahre 2006 nicht mehr so oft wie zuvor. Das „scharfe S“ stand in der klassischen Rechtschreibung anstelle eines „ss“ am Wortende: „Faß", aber „Fässer“, und vor einem Konsonanten: „faßte“, aber „fassen“. Außerdem stand das "ß" immer nach einem langen Selbstlaut und nach einem Zwielaut: „Fuß", „weiß", genauso wie „Füße“, „die weißen“. Nur diese dritte Regelung wurde beibehalten. Seit 1996 ist dagegen die Länge des Selbstlautes (Vokals) vor dem s-Laut entscheidend: „Fass“ – kurzes a – im Gegensatz zu „Fuß" – langes u. Ein nachfolgender Konsonant oder das Wortende spielen also keine Rolle mehr: Jetzt schreibt man „lässt“ und „Fass“. Ähnlich wie bei der Schreibung von T soll also die Vokalqualität besser bezeichnet werden als zuvor: „beten“, aber „betten“ („wie man sich bettet, so liegt man“).

Die Zeit wird es bringen, ob man wieder zur klassischen Schreibweise zurückkehren wird. Es gibt nämlich Studien, wonach Schüler, die früher nie zwischen „das“ und „daß" unterscheiden konnten, nun Nachfolger haben, die genau so wenig zwischen „das“ und „dass“ unterscheiden können. Außerdem präsentierte die neue Schreibung Wortungetüme wie „Fasssauerkraut“ oder „Schlussstrich“ statt der sicherlich viel besser lesbaren Schreibungen „Faßsauerkraut“ und „Schlußstrich“.

Ein weiterer Vorteil der klassischen Schreibung war ihre Diplomatie! Ein Sprachkonflikt zwischen Nord- und Süddeutschland wurde durch die ß-Schreibung zumindest am Wortende, beispielsweise bei den Wörtern „Spaß", „Maß (Bier)", „Erdgeschoß" oder „er muß", sehr elegant vermieden. Denn jetzt heißt es, Farbe zu bekennen! Während es im Norden Deutschlands lautet: „Mann, hat das Spaß gemacht, so ein/eine Maß Bier! Aber ich muss jetzt gleich zum WC im Erdgeschoss!“, könnte es im Süden so klingen: „Mei, haben wir einen Spass (= eine Gaudi) gehabt/Mei, hamm mir aan Schbass ghobd!“ Weiter: „Und die Mass Bier hat auch gut geschmeckt/Und d Mass Bier hod aa guad gschmeggt!“ Außerdem: „Aber jetzt muß ich schnell hinunter ins Erdgeschoß!/Awa iatz muaß i schnej aas Erdgschooß owe!“

Nun, im Dialekt schreiben wir, wie uns der Schnabel gewachsen ist; aber in der Standardsprache? Hier folgen wir Ludwig Zehetner in „Bairisches Deutsch“: Kurzer Vokal: Also „Spass“, „Mass“, langer Vokal: „Erdgeschoß". Wir würden auch gern propagieren: „Er muß", wegen seines „ziemlich“ langen u.

Erstaunlich finden wir freilich die Weigerung des ausgewiesenen Bairisch-Kenners Gerald Huber, in seiner neuesten Publikation die bairische Mass-Schreibung anzunehmen; er bevorzugt vielmehr die norddeutsche Maß-Schreibung. Ihm sei daher dringend die Aufnahme des „Münchners im Himmel“ von Adolf Gondrell empfohlen („noo a Mass und noo a Mass“), aber nicht etwa eine Rede des ehemaligen Wirtschaftsministers Rexrodt („noch n Maaß!“). In dieser Zeitung feid si do freile nix ned!

Oberbayerisches Volksblatt 24.1.2014

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Norbert Lindenthal
30.08.2007 05.40
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Das Maß ist voll/Volksverarsche ohne Volksentscheid

Oberbayerisches Volksblatt 30.08.2007

«Tschüss, Maß! Servus, Mass!»
Früher war der Fall klar: Da war die Maß Bier eine Maß Bier. Dann kam die Rechtschreibreform – und seither wird in den Biertempeln diskutiert: Stellt die Herbstfest-Bedienung jetzt zehn Maßn auf den Tisch oder zehn Massn?

Rosenheim – Das Rosenheimer und Mühldorfer Volksfest sind in vollem Gange, auch der Augsburger Plärrer hat schon begonnen, das Münchner Oktoberfest steht bevor. Doch was den wichtigsten Gegenstand dort betrifft, fehlt Bayerns Zeitungen in den Augen Höfers – um im Bild zu bleiben – das rechte Augenmaß: «Hier in Altbayern sprechen wir bei der ,Mass' das a doch kurz und den s-Laut ganz, ganz scharf», so der Vorsitzende des Rosenheimer Landschaftsverbands im Förderverein Bairische Sprache und Dialekte. Jeder Bayer wird ihm da recht geben.

Weil es sich nicht um irgendein Wort handelt, sondern um eine bierernste Angelegenheit, geht unsere Zeitung jetzt mit gutem Beispiel voran. Nach dem Motto «Tschüss, Maß! Servus, Mass!» verabschieden wir uns mit der heutigen Ausgabe von der veralteten Schreibweise. Schließlich geht es um ein Stück bayerisches Kulturgut. Und da sollte das Reinheitsgebot nicht nur bei den Zutaten greifen, sondern auch bei der Bezeichnung.

Früher, bis 1999, hieß es: der Fluß Isar, die Maß Bier, der Fuß, das Erdgeschoß – egal, ob der vorangehende Vokal lang oder kurz, halblang oder halbkurz oder viertellang ist. Also hieß es stets «die Maß Bier» – egal, ob der Preuße zur Bedienung sagte: «Noch n Maaß Bier, bitte» oder der Bayer: «Noo a Mass, biddscheen!» Die Kellnerin hat beide verstanden: den Preußen mit dem falschen Artikel (das) und dem überlangen a, den Bayern mit dem kurzen a vor dem stimmlosen, scharf gesprochenen s-Laut.

Aber seit der Rechtschreibreform gilt das nicht mehr. Jetzt heißt es «Fluss» wegen dem kurzen u und «Fuß» wegen dem langen u – und das «Maß» hat ein langes a, die «Mass» ein kurzes. Höfer – viele OVB-Leser schätzen seine Serie «Vo Ort zu Ort» im Kulturteil – verweist in diesem Zusammenhang auf Adolf Gondrells Rezitation des «Münchners im Himmel». Dort heißt es ja auch: «Und dann dringgda noo a Mass, und noo a Mass, und do sitzda heid noo.»

Bayerns vormaliger Kultusminister Dr. h. c. Hans Zehetmair hat sich übrigens persönlich bei der Duden-Redaktion für die Schreibweise «die Mass» eingesetzt – mit Erfolg. Der Eintrag lautet jetzt: «Maß, auch Mass, die (bayr. u. österr. ein Flüssigkeitsmaß); 2 Maß, auch Mass Bier» (Duden; Die deutsche Rechtschreibung, 24. neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Seite 672).

Ab heute hält sich unsere Zeitung an folgende Schreibweisen: die Mass, der Masskrug, die Mass Bier, zwei Mass Bier. Oder: Die Kellnerin stellte zehn Massn auf den Biertisch. Oder es könnte heißen, was die Wirte nicht so freuen würde, die Polizei aber schon: Massen von Wiesnbesuchern tranken ihre Massn in Maßen.

Überflüssig für echte Bayern ist hoffentlich Höfers Hinweis, dass die «Mass» ein etwas dunkleres a hat als die «Masse». Das helle a hätte man dagegen bei südhochdeutsch: «Trinken wir noch ein Masserl?» und bei bairisch: «Dringgma noo a Massal/Massl?»

«Dem guten Beispiel des OVB folgen»

Armin Höfer abschließend: «Jetzt erhoffe ich mir, dass bald auch andere Zeitungen den Mut haben, dem guten Beispiel des OVB zu folgen und endlich von der preußischen Maß auf die bayerische Mass umschwenken, sofern sie die Reformschreibung pflegen.»

Von Ludwig Simeth

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Norbert Lindenthal
11.12.2006 07.30
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Die Reform ist gescheitert

Kommentar (leider nicht mehr ganz erreichbar [art5816,844778.html])

Die Reform ist gescheitert

Oberbayerisches Volksblatt (Abonnement) – Bayern,Germany
Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen wollen sich künftig wieder eng an die bewährte Rechtschreibung ...

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Norbert Lindenthal
23.10.2006 04.52
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Oberbayerisches Volksblatt OVB online

Oberbayerisches Volksblatt 22.10.2006 21:11 Uhr

Machtverlust wird zum Glückfall

München – Selten, dass ein Spitzenpolitiker aufhört, solange er dabei noch selbst Regie führen kann. Hans Zehetmair hat es nach 17 Jahren als bayerischer Minister vorgemacht. Und zurückgelassen hat er so viele Glanzlichter, dass Bayern um einiges heller strahlt als zuvor. Heute feiert er in seinem Erdinger Heim 70. Geburtstag. Bis 2003 für Wissenschaft, Forschung und Kunst verantwortlich, ist Zehetmair inzwischen Vorsitzender der CSUnahen Hanns-Seidel-Stiftung.

Ein besonders originelles Geschenk hat der seit 45 Jahren verheiratete Familienvater (drei erwachsene Kinder plus Enkel) schon in Händen: eine frühere Schülerin schrieb ihrem einstigen Latein- und Griechischlehrer Glückwünsche auf Lateinisch.

Gedankenaustausch in dieser klassischen Sprache pflegte er auch mit dem Lateiner Franz Josef Strauß, der den früheren Landrat von Erding 1986 als Kultusminister verpflichtet hatte. „Sie sind der Einzige, der das kann“, habe der zu ihm gesagt, „der Stoiber versteht das nicht.“ Unter Max Streibl bekam er das Wissenschafts-Ressort dazu, das ihm noch blieb, als Edmund Stoiber die beiden Bereiche 1998 wieder trennte. „Diese Teilung wurde damals stante pede gemacht (stehenden Fußes), und die schmerzlich empfundene Wegnahme war für mich nicht leicht verkraftbar“, erinnert sich Zehetmair im Gespräch.

Doch der Enttäuschte machte aus dem Machtverlust verfaheinen Glücksfall für die Wissenschaft und Kunst – und für sich selbst: „Das sichtbarste Zeichen meines Glücks ist die Pinakothek der Moderne“, bilanziert er. München konkurriert durch dieses beharrlich durchgefochtene Projekt in der internationalen Museumslandschaft an der Spitze. Der gern hintersinnig und listig lächelnde Zehetmair, der jederzeit auch für Nachhilfe in ausgefuchster Verhandlungs- und Taktierkunst gut ist, tat sich daneben als Vater beziehungsweise Geburtshelfer weiterer viel gerühmter Einrichtungen hervor: unter anderem Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts in Nürnberg, Buchheim-Museum, Brandhorst- Bau sowie die Häuser für die Ägyptische Staatssammlung und die Graphische Sammlung.

Stolz ist Zehetmair nicht zuletzt auf die unter ihm gegründeten neun bayerischen Fachhochschulen. Als Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung leitete er die Reparaturwerkstatt für die verunglückte Schreibreform und ist mit dem Ergebnis „rebus sic stantibus“, also unter den gegebenen Umständen, zufrieden. Damit spielt er auf die verfahrene Situation an und die schwierige Arbeit mit den 39 Ratsmitgliedern. „Deutlich zurückgesteckt“ hat er sein Fußball-Engagement. „Das innere Kribbeln hat sich etwas gelegt“, sagt das Aufsichtsratsmitglied von 1860 München und beklagt die „katastrophale Management-Situation“

Nicht durchweg glücklich scheint er auch mit der neueren bayerischen Regierungspolitik zu sein, zu der er sich „durchaus nicht stromlinienförmig“ seine Gedanken macht. Da sieht er zum Beispiel Widersprüche zwischen dem neuen Grundsatzprogramm der CSU mit dem Ruf nach weniger Staat und dem jüngsten Vorhaben des Kabinetts, Kontrollen aller Kinder zur Pflichtaufgabe zu machen: „Wir sind auf dem flotten Ritt zum gläsernen Menschen.“

ERIK SPEMANN

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