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S’Schwyzerländli isch no chly
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PL
25.04.2007 17.12
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Den vielen aufmerksamen Lesern meiner Liedlein-Besprechung habe ich noch etwas mitzuteilen. Man hört in der Schweiz oft den Spruch, der lautet: „Chum Bueb und lueg Dis Ländli aa!“

„Dis“, das höflich großgeschriebene „Dein“, dürfte jene Schweizerbürger besonders ärgern, die nicht einen einzigen Quadratmeter Land ihr Eigen nennen dürfen. Denn die Mehrheit der Wohnungen in der Schweiz befinden sich im Besitz von Privaten, denen über 70 Prozent aller Wohnungen gehören.

„Komm’ Bub, und schaue Dein Ländchen an!“ Und was sagen die Mädchen dazu? Diese meine Frage soll als Antwort gelten. „Komm’ Bub“, wird gesagt, nicht „Gehe Bub“. Ist einer, der dies nicht höchst interessant findet?

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Norbert Lindenthal
24.04.2007 04.22
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S’Schwyzerländli isch no chly

Aufgeführte zeitlich vorhergehende Beiträge waren geschrieben im Faden 638 »Neuschrieb so nett«
31563, 31569, 31573, 31578, 31582

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Jo. D.L.
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Norbert Lindenthal

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PL
23.04.2007 13.06
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Zur letzten Strophe:

Auch die Leute sind frisch und froh;
Freiheit haben sie wie nirgends;
Und ein lustiges Schweizerblut
Gefällt mir über alles gut.

Die Leute sind (oder waren) also frisch und froh. Wunderbar! Sie haben (oder hatten) Freiheit wie nirgends. Noch wunderbarer! Eines der Bauernkinder, das die Kartoffelschalensuppe auslöffelte, war mein Pflegevater (geb. 1909). Mit ihm saßen noch elf Geschwister am Tisch, die meisten von ihnen bleich und schwach, drei von ihnen geistig behindert.

Bevor jemand dem Text des Liedleins Glauben schenkt, weise ich ihn darauf hin, daß damals der Verdingmarkt blühte, der Handel mit Verdingkindern, mit Kindern, die in Fabriken und in der Landwirtschaft bis zur Erschöpfung arbeiten mußten und wie Sklaven gehalten wurden. Abertausende! Ihr Freiheitsdrang wurde durch biblisch wohlbegründete Prügelpädagogik im Zaum gehalten („Laß nicht ab den Knaben zu züchtigen; denn wenn du ihn mit der Rute haust, so wird man ihn nicht töten. Du haust ihn mit der Rute; aber du errettest seine Seele vom Tode“ (Sprüche 23, 13-14). – Wer dem Text des Liedleins dennoch Glauben schenken will, dem bescheinige ich ein bewundernswürdig hohes Maß an Abstraktionsvermögen, ohne ihm die Fähigkeit der selektiven Wahrnehmung abzusprechen.

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PL
22.04.2007 16.48
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Endlich erhalte ich die Gelegenheit, meine umfassenden Englischkenntnisse unter Beweis zu stellen: Ich schreibe nie auf Vorrat, sondern stets „just in time“. Klingt toll, nicht wahr?

Seit 1975 sind 32 Jahre vergangen. Damals war ich bereits seit fünf Jahren volljährig (das Wort „mündig“ wäre auf mich zutreffender, vom geltenden Gesetz aus betrachtet, weil ich das Mündel eines Vormunds war). 1960, als Sechsjähriger, begriff ich den Sinn des Liedleins, das wir Kinder im Kinderheim aus voller Kehle nach der Melodie J. C. Willis sangen. Der Sinn wurde mir von einer Klosterfrau erklärt: So weit du gehen kannst, ein schöneres Land als die Schweiz findest du nirgends auf der ganzen Welt. Das konnte ich nicht glauben. Denn Bettnässer wie ich mußten morgens die Bettlaken in aller Kälte zum Waschhaus tragen und nach der Frühmesse auf den „Z’Morge“ verzichten. Störrische Knaben wie ich empfingen während des Schulunterrichts tagtäglich Ohrfeigen, Kopfnüsse oder Tatzen (Schläge mit dem Zeigestock auf die Handflächen oder Finger). Ruhestörer wie ich mußten in den Papierkorb sitzen, in die Ecke stehen oder, bei ausgebreiteten Armen, schwere Bücher auf den Händen balancieren. Weinende Kinder wie ich mußten ihre Tränen vom Boden auflecken und kriegten dabei Püffe und Tritte. Das größte Leid und Übel jedoch war, daß wir, die Heimkinder, begleitet vom Gespött der hübschgekleideten Dorfkinder, die bei ihren Eltern wohnten, in Zweierkolonne zum sonntäglichen Gottesdienst marschieren mußten.

Soviel oder sowenig für heute.

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Detlef Lindenthal
21.04.2007 22.02
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Peter Lüber schrieb:
Den Rest meiner Interpretation liefere ich nur auf ausdrücklichen Wunsch.
Nun, falls Du ihn schon hast, dann sollten wir ihn auch hören, meine ich.

– 1975 habe ich einen Sommer lang mit einem kleinen Laster Gemüse nach Davos, ins Engadin, nach St. Moritz, nach Interlaken und an den Vierwaldstättersee ausgefahren. War mit der nachmaligen Mutter meiner lieben Kinder auf dem Rütli.

So gesehen, würde ich, wenn behauptet wird, die Schweiz sei ein schönes Land, ohne jedes Zögern aus freudigem Herzen zustimmen. :-)

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PL
20.04.2007 00.53
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Interpretation

Das Schweizerländchen ist nur klein –

Eben. Und weil dem so ist, ist von einem „Ländchen“ die Rede, nicht von einem Land. Das kurze Wörtchen „no“ kann im St. Galler Dialekt (ich bin gebürtiger St. Galler) zwei verschiedene Bedeutungen annehmen, nämlich „noch“ oder „nur“ („nu“), je nachdem, wie deutlich oder undeutlich es ausgesprochen wird. Im Liedlein aber ist „nur“ gemeint, um nicht „immerhin“ zu sagen.

Aber schöner könnte es nicht sein –

Diese Behauptung wird bis heute hartnäckig aufrechterhalten; der Tatsache zum Trotz, daß der größte Teil des Schweizerländchens völlig zersiedelt ist. Darum sind auch die Grundstückspreise in der Schweiz so exorbitant hoch.

Gehe in die Welt, so weit du willst,
Schönere Ländchen gibt es nicht –

Der unbedarfte, meist kindliche Sänger, wird gedanklich auf Weltreise geschickt, um die Behauptung, daß es keine schöneren Ländchen gibt, zu überprüfen. Um ihn jedoch davon abzuhalten, wird diese Behauptung nochmals bekräftigt, wohl in der Hoffnung, daß er sie glaubt und daheim bleibt. Ein alter, bewährter Trick wird hier angewandt: Das Beten von Litaneien, gemäß des Prinzips der geisttötenden Wiederholung. Ein musikalisches Mittel also, das schon zu Zeiten Anwendung fand, als es noch keine Tonbänder gab.

Trala tralala
Trala, tralala,
Schön’ri Ländli git’s gar nit –

Das besondere an diesem Refrain ist, daß er nur einmal gesungen wird: nach der ersten Strophe. Umso größer ist seine Wirkung, zumal er selbst eine Wiederholung des bereits Gesagten oder Gesungenen beinhaltet. Nur wer sehr schwer von Begriff ist, wird jetzt noch immer nicht glauben, daß es keine schöneren Ländchen gibt.

Zu diesem Zeitpunkt und an dieser Stelle, bitte ich den wißbegierigen, sinnsuchenden Leser meiner Interpretation zur geistigen Einkehr und Andacht. Er stelle sich ein Bauernkind vor, das nur Kartoffelschalensuppe zu essen bekommt, darum, weil ihm die gütige Mutter nichts anderes zu Essen geben kann. Das einzige Schwein im Stall ist mager. Es darf aber nicht geschlachtet und aufgegessen werden, weil es verkauft werden soll. Also, guter Leser, singe: „Trala tralala.“

Den Rest meiner Interpretation liefere ich nur auf ausdrücklichen Wunsch.

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PL
15.04.2007 20.14
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S’Schwyzerländli isch no chly;
Aber schöner chönnt’s nit sy!
Gang i d’Welt so wyt du witt,
Schön'ri Ländli git’s gar nit!

Trala tralala
Trala, tralala,
Schön’ri Ländli git’s gar nit.

Berge, wie de Himmel hoch,
Mit de schön’re Gletsch’re noch,
Uf de Alpe Herdeglüt,
Jodler, schöner nützti nüt!

Seen blau und spiegelglatt,
Wie me luegt, me wird nit satt;
Schiffli fahred hi und her,
Wie wenn’s all’Tag Sunntig wär.

Und au d’Lüt sind frisch und froh;
Freiheit händ’s, wie niene so;
Und e lustigs Schwyzerbluet
G’fallt mer über alles guet.

Kommentar (statt einer Interpretation).

Das Liedlein ist alt; es wird aber heute noch gesungen. Sein Verfasser, Jakob Kuoni (1850 – 1927), konnte nichts von der Industrialisierung wissen, von der beginnenden Zerrüttung des Bauernstandes, vom herrschaftlichen Leben der Fabrikanten, vom Elend der Fabrikarbeiter, vom Hunger, der unzählige Schweizer nach Amerika trieb und vom streunenden, bettelnden Volk: Denn er war Lehrer. Der Inhalt des Liedleins ist zeitlos, ja ewig gültig. Es handelt nicht von Geldwäscherei, Waffenhandel, Vetterliwirtschaft und Bespitzelung. Es ist ein reines Liedlein; ein gänzlich sinnloses – könnte man sagen. Aber trotzdem wird es noch immer gesungen.

Im Jahr 2004 betrug die Arbeitslosenquote in der Schweiz 3,9%. Im selben Jahr gab es 211'000 sogenannte „Working Poor“, welche 6,7% der erwerbstätigen Bevölkerung zwischen 20 und 59 Jahren ausmachten. 12,5%, d.h. eine von acht Personen erreichte das offizielle Armutsgrenzeinkommen nicht. 45% aller Sozialhilfeempfänger waren jünger als 26 Jahre. Besonders hoch war die Zahl der armen Kinder und Jugendlichen in urbanen Zentren. So war beispielsweise in Zürich jeder zehnte junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren sozialhilfeabhängig. In Basel lebe jedes siebte Kind in einer Familie, die Sozialhilfe bezog.

Die Schweiz hat die fünftgrößte Selbstmordrate Europas.

Trala tralala
Trala, tralala,
Schön’ri Ländli git’s gar nit.


– geändert durch Peter Lüber am 20.04.2007, 01.31 –

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