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Unwichtige Geschichtsfälschungen
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Sigmar Salzburg
09.01.2017 13.38
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Eine sonderbare „Abschrift“ bei SPON

Das erste Urteil: Todesstrafe. Das zweite: Todesstrafe. Das dritte: Todesstrafe.
„Mir blieb die Luft weg“, erinnert sich Jörn-Ulrich Brödel und die Fassungslosigkeit lässt seine Stimme noch Jahrzehnte später beben...

14. September 1950, Urteilsverkündung gegen 15 Angeklagte vor dem sowjetischen Militärtribunal in Weimar. Alles war perfekt arrangiert am Ende dieses Willkürprozesses ohne Verteidiger...

Nur zwei Stühle neben ihm war soeben sein Freund Hans-Joachim Näther zum Tode verurteilt worden...

Jahrzehntelang wusste er nicht, ob seine Freunde noch lebten. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es die traurige Gewissheit, bestätigt durch Moskauer Archivbelege: Alle Todesurteile waren ausgeführt worden. Deshalb kramt Brödel jetzt aus einem Ordner eine eng bedruckte Seite hervor: Es ist die Abschrift des letzten Flugblattentwurfs der Widerstandsgruppe, verfasst im Februar 1950. Eindringlich wird darin die antiamerikanische Hass-Propaganda der DDR kritisiert.

„Versteht ihr das nicht? Hassen dürft ihr! Hassen müsst ihr! Hassen ist euch eine nationale Aufgabe geworden. …Wie gro ß artig die Idee, den Hass gener ö s in eine Richtung lenken zu wollen. …Mit Hass begann es schon einmal. Das Resultat war der Krieg von vorgestern, die Toten von gestern.“

Brödel ist sicher: Dies sind Näthers Worte, auch wenn sich das nicht mehr eindeutig nachweisen lässt. Stil und Duktus passten, sagt er. Für ihn ist der Text ein Vermächtnis seines Freundes. Und eine Warnung an die Gegenwart.

spiegel.de/einestages 9.1.2017

Gibt die „Abschrift“ das Original wieder? Von wann ist sie? 1950? 1996? Das Heyse ss/ß-System deutet auf 1996. Das Original könnte 1950 in Normaldeutsch, in ß-freier Schreibung oder Großschrift verfaßt gewesen sein. Auch die wohl bewußt angedeuteten Leerschritte geben zu denken.

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Sigmar Salzburg
04.01.2017 09.34
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Die Kaffee-Kantate von Johann Sebastian Bach ...

... wurde vermutlich um 1735 in Leipzig im Zimmermannschen Kaffeehaus durch Bach selbst uraufgeführt. Das Gebäude wurde 1943 zerstört.

Bei der Suche nach dem Text kann man auf die schweizerische Rezension des Büchleins „Ey, wie schmeckt der Coffee süße“ stoßen, die es ß-los beschreibt, aber die Verse in der reformierten deutschen Rechtschreibung wiedergibt. Die Ausgabe der Bachgesellschaft von 1879 verwendete den ß-freien Antiqua-Stich.

Zum Glück kann man in wikisource die Original-Dichtung von Christian Friedrich Henrici („Picander“) finden und feststellen, daß auch er den seit 600 Jahren bewährten ß-Gebrauch (allerdings nach Gehör) gepflegt hat, der nun von den kulturbanausischen Kultusministern beschnitten wurde. Die letzten beiden Verse finden sich nur in Bachs Kantate und können in der Handschrift des Komponisten eingesehen werden:

9. Recitativo

Nun geht und sucht der alte Schlendrian,
Wie er vor seine Tochter Ließgen
Bald einen Mann verschaffen kann;
Doch, Ließgen streuet heimlich aus:
Kein Freier komm mir in das Hauß,
Er hab es mir denn selbst versprochen
Und rück es auch der Ehestiftung ein,
Daß mir erlaubet möge sein,
Den Coffe, wenn ich will, zu kochen.
Jeder kann sich überzeugen, daß auch Bach keine „dass“ geschrieben hat. Die alles durchdringende Heyse-ss-Regel ist ein „Hattrick“ – der „Geßlerhut“, um die „Reform“ überall sichtbar durchzusetzen.

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Sigmar Salzburg
16.10.2016 05.40
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Hauptmann von Köpenick

Der Schuster Wilhelm Voigt verkleidete sich 1906 als Hauptmann, besetzte das Rathaus von Köpenick und türmte mit der Stadtkasse. Preußens Armee: blamiert. Der dreiste Gauner: über Nacht ein Medienstar, weltweit...

In seiner 1909 veröffentlichten Autobiografie versuchte sich Voigt eine weiße Weste zu verpassen und erklärte, der Finanzwart habe ihn gebeten, das Geld mitzunehmen: „Ich war ganz erstaunt darüber, denn ich hatte mit keinem Worte und mit keiner Silbe geäußert, dass ich die Kasse übernehmen wollte. Sie wäre ohne diese Übergabe ruhig in Köpenick geblieben.“ Dass diese Behauptung nicht stimmte, konnte der Historiker Winfried Löschburg in seinem 1978 erschienenen Buch „Ohne Glanz und Gloria“ anhand offizieller Dokumente nachweisen.

spiegel.de/einestages 14.10.2016

Daß das „dass“ falsch ist, kann man nachlesen: „Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde: Mein Lebensbild von Wilhelm Voigt“ Hofenberger Sonderausgabe und gutenberg.spiegel.de. Seltsamerweise zeigt Google den Spiegel-Artikel auch noch mit richtigem „daß“ an.

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Sigmar Salzburg
01.09.2016 12.03
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Ein Gedicht der 13jährigen Angela Kasner/Merkel?

Seit einiger Zeit geistert ein angebliches Jugendgedicht Angela Merkels durchs Internet, das in der Zeitschrift des Kommunistischen Jugendverbandes 1967 abgedruckt gewesen sein soll:

Revolution von Oben

Ernst Thälmann, schreite du voran,
ich lieb‘ den Sozialismus,
drum steh ich hier nun meinen Mann,
weil Revanchismus weg muss.

Schon lange will das rote Heer
den Feind eliminieren.
Ich brauch‘ hierfür kein Schießgewehr –
ich werd‘ ihn infiltrieren!

Ich werd Chef der BRD,
– der Klassenfeind wird’s hassen! –
und folg‘ dem Plan der SED,
sie pleitegeh’n zu lassen!“

Angela Merkel


Veröffentlicht [angeblich] in der Zeitschrift „Frösi“, September 1967
(wieder entdeckt von P.Miehlke im „Eulenspiegel“ 4/12)
alles-schallundrauch Febr. 16

Der Kenner sieht natürlich sofort, daß die Fälschung aus der Zeit nach 1996 stammt wegen „muss“/„Schießgewehr“ und sogar nach 2006 wegen „pleitegehen“. Der Name „Merkel“ war 1967 nicht voraussehbar. Dagegen ist die Gendrifizierung „ich stehe meine Frau“ auch heute noch unüblich und wurde gemieden. Der Beitrag ist wohl tatsächlich als Satire gemeint gewesen.

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Sigmar Salzburg
29.08.2016 12.31
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„Die Erde wächst nicht mit“

Dieses Buch Martin Neuffers wurde bei uns hier und da schon erwähnt. Nicolaus Fest zitiert daraus in seiner neuesten Aussendung, allerdings konvertiert in das Reform-Dass-Deutsch, das 1982 so gut wie unbekannt war – siehe auch die Kurzfassung bei Spiegel.de 19.4.82. Hat Fest den Text aus einer unsicheren Quelle abgerufen oder hatte er einen Korrektur-Automaten eingeschaltet?:

Martin Neuffer, einst NDR-Intendant und Oberstadtdirektor von Hannover, veröffentlichte 1982 unter dem Titel „Die Erde wächst nicht mit“ seine Gedanken zur absehbaren Überbevölkerung und Migration. Darin finden sich bemerkenswerte Sätze:

– „Die reichen Länder (…) werden Minenfelder legen, Todeszäune und Hundelaufgehege bauen. Die DDR wird endlich eine lukrative Exportindustrie in Grenzsicherungssystemen entwickeln können.“

– „In Wirklichkeit handelt es sich (bei der Einwanderung kulturfremder Menschen) gar nicht um Einwanderung, sondern um eine Art friedlicher Landnahme.“

– „Alles deutet darauf hin, dass solche Wanderungen insgesamt weit mehr Probleme schaffen, als sie lösen – und das nicht nur vorübergehend, sondern über lange geschichtliche Zeiträume.“

– „Andererseits führt die gutgemeinte Integrationspolitik der Bundesrepublik zu oft untragbaren Belastungen für deutsche Kinder und Lehrer.“

– „Politische Auseinandersetzungen radikaler Ausländergruppen, besonders der Türken, führen zu zusätzlichen Krawallen und zur Beeinträchtigung der Sicherheit und des Friedens auf den Straßen und Plätzen unserer Städte. Die Gruppen exportieren die heimischen Konflikte nach Deutschland und tragen sie hier mit aller Rücksichtslosigkeit aus. Sie wenden sich dabei immer stärker und immer radikaler auch gegen die deutsche Polizei.“

– „Die schwerwiegendsten Probleme sind bei den Türken entstanden. (…) Die Verlagerung des türkischen Bevölkerungswachstums in die Bundesrepublik ist (…) ein gemeingefährlicher Unfug.“

– „Die Gefahr, dass alle Integrationsbemühungen völlig illusorisch werden und dass sich zugleich eine Art türkisch-islamisches Subproletariat bildet, liegt auf der Hand.“

– Das bedeutet, dass auch das Asylrecht neu geregelt werden muss. (…) Es ist eine Illusion zu glauben, die Bundesrepublik könne in dieser Lage die Grenzen für alle Asylanten der Erde weit offen halten.“
Neuffer galt innerhalb der SPD als links. Und auch der SPIEGEL unter seinem damaligen „Im-Zweifel-links“-Herausgeber Rudolf Augstein hatte mit dem Abdruck dieser Analyse offensichtlich keinerlei Probleme.

nicolaus-fest.de 29.8.2016

P.S.: Auch der erste Teil des Festschen Textes ist lesenswert:

Wer auf die großen Projekte der letzten Jahrzehnte schaut, findet überall den Einfluß dieses sozialwissenschaftlichen Optimierungswahns. Ob Rechtschreib- und Bildungsreform, ob Vegetarismus, Windkraft, Umweltschutz, Inklusion und Gendertum, ob Feinstaub oder das indoktrinäre Gerede von Deutschland als einem Einwanderungsland – immer ging es um angebliche Verbesserungen der Gesellschaft ...

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Sigmar Salzburg
07.06.2016 12.06
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Aus Fritz Walters Erinnerungen an Ernst Willimowski

Es waren magische Momente: Bei der WM 1938 traf Ernst Willimowski viermal für Polen gegen Brasilien. Bald darauf spielte er für Deutschland – und trug unter Sepp Herberger das Trikot mit dem Hakenkreuz. Von Diethelm Blecking und Daniel Huhn

Wieder geriet Willimowski ins Blickfeld von Sepp Herberger und debütierte 1941 in der deutschen Nationalmannschaft gegen Rumänien. „Er hatte keine Nerven, war eiskalt“, schrieb Mitspieler Fritz Walter in seiner Autobiografie, „für mich der größte aller Torjäger, ein Wunder im Ausnutzen von Chancen. Er erzielte mehr Tore, als er Chancen hatte.“

Fritz Walter erinnert sich ebenso an den „Willimowski der dritten Halbzeit“ und widmete ihm ein ganzes Kapitel unter dem Titel „Schlitzohrs lustige Streiche“. Nach dem Spiel Deutschland-Schweiz 1942 gelang es den Mannschaftskameraden nur mit Mühe, den lebensfrohen Wunderstürmer zum Frühstück zu holen: „Alles Rütteln und Schütteln blieb zwecklos. Als wir ihm die Bettdecke wegzogen, sahen wir, dass er noch Hemd und Krawatte anhatte. Schlitzohr musste aus Freude über seine vier Tore einen Tropfen mehr getrunken haben, als ihm guttat!“

spiegel.de/einestages 6.6.2016

Fritz Walters Veröffentlichungen enden 1968.

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Sigmar Salzburg
03.02.2016 07.12
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Ass-History

Wenige Jahre nach der Sputnik-Mission und Juri Gagarins Erstflug schrieb die Sowjetunion 1966 erneut Raumfahrtgeschichte. Eine Sonde landete weich auf der narbigen Oberfläche des Mondes. Vorangegangen war eine schmerzhafte Serie von Misserfolgen.

Das Neue Deutschland zur Landung
Bild: Staatsbibliothek Berlin

„Zum ersten Male ist es gelungen, ein Gebilde von Menschenhand, einen Kundschafter menschlichen Erkenntnisdrangs nach wohlberechnetem Flug durch das Weltall sicher auf den Mond zu bringen. Es war das Land Lenins, dass diese kolumbische Leistung vollbrachte.“ So verkündete die wichtigste Tageszeitung der DDR, das Neue Deutschland, am 4. Februar 1966 die erste weiche Landung eines Raumfahrzeugs auf dem Mond. "Gewiß, neue und noch kühnere Taten werden folgen. Doch in den Geschichtsbüchern der Zukunft wird zu lesen sein: Am 3. Februar 1966 hat die Sowjetunion einen wichtigen Pfeiler zu der Brücke gesetzt, die den ersten Menschen sicher zum Monde trug. Wir sind glücklich, mit dem Land in engster Freundschaft verbunden zu sein, dass solche Leistungen vollbringt.“
heise.de 3.2.2016

Im beigegebenen Faksimile ist beide Male ein richtiges „das“ zu lesen, das anscheinend übereifrig linientreu und falsch durch ein „dass“ der Ass-Reform ersetzt wurde.

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Sigmar Salzburg
27.01.2016 12.12
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Israel veröffentlicht Eichmanns Gnadengesuch

Lt. „Spiegel“:
„Ich erkläre nochmals wie bereits vor Gericht geschehen: ich verabscheue die an den Juden begangenen Gräuel als größte Verbrechen und halte es für gerecht, dass die Urheber solcher Gräuel jetzt und in Zukunft zur Verantwortung gezogen werden. ...“
Das Schreiben ist auf den 29. Mai 1962 datiert. 48 Stunden später wurde Eichmann gehängt.
spiegel.de 27.1.2016

Lt. „Welt“:
„Ich erkläre nochmals, wie bereits vor Gericht geschehen: Ich verabscheue die an den Juden begangenen Greuel als größtes Verbrechen und halte es für gerecht, dass die Urheber solcher Greuel jetzt und in Zukunft zur Verantwortung gezogen werden.“
welt.de 27.1.2016

Lt. Faksimile verwendete er aber kein 1996er-Reform-Dass-Deutsch und (Seite 2) auch keine Gräuel-Schreibung.

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Sigmar Salzburg
24.01.2016 15.33
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Avantgarde-ss-Reform schon bei der RAF?

Rasch formiert sich um das Untergrund-Paar Ende 1984 eine komplett neue Mannschaft. Die RAF-Neueinsteiger haben kaum Waffen, kein Geld. Und so gut wie keine Erfahrung mit dem Leben im Untergrund. „Aber wir waren entschlossen, diesen Weg zu gehen“, schrieb Eva Haule 1993 in einem offenen Brief aus dem Gefängnis. Und über Wolfgang Grams als treibende Kraft: „Ohne ihn und seine Zähigkeit, mit der er alle praktischen Probleme angefasst und gelöst hat, wäre das nicht gegangen.“ ...

Letztes Opfer der dritten RAF-Generation: GSG-9-Kommissar Michael Newrzella. Ihn erschießt Wolfgang Grams im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen, bevor er beim Feuergefecht selbst sein Leben verliert.
Es ist der einzige aufgeklärte der zehn Morde dieser Phase. Die erste RAF-Generation um Andreas Baader und Ulrike Meinhof (1970-1972) wollte durch Anschläge „das revolutionäre Bewusstsein der Massen wecken“ – so formulierte sie es in ihrer zweiten Kampfschrift unter dem Tarntitel „Die neue Straßenverkehrsordnung". Der Avantgarde-Gedanke: die RAF vornweg. Und die Massen rennen hinterher.

spiegel.de/einestages 23.01.2016

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Sigmar Salzburg
04.08.2015 07.05
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Robert Havemann

Vera Lengsfeld hatte 2004 die Parlaments-Initiative gegen die Rechtschreibreform unterstützt. Jetzt schreibt sie reformiert, um nicht aufzufallen und noch abgedruckt zu werden. Auf der „Achse“ hätte sie Robert Havemann originalgetreu und fachlich richtig zitieren können, aber sie hat es unterlassen. So schreibt Havemann 1977 das Dass-Deutsch von 1996:

Vera Lengsfeld 28.07.2015
Kein Sozialismus ohne Freiheit?

Robert Havemann, Physiker, von den Nazis zum Tode verurteilter Kommunist, bekanntester Regimekritiker der DDR, gab mit seinem „Berliner Appell“ den entscheidenden Anstoß zur Entstehung der „Unabhängigen Friedens- Umwelt und Menschenrechtsbewegung“ der DDR der achtziger Jahre... Anlässlich einer Generalrevision meiner Bücherregale, beschloss ich, „Fragen, Antworten, Fragen- Aus der Biographie eines Deutschen Marxisten“ nach über dreißig Jahren noch einmal zu lesen. Mit großem Gewinn. Manche Sätze scheinen für die heutige Situation geschrieben zu sein: „Unsere Verfassung garantiert ja das Recht der freien Meinungsäußerung. Das Unglück ist nur, dass es so wenige in Anspruch nehmen.“ Gemeint ist die DDR-Verfassung, nicht das Grundgesetz, dessen Wortlaut heute weitgehend unbekannt zu sein scheint.

Was Havemann zur Meinungsbildung in der sozialistischen DDR analysierte, ist von beklemmender Aktualität: „Eine demokratische Meinungsbildung von unten ist absolut ausgeschlossen. Zwar bilden sich zu allen wichtigen Fragen die verschiedenartigsten Meinungen innerhalb der Bevölkerung. Aber diese Meinungen des Mannes auf der Straße sind fast immer gegen die offizielle Meinung, die von oben dekretiert wird, gerichtet. In der Presse, im Rundfunk und Fernsehen wird diese offizielle Meinung zwar unaufhörlich und unisono verkündet, aber trotzdem gelingt es nicht, die Ansichten und das Denken der Volksmassen mit Hilfe dieses staatlichen Informationsmonopols zu manipulieren. Auch innerhalb der strukturellen Fasern des Machtapparats bleibt das Denken der Staats- und Parteifunktionäre völlig schizophren. Sie wissen, was sie zu denken haben. Die wahren Ansichten dieser Leute kann man nur unter vier Augen erfahren….

[Wir nähern uns offensichtlich wieder diesem Zustand.]

Interessant ist Havemanns Analyse, wie es zum Stalinismus in Deutschland kam:„.... in diesem elenden, zerrissenen, militärisch besetzten , hungernden Land war Demokratie nicht nur eine lächerliche Illusion, sie war einfach unangebracht. Was hätte schon dabei herauskommen können, wenn diese Leute das Recht gehabt hätten, frei für sich selbst zu entscheiden. Nein, sie mussten geleitet werden, ohne gefragt zu werden, von klugen, fortschrittlichen und selbstlosen Leuten. Erfüllt von unserem Sendungsbewusstsein hielten wir uns für die einzigen historisch Berufenen. Wir wurden zu Stalinisten, ohne es zu merken.“ Auch heute wimmelt es um uns herum von Leuten, die erfüllt von Sendungsbewusstsein sind und sich für berechtigt halten, um der edlen Sache willen, das dumme Volk zu erziehen.
[...]
Eine andere Beobachtung Havemanns ist noch interessant: „Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft entwickeln sich auf allen Gebieten des Lebens neue Ideen, während die Ideen der Herrschenden mehr und mehr erstarren und verkalken. Es zeigt sich, dass Form und Inhalt der parlamentarischen Demokratie sich immer weniger entsprechen. Der progressive freiheitliche Charakter der Form gerät in wachsenden Widerspruch zum zunehmend reaktionären Inhalt des Systems.

[Hier rutscht Frau Lengsfeld noch etwas Bewährtes in ihren eigenen Text:]

Man muß wahrscheinlich die Erfahrung zweier Diktaturen hinter sich haben, um so genau die Gefährdungen der Demokratie beschreiben zu können. [...]

achgut.com 28.7.2015

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Sigmar Salzburg
06.07.2015 17.38
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Ein WKII-Marinesoldat verwendete ab 1941 die Reformschreibung ...

... natürlich nicht, sondern die Focus-Redaktion schrieb sein Tagbuch um, damit die Leser nicht an das antidemokratische Schurkenstück „Rechtschreibreform“ 1996-2006 erinnert werden. Natürlich ist es wieder ausschließlich die „neue“ ss-ß-Regel, die den Änderungbedarf künstlich erzeugt, ohne daß zuvor jemand danach verlangt hatte:

... „Diese Nacht wurden wir das erste Mal von den Tommies hier im Hoplafjord angegriffen. Sie kamen ganz plötzlich, Welle auf Welle, große 4motorige Langstreckenbomber….“

Am 29. April 1942 schrieb der deutsche Marinesoldat Karl Heinrich Josten diese Zeilen in sein Tagebuch. An Bord eines Zerstörers, der gerade an der norwegischen Küste nahe Trondheim lag und dort von britischen Bombern angegriffen wurde.... Ein spannendes und historisch aufschlussreiches Dokument, das Tochter Marion nach seinem Tod im Jahr 2001 in einer Schublade entdeckte...

Am 20. März 1942 notierte er auf der Überfahrt nach Norwegen über seine vorangegangene Nachtwache:
„Der Sturm wütete mit einer Heftigkeit, die kaum zu beschreiben war. Bereits nach fünf Minuten war ich nass bis auf die Haut, ein Brecher nach dem anderen rollte über Deck... Mir war zu Mute, als ob ich sterben müsste.“

Doch schon am Morgen nach dem Sturm begeisterte sich Josten für die norwegische Fjordlandschaft:

„Die Welt und Natur ist plötzlich wie umgewandelt. Klarer Himmel, sogar die Sonne spendet wohltuende Wärme ... Alles was eben Freiwoche hat kommt an Deck und genießt den herrlichen Anblick...“

Ein wenig klang es fast nach Urlaub, wenn Josten im Frühjahr 1942 schrieb: „Eigentlich müsste man Gott und der Marine dankbar sein, dass man so viel Schönes zu sehen bekommt und obendrein noch bezahlt wird.“

... Im Dezember notierte er: „Habe auch ein Mädel kennengelernt, Fridel heißt sie. Sie hat mir die Schönheiten ihrer Heimat gezeigt, Danzig, Neufahrwasser, Zoppot und Umgebung.“ ...

Am 19. April 1945 schrieb er: „Heute wünsche ich mir mehr denn je, dass dieser Krieg recht bald zu Ende geht und die Menschen Europas sich einig sind und ein Krieg nie mehr möglich ist.“ ... „Der Krieg ist nun endlich aus ... Ich kann das alles nur in dem einen Wörtchen „Unfassbar“ ausdrücken.“... [usw.]

focus.de 1; focus.de 2; focus.de 3

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Sigmar Salzburg
13.05.2015 14.45
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Kleine Korrektur

Weltkriegs-Ende: Gedenken mit argen Webfehlern

10. Mai 2015 00:30 | Autor: Andreas Unterberger

... Der Fehler im deutschen Bundestag passierte dem – sonst sehr klug gedenkredenden – Bundestagspräsidenten Lammert. Sein Fehler war wenigstens nicht böse gemeint. Er leitete eine Aufführung des Kaiserquartetts – also der musikalischen Grundlage mehrerer späterer deutscher und österreichischer Hymnen – mit dem Hinweis ein, dass diese 1797 von Haydn dem österreichischen Kaiser gewidmet worden sei.

Nur: Damals gab es noch gar keinen österreichischen Kaiser (sondern erst ab 1804). Der „gute Kaiser Franz“ war damals noch deutscher Kaiser, oder genauer Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, also auch Kaiser ganz Deutschlands.

In einem weniger formellen Sinn hatte Lammert freilich wieder Recht. Denn damals hatte der in Wien residierende Habsburger-Kaiser schon lange keine gesamtdeutsche Macht mehr...

andreas-unterberger.at 10.5.2015

Siehe auch Leibniz und Unterrichtssprache.

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Sigmar Salzburg
22.04.2015 21.16
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Der „Spiegel“ druckt gefälschte Lübke-Rede

Das Nachrichtenmagazin läßt Heinrich Lübke oder sein Presseamt im Jahr 1966 hellseherisch in der „Reform“ von 1996 schreiben:

Vorbereitete Lübke-Rede im Kalten Krieg: „Einheiten der sowjetzonalen Volksarmee haben die Demarkationslinie überschritten“

Was hätte der Bundespräsident gesagt, wenn die Sowjetunion und ihre Verbündeten die Bundesrepublik angegriffen hätten? Dem SPIEGEL liegt eine vorbereitete Rede von Heinrich Lübke aus dem Jahr 1966 vor.


So was nennt man wohl gute Vorbereitung: Die Bundesregierung hatte 1966 für den Fall eines Angriffs der UdSSR und ihrer Verbündeten auf die Bundesrepublik eine Ansprache von Bundespräsident Heinrich Lübke (CDU) an die Bevölkerung vorbereitet. Sie liegt dem SPIEGEL vor.
Jörg Diester und Johannes Jung von der „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“ sind im Bundesarchiv fündig geworden. Das Bundespresseamt hatte diesen Text für Lübke anlässlich der Nato-Übung „Fallex 66“ entworfen. Hier der Wortlaut:

[Nach seiner orthographischen Sozialisation von 1900 bis 1945 hätte Lübke auch ß-los „äusserster“ schreiben können. Das „ß“ erweist das Dokument als Fälschung nach 1996:]

„Meine lieben deutschen Landsleute diesseits und jenseits der Demarkationslinie, Soldaten der Bundeswehr. Der Friede ist in äußerster Gefahr. Heute früh haben Einheiten der sowjetzonalen Volksarmee die Demarkationslinie überschritten und erste Kampfhandlungen ausgelöst. Das ist ein Bruch des Völkerrechts. Die Aggression richtet sich nicht nur gegen uns, sondern gegen alle mit dem deutschen Volk verbündeten Mächte der Welt. Nichts haben wir in den letzten Wochen unversucht gelassen, um den Frieden zu sichern ... In dieser schweren Stunde stehen wir alle zusammen.

Die Kraft, dem Unrecht und der Gewalt zu widerstehen, erwächst aus unserer Gewissheit, den Frieden leidenschaftlich gewollt und den Ausgleich gesucht zu haben. Wir sind den Weg der Verständigung bis zuletzt gegangen, dafür ist die Welt unser Zeuge. Nun, da die Waffen sprechen, ist es auch dem letzten Zweifler offenbar, wer den Krieg will. Noch haben wir aber nicht die letzte Hoffnung aufgegeben, dass die Vernunft doch noch Oberhand behält ...

Wir stehen in einem weltweiten Bündnis. Unsere Freunde sind an unserer Seite. Das muss dem ganzen deutschen Volk bewusst sein, vor allem auch Ihnen, meine lieben Landsleute jenseits der Elbe. Wir wissen, dass Sie zu Freiheit und Recht stehen. Wir wissen, dass die Mehrheit unserer mitteldeutschen Jugend die Uniform Ulbrichts nicht aus Überzeugung trägt.

Lasst uns in dieser Stunde der Gefahr zusammenstehen, dass der Friede doch noch gerettet, dass die gemeinsame Freiheit doch noch errungen werden kann. Nicht nur wir, Europa darf diesem schändlichen Anschlag nicht unterliegen. Das Recht ist auf der Seite der freien Welt. Zusammen mit unseren Verbündeten sind wir stark. Jeder kann sich auf den Schutz der Bundeswehr und aller öffentlichen Organe verlassen.

Wir werden im Kampf um das Leben und die Freiheit unserer Kinder ein Beispiel jenes Mutes und jener Tapferkeit geben, die unserem Volke eigen sind. Es lebe Deutschland, es lebe Europa, es lebe die Freiheit.“

(Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Die neue Ausgabe finden Sie hier.)

spiegel.de 19.04.2015

Die Fälscher hatten offensichtlich Sorge, das Dokument könnte von der jüngeren Generation nicht mehr sicher gelesen werden. Das ist ein Hinweis mehr, daß man der Einschätzung des Bundesverfassungsgerichts nicht traut, nach der Nachteile durch die Reform „nicht zu besorgen“ seien.

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Sigmar Salzburg
24.03.2015 05.42
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Auf Zitate ist kein Verlaß mehr!

Alte „daß“ werden „korrigiert“ – aber Schreibfehler bewußt zitiert:

Als Armstrong am 19. März 1965 in Berlin-Schönefeld landete ...

Der Chef der DDR-Künstleragentur, Ernst Zielke, hielt zum Empfang eine ellenlange Rede. Auf Deutsch, politisch gefärbt, Frieden, Sozialismus, Arbeiterklasse, Völkerfreundschaft, und so weiter und so fort. Für den Kulturfunktionär bedeutete der Besuch eine Aufwertung der DDR. Seht her – so die Botschaft – einer der größten Stars der Welt kommt in unser schönes Land.

So las sich das später auch in der „Schweriner Volkszeitung“: "Dass Armstrong (...) in die DDR kam, ist auch mit ein Beweis unseres wachsenden politischen und wirtschaftlichen Ansehens in der Welt.“ ...

Vor dem Konzert in Leipzig wies Stasi-Major Peterhänsel seine Leute in einem Schreiben an, „das gesamte Netz der inoffiziellen Mitarbeiter auf diese Veranstaltungen hinzuweisen...“. Darin schrieb er den Namen Armstrong gleichgültig immer wieder ohne r. Es sei damit zu rechnen, "dass der Auftritt Louis Amstrongs durch Jugendliche zu Provokationen ausgenutzt wird.“ ...

spiegel.de/einestages 23.3.2015

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Sigmar Salzburg
13.03.2015 06.45
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Hoffmann und Campe fälscht Loriot

Querköpfe / Beitrag vom 11.03.2015

Neuerscheinungen
Liiies doch mal was! Kabarett und Chanson zwischen Buchdeckeln


Von Stephan Göritz

„Liiies doch mal was!“ – diesen Rat, den einst eine von Loriots Knollennasenfiguren gab, sollten auch Kabarett- und Chansonfreunde beherzigen, erschienen doch wieder viele Bücher rund um die sogenannte Brettlkunst.

So findet man Loriots humoristische Leserbriefe über die bundesdeutsche Wirklichkeit zwischen Waschmittelwerbung und Lügendetektor, die er vor über einem halben Jahrhundert für eine Illustrierte schrieb, unter dem Titel 'Der ganz offene Brief' jetzt endlich auch zwischen Buchdeckeln.
deutschlandfunk.de 11.3.2015

Bernhard Strowitzki, sprachforschung.org, hat die Sendung gehört:
In der DLF-Sendung „Querköpfe“ wurde gestern abend eine Sammlung von Loriot-Texten vorgestellt. (Vicco von Bülow: Loriot – Der ganz offene Brief – 115 ungewöhnliche Mitteilungen; Hoffmann und Campe). Autor Stephan Göritz vermerkte dazu ungefähr: "Was würde Loriot dazu sagen, daß der Verlag seine Texte in die ihm so verhaßte Reformierte Schreibweise umgeschrieben hat?"

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